Über den Müll und die Demokratie: Ich-Kränkungen an der Altkleidertonne
Die Klage über die grassierende Verwahrlosung urbaner Räume ist unüberhörbar. Sollte man jetzt nach den zarten Pflanzen des Gelingens suchen?
D ie Zeit uneingeschränkter Freiheitssuche war vorbei. In dem Film „Alice’s Restaurant“ aus dem Jahr 1969 besucht der Sänger Arlo Guthrie eine in Auflösung befindliche Hippiekommune. Der Regisseur Arthur Penn („Bonnie & Clyde“) hatte den Stoff nach einer Geschichte Guthries entwickelt, die dieser zuvor als sogenannten Talkin' Blues unter dem Titel „Alice’s Restaurant Massacree“ aufgenommen hatte. Ein fast vergessenes Stück Popgeschichte.
Es handelt davon, wie das lyrische Ich bei seiner Musterung wegen eines in den Akten festgehaltenen Müllvergehens in der Gruppe der Schwerverbrecher landete. Dabei habe er doch bloß aufräumen wollen und sich spontan entschieden, den Abfall auf einen Haufen zu werfen, den er im Wald bereits vorgefunden hatte.
Penns Film karikiert die Doppelmoral und Ängste der US-amerikanischen Gesellschaft zu Zeiten des Vietnamkriegs, beschreibt aber auch die wachsende Desillusionierung innerhalb der sogenannten Gegenkultur.
An den Film muss ich denken, wenn ich an sorglos vollgestopften Altkleidercontainern vorbeikomme. Jacken, Hosen und T-Shirts quellen aus den Klappen hervor, und vor den Behältnissen türmen sich aufgerissene Plastiktüten und weitere Müllreste. Das Guthrie-Prinzip, einem großen Haufen mehreren kleinen den Vorzug zu geben, scheint virulenter denn je.
Mülltrennung lustvoll verworfen
Das Lächeln jedoch, mit dem man die spontane Müllentsorgung im Film amüsiert hinnahm, ist längst einem verzweifelten Staunen gewichen. Meist ziehen urbane Müllhaufen weiteren Müll an, und man meint, Menschen dabei zusehen zu können, wie sie ihre eben noch vorhandenen guten Vorsätze buchstäblich über den Haufen werfen.
Anders ausgedrückt: In der Dämmerung vollzieht sich an den Altkleidercontainern eine Art gesellschaftliche Verwahrlosung. Die Prinzipien der Mülltrennung und -entsorgung mögen noch gelten. Vorm Container aber werden sie lustvoll verworfen, als gelte es, die Gebote der Rücksichtnahme und der Partizipation in Gestalt einer gesellschaftlichen Entladung gleich mit zu torpedieren.
Ganz so banal verhält es sich mit der Enthemmung, die immer den anderen widerfährt, allerdings nicht. Untergründig scheint ein verschämtes Wir am Werk. Fast meint man, das Anschwellen jener Wut erspüren zu können, die mit der unausgesprochenen Erwartung verbunden ist, die sorgsam befüllten Kleidertüten wegen Überfüllung unverrichteter Dinge wieder mitnehmen zu sollen. Die gemeinschaftliche Pflicht wird in diesem Moment als Einschränkung der individuellen Freiheit wahrgenommen, und wenn dabei eine innere Stimme ertönt, ruft sie empört: „Wer bin ich denn?“ oder: „Mit mir doch nicht“.
Das Leben in Zwischenräumen
Wie auch immer: Die Klage über die Verwahrlosung urbaner Räume ist unüberhörbar, in den sozialen Medien vervielfältigen sich Fotos von wild abgestellten Couchgarnituren und Glascontainern, die von Tausenden Flaschen umstellt sind, als handele es sich um eine soziale Skulptur der Verelendung.
Passend dazu ist in den Feuilletons eine Textsorte wiederbelebt worden, die als elegant geschriebene Enttäuschungsouvertüren über den bevorstehenden Abschied von Berlin als Stellvertreterin eines viel größeren Elends daherkommen. Ging vom Leben in Zwischenräumen und Provisorien einst eine verführerische Anziehungskraft für das eigene Aufbruchsbegehren aus, so tönen nun die Signale: „Nichts wie weg“ – weitgehend ohne die lange gültige Befürchtung, damit bloß spießig zu wirken.
Trotz und Zwang zu demonstrativer Selbstbehauptung äußern sich nicht nur in der Szenerie vor der Altkleiderabgabe. Eine gesteigerte Lust am Durchbruch des Asozialen zeigt sich anhand der verweigerten Bildung einer Staugasse auf der Autobahn ebenso wie in der Notaufnahme von Krankenhäusern, in der lange Wartezeiten als mutwillige Gängelung empfunden werden.
Wenn etwas nicht klappt, wird es einer gesellschaftlichen Dysfunktionalität zugeschlagen, die sogleich als Angriff auf das eigene Ich gewertet wird. Ein Wort gibt dann das andere, und allzu plötzlich findet man sich wieder in einer Szenerie der Zuspitzung, die für gewöhnlich anderen zugeschrieben wird.
Schneisen in die Daseinsvorsorge
Unterdessen ließe sich beobachten, dass die Vokabel „ausrasten“ zu den beliebtesten Phrasen in den sozialen Medien gehört. An die Stelle gesellschaftlicher Konventionen, aus denen die Befreiung nie leichter schien als in der Spätmoderne, ist die unbedingte Erwartung reibungsloser Abläufe getreten. Sobald sie gestört werden, lauert der Kränkungsfall.
Im Bemühen, derlei Phänomene einer gesellschaftspolitischen Deutung zuzuführen, sind die Ausfälle und Verspätungen der Deutschen Bahn zuletzt häufig zu einem Demokratieproblem hochgerechnet worden. Das schwindende Vertrauen in den Fahrplan, so die lineare Logik, habe das Misstrauen in den Staat befördert.
Völlig abwegig ist der Gedanke nicht. Das neoliberale Freiheitsversprechen hat massive Schneisen in die Daseinsvorsorge geschlagen und staatliche Institutionen unter erheblichen Rechtfertigungsdruck gesetzt. Den Rest hat ein populistisches Grundrauschen besorgt, das längst alle politischen Lager durchzieht. Mal abgesehen davon, dass die brachial vereinfachende Metapher von der „letzten Patrone der Demokratie“ einiges über jene verrät, die sie verwenden, kommt hier ein arg reduziertes Verständnis von Demokratie zum Vorschein, in der dieser kaum mehr als die Rolle eines Dienstleistungsunternehmens zugewiesen wird.
Zum Drama gegenwärtiger Instabilitätserfahrungen hat sich eine politische Rhetorik gesellt, die sich auf beschämende Weise den Zustellungsversprechen von Lieferdiensten angenähert hat. Wo „Führung bestellt“ und „geliefert“ werden muss, bleibt kein Raum mehr für Aushandlungsprozesse im Kleinen, aus denen – wenn schon nichts Großes – dann zumindest Gelingendes hervorgehen kann.
Was die Talkshows erreicht
In den Mühen der Ebene jedoch hat das Misstrauen gegenüber demokratischen Prozessen sehr viel mit dem Achtungsverlust kommunaler Politik zu tun. Was in Gemeinderäten verhandelt wird, erreicht selten die Talkshows, und die sich epidemisch verbreitende Bereitschaft, mit einem radikalisierten Populismus zu gehen, fußt zu nicht geringen Teilen darauf, dass die alltäglichen Stockungen und Störungen zuletzt allzu leicht zu einem allgemeinen Systemversagen hochzurechnen waren.
Nichts leichter als die Ausblendung eigener Verantwortung aus den Zwängen des „Systems“. Das Karitative, Gemeinnützige und Solidarische erscheinen aus dieser Perspektive bloß noch als Zumutung und Regelerwartung, der man sich lustvoll zu widersetzen aufgerufen fühlt, als erfordere sie eine überfällige Mut- und Wutprobe.
Und? Kann man gar nichts dagegen tun?
Wie durch ein Wunder gehen mit etwas Geduld und eigenem Zutun zarte Pflänzchen des Gelingens aus modrigen Sumpfblüten hervor. So jedenfalls widerfuhr es Toni S., nachdem er eines Tages via Internet die Bitte an die Berliner Stadtreinigung (BSR) adressiert hatte, in der Nähe einer benachbarten Schule wegen starker Verschmutzungstendenzen doch ein paar zusätzliche Abfallbehältnisse aufzustellen.
Eine verblüffende Antwort
Öffentliche Eingabe, städtische Behörde – man glaubt zu wissen, wie so etwas ausgeht im Behördenmikado. Toni S. war vorgewarnt. Wir bitten, hatte es in der automatischen Eingangsbestätigung geheißen, von Nachfragen abzusehen.
Kurze Wartezeit, fast schon vergessen. Dann aber erhielt er eine verblüffende Antwort: „Nach Prüfung der Sachlage haben wir uns dazu entschieden, in der Straße […] einen Papierkorb anbringen zu lassen. Der Auftrag ist erfolgt und sollte bis Ende der Woche erledigt sein. Wir wünschen Ihnen eine angenehme Woche.“
Gesagt, getan. Die Behälter sind angebracht. Okay. Vor überschwänglichen Gefühlsausbrüchen wird gewarnt. Wir befinden uns in einem Berliner Bezirk in westlicher Randlage. Von dort aber geht, wenn man die amtlichen Schreiben nur richtig zu deuten weiß, die Botschaft aus, dass Berlin – hallo Kreuzberg, hallo Neukölln – noch immer zu werden verspricht in Zeiten desillusionierenden Seins. Das sind sie doch, die guten Nachrichten zum Verelendungsblues.
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