Verelendung und Repression: Die offenen Wunden Berlins
Berlin sei „over“ heißt es. Dabei ist alles noch da, die Not und die, die wegschauen. Aber wollen wir nicht versuchen, Menschen zu bleiben?
Neulich ging ich eine Straße in Kreuzberg entlang und ein Auto fuhr an mir vorbei. Darin saß eine Frau auf dem Beifahrersitz, um die 50, und aß eine Süßigkeit. Direkt vor mir ließ sie das Fenster runter und die Plastikverpackung durch den Schlitz fallen, wie ein Kuvert in einen Briefkasten. Bloß dass da kein Briefkasten hinter der Autoscheibe war, sondern die Stadt, in der wir beide wohnen.
Ich war traurig. Auch weil ich dachte, dass es Frauen in dem Alter besser wissen. Wie kann man den Ort, an dem man lebt, so sehr hassen, fragte ich mich. Oder hat ihr Berlin zu verstehen gegeben: Wir kümmern uns auch nicht um diese Stadt, also mach ruhig. Berlin scheint in einer Wechselwirkung angekommen zu sein, in der die Stadt immer dreckiger wird, und weil sie so dreckig ist, Menschen, die hier leben, sie noch dreckiger machen.
Berlin ist halt schmutzig, sagen manche. Dabei blendet man aus, dass Menschen in diesem Dreck leben. Es gibt nicht nur den Müll, es gibt auch diejenigen, die zwischen dem Müll auf den Straßen verelenden. Und das ist kein Schmutz, der zu beseitigen ist, das sind Menschen, die leiden und die keine Hilfe bekommen, während Zeitungskommentare darüber informieren, dass Berlin "over" sei, weil zu dreckig. Es sind Menschen, die offene Wunden haben, die halb tot auf den Gehwegen liegen, während Leute wie ich an ihnen vorbeigehen, weil wir verlernt haben, uns zu kümmern angesichts all des Leids. Auch weil es manchmal zu schlimm ist, hinzugucken.
Wegzuschauen, das sei ein egoistischer Reflex, sagt die französische Philosophin Simone Weil, gerade wenn es darum gehe, sich malheur, dem Leid, zu stellen. „Einem Menschen zuzuhören, dessen Seele durch Leid verwundet ist, zerstört die eigene Seele“, schreibt Weil in „Die Person und das Heilige“. Deshalb fänden Leidende kein Gehör. „Und sie selbst verlieren allmählich die Kraft zu sprechen, weil sie spüren, dass ihnen niemand wirklich zuhört.“ Dabei lägen Schönheit und Liebe genau darin, die Leidenden wahrzunehmen und ihnen zuzuhören.
Wir sind alle Nachbarn
Ich kenne manche Wohnungslose in meiner Nachbarschaft am Görli. Die Frau, die seit etwa zwei Jahren hier ist und immer magerer und manischer wird, weil sie den ganzen Tag Crack raucht. Sie muss in meinem Alter sein. Oder N. aus Estland, der oft Wutanfälle hat, Glasflaschen schmeißt und Ladenbesitzer nervt. Aber wenn man ihn ansieht, mit ihm spricht, dann verschwindet die Wut und er lächelt durchweg. Ich kenne auch ein paar Dealer, wie A., dessen Geldbeutel ich fand und der mir seinen Inhalt anbot, als ich es zu der Geflüchtetenunterkunft brachte, in der er laut den Dokumenten im Portemonnaie wohnte.
Wir sind alle Nachbarn. Dass das nicht immer leicht ist, dass sie manchmal durchdrehen, und Spritzen und sonstiges hinterlassen, das versteht man. Weil es kaum Orte für sie gibt. Weil sie von der Polizei schikaniert werden, die der Situation schon lange nicht mehr gewachsen ist. Weil sie nicht aus Spaß konsumieren. Weil sie oft niemanden haben. Weil auch sie sich ein anderes Leben wünschen.
„Was soll ich machen?“, fragte ein Dealer in einem „Deutschlandfunk“-Beitrag neulich. „Ich würde gerne arbeiten, auch für 500 Euro.“ Aber er darf nicht. Er deale, weil er nicht klauen will. Manche sind illegal hier, manche haben Asyl – in beiden Fällen gibt es ein Arbeitsverbot. Aber öffentliche Debatten enden in rassistischen Abschiebefantasien: alles wegdeportieren, am besten auch diejenigen, die bei den Dealern einkaufen und hier verelenden.
Vor kurzem bin ich umgezogen. Ein paar Straßen weg vom Görlitzer Park, nicht weit, aber doch so, dass einiges anders wurde: keine Dealer mehr vorm Haus, keine Crackrauchenden auf der Treppe, keine Exkremente vor der Haustür. Der einzige Trost, den die Berliner Drogenpolitik nämlich geben kann, ist, dass sich das Leid nicht direkt vor einem abspielt, dass sich das Leid woanders hin verlagert. Dann schafft man es, ein bisschen länger wegzugucken. Aber dass ernsthafte Maßnahmen ergriffen werden, um den Menschen auf der Straße zu helfen, darauf sollte man nicht wetten.
Stattdessen bekamen wir einen Zaun. Wenn ich am Spreewaldplatz, direkt neben dem Görli, vorbeigehe, sehe ich das Ergebnis. Seit der Görlitzer Park nachts abgeschlossen ist, sitzen da Menschen, die in kleinen Camps konsumieren, manche auch hinter der Barriere einer Baustelle, die einen Teil des Platzes seit Jahren einnimmt. Sie liegen da, völlig fertig, konsumieren jetzt nicht mehr zwischen den Büschen und den Bäumen im Park nebenan, sondern vor unseren Augen, damit wir wegschauen können. Das ist alles, was die Berliner Drogenpolitik ihnen geben konnte.
Ich denke an die Frau im Auto. Wenn man täglich sieht, dass Menschen hier im Stich gelassen werden, dass sie vor sich hin vegetieren, schlicht, dass sie nicht wie Menschen behandelt werden – wie soll man dann erwarten, dass sich alle anderen auch noch wie Menschen verhalten? Etwas Menschsein stirbt dann auch in uns.
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