Verwirrung um Impfstoff: Der AstraZeneca-Schlamassel

Es ist ein guter Impfstoff. Allerdings verunsichern die Neuigkeiten rund um das AstraZeneca-Vakzin. Vielleicht wird am Ende alles gut.

Hände in Schutzhandschuhen halten eine Ampulle mit dem Impfstoff Astra Zeneca

Ist das ein guter Impfstoff? Foto: Frank Hörmann/imago

BERLIN taz | Es wird nicht wenige Impfwillige geben, die sich derzeit jeden Morgen fragen, welche aufregende Neuigkeit wohl heute wieder um AstraZenecas Covid-Impfstoff verkündet werden wird. Erst sollte das moderne, wirksame und von den Arzneimittelbehörden als sicher eingestufte Präparat nur an 18- bis 60-Jährige verimpft werden. Dann kam es in sehr seltenen Fällen zu schweren Nebenwirkungen, in der Fachsprache „Thrombose mit Thrombozytopenie-Syndrom“ genannt, kurz TTS.

Dann hieß es, nachdem neue Daten vorlagen, es sollten wegen der Nebenwirkungen nur noch über 60-Jährige mit AstraZeneca geimpft werden. Und weil der Impfstoff aber liegenblieb, beschlossen erst einige Bundesländer, vergangene Woche schließlich auch der Bund, dass nun jeder AstraZeneca bekommt, der das will.

Zumindest so lange, wie es noch AstraZeneca gibt, denn die EU hat angekündigt, den Vertrag mit dem britisch-schwedischen Pharmahersteller nicht zu verlängern. Wie viele Impfdosen noch geliefert werden müssen, wird wohl auf dem Rechtsweg geklärt. Bislang waren es weniger als bestellt, aber mehr, als von der Bevölkerung gewollt wurden. Bis Ende Juni kann Deutschland mit 13 Millionen statt der gewünschten 33 Millionen Dosen rechnen.

Es ist ein ziemlicher Schlamassel, unter dem vor allem die Impflinge zu leiden haben. Wer noch ungeschützt ist und noch keinen Anspruch auf einen mRNA-Impfstoff hat, muss häufig selbst herausfinden, ob das Risiko eines TTS mit möglicher Todesfolge im eigenen Einzelfall zu groß erscheint, um sich mit AstraZenecas Impfstoff impfen zu lassen – oder seit dieser Woche auch mit dem Vakzin von Johnson & Johnson, das ähnlich funktioniert.

Risiko bei AstraZeneca und J&J vergleichbar

Selbst Experten verweisen dabei auf Infografiken, die das Risiko für Altersgruppen und Risikoszenarien aufschlüsseln, allerdings auf teilweise sehr verschiedene Weise. Die Europäische Medizinagentur etwa verzichtet auf eine Unterscheidung der Geschlechter, obwohl Frauen zwischen 40 und 60 Jahren eher gefährdet sind als Männer im gleichen Alter.

Für beide Impfstoffe gelten die gleichen Empfehlungen und Freigaben, auch das Risiko eines TTS ist nach bisherigen Erkenntnissen vermutlich vergleichbar. Das J&J-Präparat hat den Vorteil, dass es nur einmal gespritzt werden muss und mit dieser einen Dosis vollen Schutz bietet. Bei AstraZeneca sind zwei Dosen nötig, die zweite gab es bislang strikt erst nach einem Vierteljahr.

Doch auch das ist jetzt anders. Seit die Priorisierung für AstraZenecas Vakzin aufgehoben ist, darf schon vier Wochen nach der ersten Dosis die zweite gegeben werden. Epidemiologen und Impfstoffexperten sind sich allerdings nicht ganz sicher, ob das eine gute Idee ist. Bisherige Untersuchungen hatten gezeigt, dass der Impfschutz mit einem Dreimonatsabstand deutlich größer ausfällt als mit der Zweitimpfung nach vier Wochen, mehr als 80 Prozent gegenüber 55 Prozent.

Jüngere Daten, die noch nicht ordentlich publiziert sind, sprechen wiederum dafür, dass mit einem verkürzten Impfschema alles okay ist, die Impfung also genauso gut vor einer schweren Erkrankung schützt. Auch hier muss sich deshalb derzeit jeder selbst fragen, was in seinem Fall sinnvoll wäre. Für alle, die ihren zweiten Impftermin in drei Monaten verpassen, vergessen oder einfach schwänzen würden – wegen des geplanten Urlaubs, aus Bequemlichkeit oder Ungeduld – ist eine vorgezogene Zweitimpfung wahrscheinlich besser als keine.

Zweitimpfung mit einem mRNA-Impfstoff

Zumal die Lieferschwierigkeiten und Rechtsstreitigkeiten rund um AstraZeneca womöglich dazu führen könnten, dass nicht für alle eilig Erstgeimpften des Spätfrühlings später noch genug zweite Dosen da sind. Aber auch hier gibt es eine neue Wendung, womöglich sogar eine, die wenigstens theoretisch von Vorteil ist.

Gemeint ist die Zweitimpfung mit einem mRNA-Impfstoff. Vom Konzept her haben die Vakzine von Biontech/Pfizer und Moderna zwar nichts mit dem von AstraZeneca gemein. Letzterer ist ein gentechnisch verändertes Schimpansenvirus, das auf seiner Oberfläche Teile des Coronavirus präsentiert. mRNA-Impfstoffe dagegen bestehen aus Bauanleitungen, wie sie in jeder Zelle vorkommen, nur dass nach den verimpften Anleitungen Viruseiweiße hergestellt werden.

Auf diese sehr unterschiedliche Weise bringen jedoch beide Impfstoffe dem Körper den gleichen Gegner nahe, das Stacheleiweiß des Virus. Beide provozieren eine Immunantwort und ein Immungedächtnis. Die Vakzine zu kombinieren, wie es in Großbritannien seit Beginn der Impfkampagne gemacht wird, könnte nach Aussage von Impfstoffexperten zu einem besonders guten Schutz führen. Was doch endlich mal hoffnungsvoll klingt – sofern die begehrten mRNA-Impfstoffe dann auch in ausreichender Menge verfügbar sind.

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