Oasen der Kühle ganz ohne Klimatechnik: Berliner Kirchen bieten sich kühl an
Kirchen sind kühle Orte, aber nicht immer offen. Denn das braucht Personal – und das kostet. Dennoch öffnen immer mehr Gotteshäuser. Eine Stippvisite.
Foto: Sebastian Wells/OSTKREUZ
Katholische und Evangelische Kirche in Berlin und Brandenburg appellieren gemeinsam an ihre Mitgliedsgemeinden, „nach Möglichkeit ihre geeigneten Kirchenräume niedrigschwellig als Oasen der Kühle zur Verfügung zu stellen.“ Denselben Appell richten Senat und mehrere Bezirke an die Gemeinden. Denn Sakralbauten sind aufgrund ihrer baulichen Besonderheiten ganz ohne Klimatechnik besonders kühl. Viele Menschen leiden unter der Hitze und würden sich gern in kühlen Räumen aufhalten.
Nur: Kirchen sind fast immer verschlossen. Als Schutz vor Diebstahl an historisch wertvollen Schnitzereien, Taufbecken und Heiligenbildern sowie vor Vandalismus und wegen der Haftung bei Unfällen öffnen viele Gemeinden ihre Kirchen nur, wenn eine Aufsichtsperson nach dem Rechten sieht. Doch das erfordert Personalkosten, die viele Gemeinden nicht haben.
Somit können sich die allermeisten Gemeinden nicht nach dem Aufruf ihrer Landeskirchen und des Senats richten, auch wenn sie es gern wollten. Berlin hat rund 400 Kirchen und Kapellen, fast alle sind kühl. Doch gerade mal 13 evangelische Kirchen sind an allen Wochentagen geöffnet, einige wenige weitere an bestimmten Wochentagen oder ab bestimmten Außentemperaturen. Bei der Katholischen Kirche sieht es nicht besser aus. Allerdings: Vor zwei Jahren waren lediglich sechs evangelische Kirchen wochentags verlässlich für Hitzegeplagte geöffnet.
Zu den offenen Kirchen gehört beispielsweise die Marienkirche, gleich neben dem Fernsehturm gelegen. Sie ist allerdings in einer ganz anderen Situation als die allermeisten Gemeinden: Hierher kommen mehrere hundert Touristen pro Tag, die auch die Kollekte füllen, sagt Pfarrer Michael Kösling. Von dem Geld kann die Gemeinde einen hauptamtlichen Kirchenwart anstellen. Somit finden hier Kösling zufolge auch soziale Randgruppen Ruhe und Schutz: verwirrte Menschen, Alkoholkranke, Obdachlose. „In diesem Jahr beginnen wir, für diese Menschen Trinkwasser anzubieten. Mal sehen, ob das angenommen wird.“
„Das mit dem Hitzeschutz muss sich erst rumsprechen“
Geöffnet ist auch die eher kleine und versteckte Wichern-Kirche im Norden von Spandau. „Anwohner nutzen das für Gespräche und nette Begegnungen, für stille Einkehr“, freut sich Pfarrerin Thea Voß. Dass hier besonders viele Hitzegeplagte kommen, hat sie aber noch nicht beobachtet. „Eher kommen im Winter mehr Gäste, die hier Schutz vor Kälte suchen. Das mit dem Hitzeschutz muss sich erst rumsprechen.“
Sehr gern würde ihre Gemeinde auch die Lutherkirche tagsüber öffnen, die in der Spandauer Neustadt und damit in einem sozialen Brennpunkt liegt. Hier wäre der Bedarf an Hitzeschutz sicher viel höher, meint die Pfarrerin. „Aber das können wir nicht leisten. Wir haben sogar bei geschlossenen Kirchentüren mit Vandalismus zu kämpfen.“
Auch die Apostel-Paulus-Kirche in Schöneberg ist das ganze Jahr über täglich geöffnet, möglich wird das durch ehrenamtliches Engagement der Gemeindemitglieder und anderer Menschen aus dem Kiez, die nicht alle Christen sind. An dem Kirchgebäude prangt ein Transparent „Kühler Raum“. Das hat der Bezirk bezahlt genau wie an anderen kühlen Räumen in Tempelhof-Schöneberg.
In der Kirche verbringen viele Menschen aus dem Kiez ihre Mittagspause, um zur Ruhe zu kommen, oft auch um zu meditieren, sagt Pfarrerin Martina Steffen-Elis. Dass es so schön kühl ist, sei in diesen Tagen besonders willkommen. Die Diakonie stellt einen Trinkwasserspender.
Transparent und Trinkwasserspender – die finanziellen Mittel, die Gemeinden bekommen, um ihre Kirchgebäude bei Hitze zu öffnen, sind bescheiden. Von Kirchen wird ehrenamtliches Engagement erwartet. Tatsächlich leisten Gemeinden viel ehrenamtliche Arbeit. Doch das hat Grenzen, insbesondere, weil die Zahl der Kirchenmitglieder immer kleiner wird. Ohne finanzielle Unterstützung von außen können Gemeinden ihre kühlen Sakralbauten nur öffnen, wenn sich genug Ehrenamtler finden. Und das wird tendenziell eher seltener.
Die Opposition kritisiert, dass der Senat zu wenige kühle Orte schafft. Tobias Schulze, Co-Fraktionsvorsitzender der Linken, sagt: „Der Senat hat es nicht vermocht, gezielt Kirchen und Einkaufszentren anzusprechen oder Bibliotheken und Stadtteilzentren entsprechend auszurüsten, um Menschen aufzunehmen, wenn ihre Wohnungen zu heiß sind.“ Und Werner Graf, Co-Vorsitzender der Grünen-Fraktion, fordert, bei Hitze Kunstmuseen und Ausstellungshäuser kostenfrei für alle zu öffnen, da diese ohnehin gekühlt sind.
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