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UN-Resolution für bessere WeltkartenEine Frage der Welt-Anschauung

Weltkarten prägen unser Bild der Welt. Die Vereinten Nationen versuchen jetzt auf Initiative Afrikas, eine historische Verzerrung zu korrigieren.

D ie Erde ist keine Scheibe. Keine zweidimensionale Darstellung der Welt gibt die dreidimensionale Realität korrekt wieder. Diesem Dilemma begegnen Kartografen seit Jahrhunderten unterschiedlich. Einen möglichst genauen Bezug zur Wirklichkeit sollten Weltkarten aber schon haben, das ist seit der Renaissance eigentlich Konsens. Man könnte das für ganz einfach halten – ist es aber nicht. Wer je einen Globus betrachtet hat, wird sofort merken, wie anders die Welt sich präsentiert als auf jeder flachen Weltkarte.

Die Antarktis und Grönland sind überraschend winzig, das riesige Afrika drängt seinen kleinen nördlichen Nachbarn Europa fast an den Rand. Auf gebräuchlichen europäischen Weltkarten hingegen ist es andersherum. Da sind die polaren Weltregionen riesig, Afrika schrumpft auf ein Anhängsel Europas. Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat nun am 4. September einen neuen internationalen Standard für Weltkarten beschlossen.

Zukünftig sollen alle Länder und Erdteile flächentreu dargestellt werden. Die „Equal Earth Projection“ soll geraderücken, was fast alle Weltkarten bisher falsch machen: Je weiter ein Land vom Äquator entfernt ist, desto größer erscheint es. Der bekannteste internationale Standard, die sogenannte Mercator-Projektion, ist das extremste Beispiel. Sie macht Grönland so groß wie Afrika, Europa erstreckt sich über eine ähnliche Fläche wie sein südlicher Nachbarkontinent. Sibirien ist riesengroß, die Antarktis eine schier endlose Weite.

Dass das alles nicht so genau stimmen kann, ist den meisten Menschen irgendwie klar. Aber wie vollkommen falsch es ist, das erstaunt so gut wie alle, die darauf hingewiesen werden. Afrika ist in Wahrheit 14-mal größer als Grönland, das bloß der Fläche Saudi-Arabiens entspricht. Afrika ist so groß wie Russland, China und die USA zusammengenommen.

Wenn 40.000 gleich 13.700 ist

Die Mercator-Projektion, im Jahr 1569 für die europäische Seefahrt entwickelt, hat in der Navigation den unersetzlichen Vorteil, dass sie winkeltreu ist. Eine gerade Linie auf einer Mercator-Karte entspricht einer geraden Linie auf dem Globus. Der Kniff: Die Längengrade verlaufen auf der Karte immer parallel zueinander. In der Realität konvergieren sie an den beiden Polen und Richtung Äquator gehen sie immer weiter auseinander. Am Äquator entspricht ein Längengrad einer Entfernung von 60 Seemeilen, rund 111,3 Kilometer. An Nord- und Südpol beträgt die Entfernung Null.

Afrika ist in Wahrheit 14-mal größer als Grönland, das bloß der Fläche Saudi-Arabiens entspricht

Am Äquator beträgt der tatsächliche Erdumfang rund 40.075 Kilometer. Am 50. Breitengrad, auf dem zum Beispiel Mainz liegt, sind es rund 25.730, am 70. Breitengrad, in dessen Nähe die Nordküsten von Alaska und Kanada verlaufen, nur noch rund 13.700. Aber auf einer Mercator-Karte sind alle diese Entfernungen gleich. Um das zu ermöglichen, werden die Breitengrade immer weiter auseinandergezogen, die abgebildeten Gebiete werden immer größer.

Die Schifffahrt und auch die Luftfahrt braucht winkeltreue Karten. Aber Karten sind nicht nur Mittel zur Navigation, sondern sie beinhalten auch eine Darstellung der Welt. Für unterschiedliche Zwecke benötigt man unterschiedliche Mittel. Ein verzerrtes Bild der Welt produziert ein verzerrtes Weltbild. Würden so viele Menschen Russland für überwältigend allmächtig halten, wenn sie sehen könnten, dass das Land eigentlich in Afrikas Sahara- und Sahelzone hineinpasst?

Würde US-Präsident Donald Trump so beharrlich Grönland beanspruchen, wenn er wüsste, dass es in Wirklichkeit gar kein Kontinent von der Größe Afrikas an zentraler Stelle zwischen Amerika und Europa ist, sondern eine Insel kleiner als Algerien am Nordostrand Kanadas? Es gab schon viele Versuche, sich von der als imperial wahrgenommenen Mercator-Projektion zu lösen, und ab etwa den 1970er Jahren wurde sie immer seltener.

Die Regression auf dem Smartphone

Aber dann kam das Internet. Google Maps und ähnliche kartografische Dienste funktionieren nur mit Mercator, denn nur damit lässt sich vergrößern und verkleinern, ohne ansonsten etwas verändern zu müssen. Bei Menschen, die nur das für Wirklichkeit halten, was sie auf ihrem Smartphone sehen können, verursacht das eine gigantische Regression. Sie sehen die Welt wieder in imperialen Zusammenhängen. Sie sehen die Erde als Scheibe.

„Das historische Erbe kartografischer Verzerrungen der Kontinentalgrößen hat kognitive, bildungsbezogene, kulturelle, geopolitische und sozioökonomische Auswirkungen“, heißt es nun in der Resolution 80/L.104 der UN-Generalversammlung. Den Text brachte Togo im Namen der Afrikanischen Union ein. Togos UN-Botschafter sprach von einem Schritt zu „größerem Verständnis, Respekt und Frieden zwischen den Nationen“. Einzig die USA stimmten dagegen. Das Vorhaben sei Teil eines „radikalen ideologischen Projekts“, so die Begründung.

Die Debatte war nicht frei von Misstönen. Weil auf der in New York vorgelegten Weltkarte die Krim nicht als Teil der Ukraine erscheint – sie erscheint auch nicht als Teil Russlands, sondern ist irgendwie selbständig geworden – enthielt sich die Ukraine sowie aus Solidarität auch Estland, Georgien, Litauen und Moldau. Und weil Kosovo draufsteht, enthielt sich Serbien.

Das Projekt, der Wiedereinführung imperialer Weltansichten durch die großen Techkonzerne etwas entgegenzusetzen, darf aber nicht an Staatsgrenzen scheitern. Die Originalkarte von Equal Earth, 2018 entwickelt, enthält lediglich geografische Umrisse. Seit Jahren trommelt eine Initiative „Correct The Map“ für bessere Weltkarten. In Deutschland weist das Entwicklungsministerium BMZ darauf hin, dass es Equal Earth bereits seit dem Frühjahr benutze. Frankreichs Außenministerium kündigte das jetzt als neuen Standard an. Im Auswärtigen Amt sieht man allerdings nach wie vor verzerrte Karten, wenngleich selten die Mercator-Projektion. Und auch unter Journalisten gibt es erstaunlich hartnäckigen Widerstand.

Die UN-Resolution ruft nun nicht einfach zur allgemeinen Übernahme von Equal Earth auf. Sie verlangt „Bewusstseinsbildung in Bildung, Wissenschaft und Medien“. Man darf gespannt sein.

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Dominic Johnson

Dominic Johnson Ressortleiter Ausland

Seit 2011 Co-Leiter des taz-Auslandsressorts und seit 1990 Afrikaredakteur der taz.
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19 Kommentare

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  • Vigoleis

    Die historische Verzerrung ist hier, aus einer technisch bedingten "Verzerrung" eine historisch-weltanschauliche Verzerrung zu konstruieren.



    Mir wurden im DDR-Schulatlas selbstverständlich mehrere Darstellungsmöglichkeiten angeboten.



    Und wer bis zum UN-Beschluss geglaubt hatte, Grönland sei so groß wie Afrika, der glaubt auch, die Römer hätten den Gallischen Krieg verloren.

  • Martin Rees

    Der Globus als Teil der Ausstattung in Kinderzimmern ist inzwischen auch dem Smartphone gewichen, außer als luftgefülltes Spielzeug für den Besuch im Schwimmbad.🗺️

  • warum_denkt_keiner_nach?

    Warum muss man aus allem einen Weltanschauungskampf machen? Das fördert doch nur die AfD.

    Wenn es eine Methode gibt, die die Welt besser realistischer darstellt, als eine Methode von 1569, nutzt man sie. Punkt. Auf anderen Gebieten ist man doch auch nicht im Jahr 1569 stehen geblieben.

  • serious?

    Ja gut man hätte dennoch konkreter erwähnen können das es brauchbare flächengetreue Projektionen schon lange gab und diese in Europa auch genutzt werden konnten.



    Z.b. die Mollweide-Projektion von 1805 sowie die Eckert III und IV Projektion von 1906.

    Und nicht flächengetreue vermittelnde Abbildung gab es noch länger, und recht flächengetreu ist die Robinson-Projektion von 1961. Glaube diese ist auch in meinen Schulatlas hinten drin gewesen oder eine andere.



    Die Ersteller der Equal-Earth Projektion haben sich ja auch visuell an der Robinson-Projektion orientiert.

    Interessant wäre ob im Internetzeitalter unter nach 2000 geborenen Personen das Wissen über die relativen Flächengrößen abnimmt und ob bzw. wie dies nach Qualität des durchlaufenen Bildungssystems variiert.

  • Francesco

    Kaum eine Weltkarte benutzt die Mercatorprojektion. Zumindest nicht in einem Schulatlas. Auch nicht in den USA.

  • DiMa

    Die erste Frage ist doch, weshalb die UN für so eine Frage überhaupt zuständig sein sollte. Aus den vorliegenden Texten ist nicht zu erkennen, dass die UN für Karten zuständig sein sollte. Die zweite Frage ist dann, welche Reichweite und Folgen dieser Beschluss überhaupt haben sollte und die dritte Frage ist dann, weshalb Europa und Afrika in der Mitte dieser Karte liegen müssen? Genausogut hätte man auch Australien in die Mitte legen können (oder den Atlantik).

    Nicht über jede Resolution die eingebracht wird, sollte auch entschieden werden.

    • Perkele

      @DiMa:

      Gute Idee. Dann hätten auch andere Länder mal was von den arktischen Regionen: Zentral-Afrika am Südpol und der Südpol am Äquator. Eine kolossal schlüssige Forderung! Und der Zuständigkeit der UN kann man die von Luxemburg entgegenhalten - ist doch logisch, gell? Hauptsache man kann drüber nörgeln...

    • Petros

      @DiMa:

      Die wichtigste Frage ist aber warum Sie so viele Fragen stellen und wer sie Ihnen beantworten soll.



      Ich werde sie Ihnen jedenfalls nicht beantworten.

      • DiMa

        @Petros:

        Die Fragen sollen zum Nachdenken anregen. Meines Erachtens muss bei internationalen Organisationen (UN, EU) stets drauf geachtet werden, dass sich diese im Rahmen ihrer Zuständigkeiten bewegen. Ansonsten ufert das aus. Das sieht man ja ganz gut am EU-Parlament.

        Hier in der Sache, soll doch jedes Land selbst regeln, welche Karte genutzt wird. Dafür braucht es keine UN.

        Die USA haben das richtig erkannt. Auch wenn ich kein Fan der amerikanischen Politik bin, in dieser Sache haben sie alles richtig gemacht.

  • Katharina Reichenhall

    Ich interessiere mich, seit ich ein kleines Kind bin, für Geographie, Landkarten und Globen. Schon damals habe ich mich gefragt, woher der Unterschied zwischen einem Globus und einer zweidimensionalen Karte kommt und habe verstanden, warum das so ist. Ich denke, das schafft jeder, der bereit ist, sich kurz damit zu befassen.



    Aber natürlich ist es überfällig, dass es Standard für Landkarten wird, die Staaten entsprechend ihrer tatsächlichen Größe darzustellen. Ob das nun ein emanzipatorischer Kampf der Afrikaner ist, naja, das sei jetzt mal dahingestellt.

  • David Lejdar

    Was geografische Karte betrifft, wie im Schulatlas, ich bin dafür, die neuere Karte zu nutzen. Bzw., man könnte sogar eigene 3D-Karte machen, wie virtueller Schulglobus, was in dem Sinne bei NASA mit Satelittenaufnahmen zu sehen ist:

    eyes.nasa.gov/apps/earth/#/

  • gyakusou

    Es gibt keine perfekte Karte. Auf der Equal Earth-Karte sind dafür jetzt Länder verzerrt dargestellt, mal mehr, mal weniger.

    Statt jetzt aus Landkarten wieder einen Kulturkampf zu machen, sollte man den Menschen die Vor- und Nachteile erklären. Und die für den jeweiligen Zweck am besten geeignete Karte nutzen (obwohl es immer ein Kompromiss bleibt).

    • DerLurch

      @gyakusou:

      Oder man hört auf die Länder außerhalb Europas zu diskriminieren. Oder welche Karte hat mal Asien oder Afrika als Mittelpunkt?

  • Deutschfranzose

    Man kann Google ja einiges vorwerfen aber Google Maps ist überhaupt nicht Mercator. Man darf nicht Längen- und Breitengrade mit Projektion auf flaches Papier oder Bildschirme verwechseln! Und mir wäre neu, wenn es bei dieser Projektion um eine Änderung der Breitengrade ginge.

    Wenn man bei Google mMaps herauszoomt, wird einem keine Weltkarte gezeigt, man kommt auf eine Kugel! Die zeigt nie mehr als die Hälfte der Erde (etwas weniger), aber, und darin liegt die Gerechtigkeit, jeder kann sich seinen Nabel der Welt aussuchen.



    Der Rest ist Mathematik, umrechnen von Koordinatensystemen.

    Bei der flächentreuen Projektion geht es um ein Gesamtbild der Welt, bei dem Europa trotz allem wieder "oben" und "in der Mitte" landet, der riesige Pazifik ganz außen.

    • fourorty

      @Deutschfranzose:

      Das war aber tatsächlich lange Zeit nicht so. Dass Herauszoomen zu einer Kugel führt, gibt es erst seit ein paar Jahren.

    • serious?

      @Deutschfranzose:

      Also ohne verwendung eines Google Accounts und auf zwei Browsern bekomm ich jetzt Stand 06.09.2026 (Standardeinstellungen) immer die von Dominic Johnson erwähnte Mercator Darstellungen und diese bei vollen rauszoomen auch als Weltkarte.

      Ich müsste auf Layers klicken dann auf "more" klicken und dort dann die "globe view" erstmal gezielt aktivieren.



      Entgegen ihrer Aussage ist das keine Standardeinstellung und bei mir setzt sich das jetzt auch immer zurück.

      • Francesco

        @serious?:

        Das ist vielleicht eine Verwechslung von Google Maps mit Google Earth.

    • Francesco

      @Deutschfranzose:

      Doch, ich denke schon, dass die Google-Map eine Mercator-Projektion ist. Das macht auch Sinn, damit man an jedem Punkt reinzoomen kann und dann lokal zu einer unverzerrten Karte kommt. Man sollte sie aber eben nicht als Weltkarte benutzen, dafür ist sie nicht gemacht.

      • TheBox

        @Francesco:

        Sie ist eine Mercator-Variante bei bestimmten Zoomstufen und Einstellungen. Bei anderen nicht - man kann da einiges konfigurieren.