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Tour de France und KlimakatastropheSuche nach Coolness

Radprofis klagen über 40-Grad-Temperaturen in Frankreich. Superstar Tadej Pogačar fordert die Tour-Verlegung in eine weniger heiße Jahreszeit.

Aus Thonon

Tom Mustroph

Als vergangenen Samstag auf der 14. Etappe hinauf nach Le Markstein/Fellering Regen auf das Peloton niederprasselte, waren einige Fahrer regelrecht beglückt. „Das war toll, das war erfrischend nach all diesen Hitzetagen zuvor. Ich habe es genossen“, meinte Ben Healy zur taz.

Der Kanadier freute sich über die natürliche Kühle. In den meisten Tagen zuvor hatten die Fahrer selbst machen müssen, was jetzt der Himmel für sie bereithielt. Sie hatten sich gegenseitig Wasserflaschen über Kopf und Körper geschüttet, um bei 40 Grad Celsius Außentemperatur die eigene Körperwärme unterhalb der Fieberzonen zu halten. „Wenn du überhitzt bist, kannst du keine Leistung bringen“, konstatiert John Degenkolb.

Also investieren die Teams in eigene Kühlstrategien. Vor dem Rennen beginnt es mit Eiswesten, die angelegt werden, sobald man den klimatisierten Teambus verlässt. Beim einstigen „marginal gains“-Team Netcompany Ineos werden vor dem Start sogar kleine Plastikbottiche mit kaltem Wasser gefüllt, die die Fahrer mit kaltem Wasser unter ihre Unterarme stecken sollen.

Noch vor einigen Jahren galten 30 oder 32 Grad als heiß. Jetzt fahren wir bei 40 Grad

John Degenkolb, Radprofi

Während der Etappen werden die personellen und materiellen Ressourcen der Rennställe maximal beansprucht. Bis zu sieben Verpflegungspunkte, die man besser Kühlungspunkte nennen sollte, richtet etwa das Team UAE Emirates mit dem Gesamtführenden Tadej Pogačar ein. „Wir haben da vor allem Flaschen, aber auch gekühlte Gels herausgegeben“, sagt UAEs sportlicher Leiter Simone Pedrazzini.

Solidarität der Teams

Nicht jedes Team hat die materiellen und vor allem personellen Ressourcen, um so viele Kühlpunkte einzurichten. Pinarello Q36.5 etwa, der Rennstall des britischen Top-Mountainbikers Tom Pidcock, hatte auf der gleichen Etappe nur deren sechs. „Wenn Fahrer anderer Teams darum bitten, dann geben wir ihnen aber auch Flaschen“, unterstreicht Pedrazzini die Solidarität der Branche in Zeiten des Klimawandels.

An diesen heißen Tagen wechselten etwa 200 Flaschen pro Team und Tag von den Begleitfahrzeugen zu den Athleten. Das heißt, sie mussten auch erst einmal in den Autos verstaut und während der Fahrt kühl gehalten werden.

Nach jeder Etappe ging die Prozedur mit der nächsten Runde Kaltgetränke weiter, als Höhepunkt dann noch das Eisbad, teils in mitgebrachten mobilen Pools, teils in regelrechten Kühlwägen. Pogačar fühlte sich jedenfalls gut gekühlt, und auch sonst gab es keinen Hitzeschlag zu vermelden unter den Profis, zum Glück – und anders als noch bei der Vuelta 2024. Damals mussten der Italiener Antonio Tiberi und der Niederländer Thymen Arensman jeweils wegen Hitzeschlags im Krankenhaus behandelt werden. Arensman fuhr weiter, Tiberi aber musste aussteigen.

Das waren ähnliche Bedingungen wie in den ersten zehn Tagen der diesjährigen Tour de France: Temperaturen niemals unter 30 Grad, oft bis an die 40 Grad, zuweilen sogar darüber. „Noch vor einigen Jahren galten 30 oder 32 Grad als heiß. Jetzt fahren wir bei 40 Grad“, fasst Routinier Degenkolb, elfte Teilnahme bei der Tour, gegenüber der taz etwas konsterniert die Lage zusammen. Und sie dürfte, glaubt man der Wissenschaft, in Zukunft noch wesentlich unangenehmer werden. Erst recht für Menschen, die unter diesen Bedingungen körperliche Höchstleistungen anstreben.

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Überschreitung des Hitzegrenzwerts

Eine im Fachmagazin Nature erschienene Studie untersuchte klimatische Veränderungen in den letzten 50 Jahren der Tour de France. Die an sechs Messorten – darunter die diesjährigen Etappenorte L’Alpe-d’Huez, Col du Tourmalet, Paris und Bordeaux – erfassten Daten belegen eine merkliche Zunahme an Hitzestress ab dem Jahr 2015. An einzelnen Tour-Tagen der Vergangenheit wurde da schon die im recht neuen Hitzeprotokoll des Weltradsportverbands UCI als gefährlich eingestufte Grenze von 28 Grad Celsius Feuchtkugeltemperatur überschritten.

Feuchtkugeltemperatur, auch Kühlgrenztemperatur genannt und nach dem englischen Begriff Wet Bulb Globe Temperature mit WBGT abgekürzt, wird aus Werten für Lufttemperatur, Luftfeuchtigkeit, Windgeschwindigkeit und Hitzestrahlung gebildet. Ein Wert von über 30 Grad WBGT gilt als potenziell lebensbedrohlich.

Bis 28 Grad WBGT kann man laut UCI aber noch Wettkämpfe bestreiten. Wird der Wert überschritten, sollen sich Veranstalter, Jury und Fahrervertreter vor Ort zusammensetzen, um Maßnahmen zu beraten. Die können eine Verkürzung der Etappe bedeuten – wie dieses Jahr etwa auf der 9. Etappe geschehen – oder frühere Startzeiten, Schatten spendende Zelte am Ziel sowie mehr Kühl- und Verpflegungszonen.

Prognosen über den Wetterverlauf gibt der medizinische Direktor der UCI, Xavier Bigard, heraus. „Wir geben den Veranstaltern Prognosen für die jeweils kommenden drei Tage“, sagte er der taz. Bigard errechnet dabei auch den jeweils aktuellen Wert der WBGT.

Fahrer wehren sich

Manchen Fahrern reichen diese kleinen Anpassungsstrategien aber nicht. Der italienische Radprofi Matteo Trentin hält das Fahren bei Hitze für „vielleicht nicht gefährlich, aber auf alle Fälle ungesund“. Er verweist gegenüber der taz auf Arbeitsschutzgesetzgebungen in Italien und Spanien, die Arbeitenden in der Landwirtschaft und auf dem Bau Tätigkeiten im Freien während der Mittagshitze verbieten.

Superstar Pogačar geht noch weiter. „Wenn ich die Macht zur Veränderung hätte, würde ich den kompletten Wettkampfkalender ändern. Ich würde nicht mehr im Juli und August in den heißen Gegenden Rennen fahren, sondern den Kalender komplett modifizieren.“ Tatsächlich sollten die Verantwortlichen der Branche die Klimakarten der jeweiligen klassischen Radsportregionen studieren. Ginge es danach, müssten Tour de France und Vuelta a España ins Frühjahr oder den Herbst verlegt werden und die Frühjahrsklassiker in Belgien könnten näher an den Sommer heranrücken.

Wie Tour-Ausrichter ASO darauf reagiert? Im Pressesaal der Tour de France weisen große Aufsteller auf den Arctic Race of Norway hin. Das Rennen wird auch von ASO veranstaltet und findet Mitte August in subarktischen Zonen Skandinaviens statt. Ist das schon die Keimzelle zur Tour de France in Zeiten globaler Erwärmung?

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