Übersommern in der Shopping-Mall: So fresh hier
Wohin bei der Hitze? Unsere Autorin zieht es ausgerechnet ins Einkaufscenter. Dabei macht doch auch unser Shoppingwahn den Planeten kaputt.
Foto: Joseph Giacomin/Connect Images/getty images
Jetzt verrate ich Ihnen ein kleines Geheimnis: Wenn das Thermometer über 35 Grad klettert, flüchte ich gern ins Einkaufszentrum. Klar könnte ich nun behaupten, dass ich an solchen Tagen am liebsten ins klimatisierte Museum gehe und mir Hieronymus Boschs Weltuntergangs-Triptychon angucke oder in einer Kirche das Vaterunser bete, aber ich bin eine Sünderin, die ihre Körpertemperatur am liebsten damit senkt, dass sie shoppen geht.
Während der jüngsten Hitzewelle war ich in Wien. Wien! Da stellt man sich natürlich gleich ein prachtvolles Einkaufszentrum im Stile der Hofburg vor: Renaissance! Barock! Klassizismus! Aber leider ist Wien an manchen Stellen auch nur Schwedt an der Oder, das glaubt, dass es Mailand ist.
Mit diesem Gedanken schleiche ich durch die Engerthstraße im 2. Bezirk. Links ein verblichener Gemeindebau, rechts ein paar arme Bauarbeiter, die bei diesen horrenden Temperaturen doch tatsächlich damit beauftragt wurden, flüssigen Teer über einen Fahrradweg zu kippen.
Der Teer stinkt, die Sonne brutzelt, selbst ohne körperliche Schinderei fühle ich mich nach zwei Minuten im Freien wie ein Broiler im Hähnchengrill. Doch meine Rettung ist nah: Aus nicht einmal 50 Metern Entfernung strahlt mir das Stadion Center entgegen. Wobei „strahlen“ eindeutig zu positiv ist.
Denn auch wenn die geschwungene Architektur nach großer Sportarena aussehen soll, wirkt das Einkaufszentrum eher wie der schmächtige Bruder des berühmten Ernst-Happel-Stadions, das gleich um die Ecke liegt. Statt großem Auftritt pappen hier Werbelogos wie Pickel-Patches auf fahler Betonhaut. Einen New Yorker gibt es hier, einen Nanu-Nana – dm, Tchibo, Deichmann; und weil wir in Österreich sind, natürlich auch einen Billa in XXL.
Nichts an diesem Einkaufszentrum ist richtig, und trotzdem ist es für mich in der Hitzewelle mein Place to be. Denn drinnen erwarten mich erfrischende 17 Grad wie im Frühling, wo man zwar schon im T-Shirt rumlaufen kann, aber ab und zu trotzdem noch eine Gänsehaut kriegt. Gibt es gerade etwas Besseres?
Zugegeben, viele der hier angebotenen Sachen sind totaler Schrott, aber irgendwie beruhigt es mich, durch die Gänge zu schlendern, in altbekannte Geschäfte zu blicken und für eine Weile so zu tun, als wäre nie etwas passiert: keine Klimakrise, kein zerstörter Kleinhandel, keine Geldsorgen. Wie viele andere bin ich zwischendurch immer wieder voll im Verdrängungsmodus, aber lange wird das für uns nicht mehr gutgehen.
Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!
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Als Erfinder dieser modernen Geldstaubsauger gilt übrigens ein Österreicher: der Städteplaner und Architekt Victor Gruen, der nach der Flucht vor den Nazis 1954 das erste Shoppingcenter am Rande von Detroit eröffnete. Seine Vision war kein reiner Konsumtempel, sondern ein Ort, an dem man auch in den Genuss von Kultur kommen sollte, zu Fuß und wettergeschützt.
Doch seine Utopie ist längst zur Farce geworden, unser Shoppingwahn macht den Planeten kaputt. Paradoxerweise könnte der Temperaturanstieg gerade Einkaufszentren eine rosige Zukunft bescheren, denn kein Internetschnäppchen der Welt macht die Umgebung mit einem Klick kühler – es sei denn, man kauft eine Klimaanlage.
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