Verhältnis zu den USA nach den Wahlen: Keine Liebe, aber größer als du

Die USA sind ein nahes, fernes Land – als Supermacht und als Projektionsfläche. Dazu sechs Anmerkungen aus der Kulturredaktion der taz.

Die Freiheitsstatue in New York unter dramatischen Wolken

Um sie herum sieht es dramatisch aus: New Yorker Freiheitsstatue Foto: Lorenzo Mattei / imago-images

Die amerikanische Krise fängt erst an

Amerika, also die Vereinigten Staaten zu lieben, das gelingt im Moment wohl am wenigsten den Amerikanern selbst, und zwar den Trump- wie den Biden-Anhängern. Sie sehen sich von der jeweils anderen Fraktion ihres Landes und seiner Tugenden beraubt.

In Anti-Amerikanismus brauchen sie keine Nachhilfe. Sie brauchen Trost. Meine Freunde und Freundinnen. Die persönlich sämtlich Trump abgewählt haben. Und die meinten, jetzt nach all den schrecklichen Erfahrungen mit den bankrotten Immobilien-Mogul, müssten das doch die große Mehrheit ihrer Landsleute ebenfalls getan haben. Aber das war ersichtlich nicht der Fall.

Sie weinen buchstäblich, meine Freunde, über das Wahlergebnis, vor Scham und vor Wut. Sie brauchen Unterstützung, Rückhalt. Besserwisserei ist unangebracht. Und tatsächlich sind sie und ich in unserer Ratlosigkeit vereint. Welchen Reim soll wir uns auch auf eine Latina in Florida machen, die sagt, sie habe Trump gewählt, weil er der ehrlichste Mensch sei, den sie kenne?

Wo eine solche Aussage möglich ist, muss ein Wahlkampf scheitern, dessen oberste, wenn nicht einzige Priorität es jenseits des Trump-Lagers war, den Idioten im Weißen Haus los zu werden. Auch wenn am Ende Joe Biden das Rennen gemacht hat. Die amerikanische Krise, sie ist nicht zu Ende, sie hat wahrlich gerade erst so richtig angefangen. Es braucht Solidarität mit den USA. Brigitte Werneburg

Am Ende der White Supremacy

Die Jahre mit Trump waren ermüdend, frustrierend, oftmals irrational, aber in der medialen Dauererregungsschleife zugleich bizarr unterhaltsam; „die USA zerschmelzen in der Apokalypse“, so empfand es der kalifornische Singer-Songwriter Devendra Banhart gegenüber der taz 2019.

Weniger filmisch formulierte diesen Sommer der US-Verfassungsrechtler Ken Katkin in der taz: „Soziale Ungleichheit und diskriminierende Praktiken haben die Bewältigung des Alltags für viele BürgerInnen schlicht unerträglich werden lassen.“ In der Hauptstadt Washington regierte SUPERLATIVE IN GROSSBUCHSTABEN Make America Great Again. Nur steht die Gier der imaginierten MAGA entgegen.

Was bleibt von Trump und der republikanischen Partei, ist nackte Angst. Angst ist das Prinzip, das nicht versagt, wenn alle anderen Prinzipien versagen, hat Niklas Luhmann postuliert: „Lock her Up“, „Build A Wall“, „Stop the Count“, die Parolen von Trump verfangen am Ende seiner Amtszeit nicht mehr, weil darin kein Platz mehr bleibt für Optimismus. Optimismus ist der Dynamo der US-Gesellschaft, so gespalten sie auch sein mag.

Der Detroiter Technoproduzent Waajeed hat der taz 2018 gesagt, trotz einer düsteren Gegenwart sähe er der Zukunft mit viel Optimismus entgegen. „Momentan erleben wir das Ende von White Supremacy. Eine Weltsicht, die über 400 Jahre Bestand hatte, läuft allmählich aus und jetzt faucht und zuckt das Monster noch ein letztes Mal, bevor es verendet.“

Um 2.30 Uhr Donnerstagnacht twitterte Trump: „Es kursieren viele Geschichten über die Auszählung der Stimmen nach der Wahl, Horrorgeschichten.“ Die Fake-News-Gespenster, die er gerufen hat, jetzt suchen sie ihn heim. Julian Weber

Wie tapfer man sein muss, um frei zu sein

Max Frisch und Uwe Johnson, Wim Wenders und Peter Handke, Kathrin Röggla und Rainald Goetz, sie alle haben sich ihre Dosis USA-Ambivalenz abgeholt. So überwältigend wie die Erfahrungen von Größe, Weite und popkultureller Lebendigkeit war immer auch die von Fremdheit. Auch für die US-Amerikaner*innen selbst.

Bildmächtig eingefangen hat das 1980 Michael Cimino in seinem Epos „Heaven’s Gate“, Schlussstein des New Cinema und feiernder Abgesang auf das land of the free zugleich. Der gradlinigen Bewegung immer weiter nach Westen, ins gelobte Land (das sich dann, siehe Film Noir, Charles Manson oder „The Watchmen“, als Albtraum erweist), setzt Cimino Kreisbewegungen entgegen.

Dreimal lässt er Dutzende Figuren so vehement Kreise beschreiben, dass einem beim Zusehen ganz schwindelig wird. Am Anfang beim traditionellen Abschlussritual der noch idealistischen Elite-Bürgersöhne in Harvard. In der Mitte des Films bei einem Rollschuhtanz der Einwanderer aus Osteuropa und Russland in einer lichtdurchfluteten Scheune. Und dann am Schluss, beim blutigen Kampf dieser Einwanderer gegen die gedungenen Söldner der US-amerikanischen Viehbarone, die zuerst da waren, längst eine Art Oligarchie etabliert haben und nicht gewillt sind, von ihrem Kuchen auch nur einen Krümel abzugeben.

Ein Kreisen, dem man sich nicht entziehen kann, das aus den Vielen ein Eines macht – und das mal als Verlebendigung eines Rituals, mal als ein Tanz und mal als ein blutiger Kampf erscheint. Die USA geben einem immer auch eindringliche Bilder davon, wie tapfer man sein muss, um frei zu sein. Dirk Knipphals

Absolument moderne

Das schönste Buch, das über die USA geschrieben wurde, ist Jean Baudrillards „Amerika“.

Baudrillard bewundert und verachtet dieses Land gleichermaßen. Wo er zugeneigt sich zeigt, lauert die Ablehnung, wo der Argwohn sich seiner zu bemächtigen droht, findet er plötzlich die zärtlichsten Töne. Das ist kein Spiel, sondern Dokumentation einer Annäherung, die davon auszugehen scheint, dass es Erkenntnis stets nur vorläufig gibt.

Er behauptet und irrt, er mutmaßt und analysiert und setzt sich diesem Land wie einem Therapeuten aus, um seinen Herkunftskontinent Europa klarer zu sehen.

Flüchtige Gesten in unmerklichen Räumen, Oberflächen oder bloß eine beobachtete Bewegung am Strand genügen ihm, um eine ganze Zivilisationsform ans Licht zu zerren. L'Amérique est absolument moderne und noch immer geschichtslos.

Unendliche Ketten von Träumen, die alle gleichermaßen Freiheit meinen. Und trotzdem ist alles immer nur das, was es sowieso ist. Amerika als verwirklichte Utopie. Amerika als Hologramm. Baudrillard zieht alles in Erwägung. Amerika, so Baudrillard, entspringt dem Obszönen, und dennoch: „Selbst wenn jedes Detail Amerikas unbedeutend wäre, bleibt Amerika doch etwas, das uns alle übertrifft.“ Warum? Weil es nicht nur ein Land, sondern ein Modell ist.

Das macht die Reibungsfläche so groß – und die deutsche Häme, Besserwisserei und Überlegenheitsfantasie angesichts des amerikanischen Dramas so unerträglich kleinbürgerlich. Tania Martini

If I was a Rich Girl

Die Deutschen lieben die Coolness des schwarzen Amerika und den jüdischen Witz von Hollywood und Punk. Sie würden sich gern so bewegen und so sprechen wie die Amerikaner. Wenn nur der oberflächliche Konsumismus nicht wäre! Die Emotionen, die Amerika in den Deutschen hervorruft, sind zwiespältig.

Wie immer bei starken Gefühlen darf man davon ausgehen, dass Projektionen im Spiel sind. Wer sich ein Bild machen will, wie Deutschland tickt, muss nur beobachten, wie es auf die USA reagiert. Es zeigt sich eine ungebrochene Autoritätsgläubigkeit. Donald Trump braucht sich bloß hinzustellen und sagen, er habe gewonnen, schon hört man von deutschen Journalisten, Trump habe gewonnen. Dass die konservativen Fox News dessen Zorn erregt hatten, weil sie Joe Biden in Arizona vorne sahen, interessiert nicht.

Dann folgte die Verwunderung darüber, dass eine signifikante Minderheit der Minderheiten für Trump votiert hatte. „Huch, wie kann das sein?“ Daran kann man sehen, was passiert, wenn Identitätspolitik zur alleinigen politischen Perspektive wird. Dass auch Angehörige von Minderheiten konservativ denken, gar rassistische Stereotype pflegen können, ist in der Identity-Matrix nicht vorgesehen.

Noch desaströser für das analytische Denken wirkt sich aus, dass die Identitätsbrille ökonomische Motive ausblendet. Wer schwarz ist, chinesische Eltern hat oder aus Venezuela eingewandert ist und zur Upper Middle Class zählt, hat einen simplen Grund, Trump zu wählen. Niedrigere Steuern. Money schlägt Hautfarbe und Herkunft. Das ist das Versprechen von Amerika. Ulrich Gutmair

Patriotismus und Verfahren

Nach dem Abitur bin ich durch die USA gereist. Eine Station war der Gettysburg National Military Park inklusive Führung. In Erinnerung geblieben sind zahllose martialisch anmutende Statuen von Soldaten. Und dass der freundliche junge Mann, der uns über das Gelände der Bürgerkriegsgedenkstätte begleitete, mich fragte, was ich darüber denke. Unvorsichtigerweise sagte ich ihm, dass ich als Deutscher mit so viel kämpferischem Patriotismus meine Schwierigkeiten habe. Worauf er entgegnete, die Sache sei wohl „zu hoch“ für mich.

Ein paar Jahr später meinte ein US-amerikanischer Historiker zu mir: „Americans are the no. 1 ideological people in the world. They believe.“ Eine Einschätzung, die nicht bloß mit der psychopathischen „And strike, and strike“-Performance der evangelikalen Trump-Unterstützerin Paula White-Cain vor Augen eine höchst unheimliche Dimension bekommt.

Solch ein unerschütterlicher Glaube dürfte auch die nach wie vor zahlreichen Anhänger des amtierenden Präsidenten der USA dazu bewogen haben, trotz dessen immer demokratiefeindlicheren Gebarens weiter in ihm einen Garanten für ihre individuelle Freiheit zu sehen. Das Recht auf Waffenbesitz etwa.

Die Trump-Wähler, die jetzt mit Gewehren auf die Straße gehen, um das „Stehlen“ der Stimmen zu stoppen, meinen es daher im Zweifel ernst. In Philadelphia musste die Polizei einschreiten, um einen Angriff auf das Wahlzentrum zu verhindern. Zum Glück sind da ja noch die Amerikaner, die an demokratische Verfahren glauben. Und sie sind, wie es aussieht, in der Mehrheit.Tim Caspar Boehme

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