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Tiere in der GroßstadtGruppenwohl schlägt Egotrip

Fledermäuse, die Wesen der Dämmerung, führen ein kluges, komplexes Sozialleben. Das reicht von Umarmungen bis zu Trost und Fürsorge.

Manchmal ist man ja einfach naiv. Oder man fragt nicht nach, weil man es ja zu wissen glaubt. Oder man ist zu träge zum Hinterfragen; die Welt scheint kompliziert genug. Jedenfalls hatte ich mir jahrelang keine tiefergehenden Gedanken gemacht über die schwarzen Striche, die in der Dämmerung aus der alten Tanne flogen, über die Gartenhecke hinweg ins Irgendwo. Das würden Vögel sein, auf nächtlichem Beutezug. Jedenfalls nichts Spektakuläres.

Hätte ich es genauer überlegt, wäre mir aufgefallen, dass dafür außer dem nachtaktiven Ziegenmelker, der „Nachtschwalbe“, allenfalls Eulen infrage kämen. Aber für sie alle waren jene Wesen zu klein und zu filigran. Flirrende Umrisse, im Nu mit der Dämmerung verschmolzen.

Tiere in der Großstadt

Ist es falsch, eine Katze in der Großstadt zu halten, wieso geraten sogar Freunde über die Frage, wie man es mit Stadttauben hält, in Streit – und ist ein böser Mensch, wer Nacktschnecken hasst? Diesen und anderen Fragen zum Verhältnis von Mensch und Stadtier spürt diese kleine Serie in loser Folge nach.

Eines Sommerabends, wir saßen bei Campari und Kirschen auf der Terrasse, löste eine Nachbarin das Rätsel, das für mich bis dato keins war: Fledermäuse seien das, seit vielen Jahren schon bewohnten sie diesen Baum. Sie dachte, ich wüsste Bescheid, sonst hätte sie schon eher was gesagt.

Und jetzt, da ich das weiß, gucke ich ganz anders auf diesen Baum. Etwas Geheimnisvolles, sogar Heimeliges hat er bekommen, umfängt wie eine mittelalterliche Schutzmantel-Madonna eine verschworene Tiergemeinschaft. Denn die meisten Fledermausarten leben in Kolonien, hängen tagsüber zu Hunderten kopfüber schlafend in Bäumen oder Höhlen.

So ist die über-haushohe Tanne plötzlich zum Biotop geworden, zur Wohnstatt, die nicht nur den Garten bewacht, sondern auch diese kleinen Wesen. Die ja – und das macht den Baum zur fast schon politischen ökologischen Nische – in Deutschland vom Aussterben bedroht und streng geschützt sind. Und hier, bei mir, haben sie Zuflucht gefunden, scheinen zufrieden mit dem Habitat, sonst wären sie längst weggezogen!

Dämonen des Mittelalters

Wohlwollend beobachten wir bei unserem Abendtrunk das Herumgefliege im Dämmerlicht, das die Menschen des Mittelalters so ganz anders deuteten: Dämonisch, teuflisch seien die Fledermäuse, dazu mit negativen magischen Kräften behaftet. Man fürchtete sich sehr vor diesen Säugetieren, die rast- und lautlos durchs Dunkel flogen und sich so exakt orientierten. Man wusste ja noch nichts von deren Ultraschall-Ortung, die sie im Dunkel „sehen“ lässt.

Bram Stokers 1897 erschienener Roman „Graf Dracula“ tat ein Übriges, um den Mythos der Vampir-gleichen Fledermaus zu befeuern. Ungünstigerweise heißt eine Art tatsächlich „Vampirfledermaus“, weitere tragen den Vampir zumindest im lateinischen Namen. Dabei fressen die weitaus meisten Arten ausschließlich Insekten und tun keinem was zuleide.

Und sind im Übrigen eine weitere unterschätzte Tierart. Eine neue Studie zum Familienleben der „Großen Spießblattnase“ in Costa Rica offenbarte deren komplexes Sozialverhalten: Umarmungen, gemeinsames Jagen, sogar das Teilen von Futter – man zeigt den Jungtieren, wie man Beute zerlegt – bezeugen den Zusammenhalt der Gruppe. Tierärzte berichten außerdem, dass befreundete Fledermäuse nebeneinander hängen, einander sogar trösten und vermissen. Die Zurückbleibende sucht dann nach dem Freund und mag nichts fressen.

Fürsorge ist selbstverständlich unter diesen Tieren, denen ist die Mitfledermaus nicht egal.

Sogar medizinische Behandlungen lassen Fledermäuse über sich ergehen, halten still, sobald sie begreifen, dass man ihnen hilft. Das ist leider oft nötig, wenn man vor Dachsanierung oder Baumfällung nicht, wie vorgeschrieben, nach Fledermäusen schaut und dann ihre feinen Knochen verletzt.

Und ihr Sozialverhalten reicht noch weiter: Wenn eine Fledermaus versehentlich durchs Fenster in ein Zimmer fliegt, ruft sie, für uns unhörbar, um Hilfe, und die ganze Sippe fliegt herbei. Raus kommen sie meist nicht ohne menschliche Hilfe, aber man sieht: Fürsorge ist selbstverständlich unter diesen Tieren, denen ist die Mitfledermaus nicht egal.

Kranke Tiere halten Abstand

Überdies fanden Forscher 2020, mitten in der Coronapandemie, als viele mit den Distanzregeln haderten, heraus, dass kranke Fledermäuse freiwillig Abstand zur Gruppe halten, um die Artgenossen nicht anzustecken. Wie in der Tierwelt üblich, haben sie die Evolution, die Mechanismen des langfristigen Erhalts der eigenen Art verinnerlicht. Das Ego und die Kurzfrist-Befindlichkeit des Einzelnen spielen keine Rolle. Da kann mensch noch lernen.

Und nein, schön sind nicht alle unter ihnen – die Hufeisennase ist da schon herausfordernd –, aber was ist Schönheit gegen die Fähigkeit, lautlos und elegant durchs Dunkel zu gleiten?

Ich werde immer stolzer, während ich das alles bedenke – obwohl dieses Baum-Fledermaus-Biotop ja gar nicht meine Leistung ist. Fast gerührt blicken die Nachbarin und ich auf diesen Baum, der tagsüber Vogelgesänge ausstößt und nachts diese kleinen, klugen Wesen. Möge er ihnen noch lange eine ungestörte Heimstatt sein!

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