Emmauswald in Neukölln: Fledermäuse gegen Eigentumswohnungen
Seit Jahren kämpfen Aktivist:innen für den Neuköllner Emmauswald. Nun könnte sie der Artenschutz ihrem Ziel näher bringen – und eine Autobahn.
„Wir stehen hier, für etwas, was leise ist, aber unser aller Leben prägt: einen über Generationen gewachsenen Wald, in dem Vögel brüten und nachts Fledermäuse jagen“, ruft eine warm einpackte Rednerin ins Mikrofon. Etwa 20 Menschen harren hier am Donnerstagmorgen vor dem Abgeordnetenhaus aus. Ihr Ziel: Parlamentarier:innen auf dem Weg zur Arbeit abzufangen. Wenn sie eine:n sehen, rufen sie: „Wir sind hier, es ist kalt, klaut uns nicht den Emmauswald“.
Seit Jahren schon kämpfen Aktivist:innen für den Erhalt der kleinen Waldfläche nördlich des A 100-Tunnels in Neukölln. Gegen die Pläne der Vonovia-Tochter Buwog, hier Hunderte Wohnungen zu bauen – viele davon Eigentum –, zählen sie unermüdlich dieselben Argumente auf: Es entstehe kaum bezahlbarer Wohnraum; Waldflächen sorgten in der Klimakrise für dringend benötigte Abkühlung; und demokratisch fragwürdig sei es gewesen, dass der Senat dem Bezirk die Zuständigkeit entzog, nachdem dieser sich gegen die Abholzung ausgesprochen hatte.
Doch weder moralische Appelle noch politische Argumente konnten Senat oder Konzern bislang umstimmen. Deshalb führen die Aktivist:innen gemeinsam mit der Grünen-Fraktion nun einen neuen Verbündeten ins Feld: die Bewohner:innen des Waldes selbst. In einem am Donnerstag ins Parlament eingebrachten Antrag fordern die Grünen den Senat erneut auf, die Baupläne zu stoppen – und verweisen auf Fledermausarten auf der Roten Liste, die hier leben. Denn denen geht es nicht unähnlich wie den von Gentrifizierung gebeutelten Bewohner:innen des Bezirks: Auch sie haben in der Innenstadt keinen Ort mehr, an den sie ausweichen können.
Daniel Wesener, Grüne
„Das schafft für den Senat und die Buwog schon einen neuen erheblichen Schwierigkeitsgrad“, sagt der Neuköllner Grünen-Abgeordnete Daniel Wesener am Donnerstag auf der Kundgebung. Er verweist auf die europäische Flora-Fauna-Habitatsrichtlinie, die vorschreibt, dass die Lebensräume von Fledermäusen in einem günstigen Zustand erhalten werden müssen.
Allianz von Mensch und Tier
Doch wie beim Menschen argumentiert der Senat auch beim Tier, dass ein bisschen Verdrängung schon nicht allzu schlimm sei. Martin Pallgen, Sprecher der Verwaltung für Stadtentwicklung, sagt der taz, es gebe „keine Anhaltspunkte“, dass der Artenschutz dem Vorhaben im Weg stehe. Die Fledermäuse könnten schließlich auch auf dem benachbarten Friedhof jagen – oder später im Baugebiet selbst, wo „Kompensationsmaßnahmen“ geplant seien.
Was aber nun zumindest die Hälfte des Waldes retten könnte, ist – ausgerechnet – die Autobahn nebenan. Im Planungsprozess ist dem Senat nämlich aufgefallen, dass das Bundesfernstraßengesetz Bebauung innerhalb von 40 Metern neben einer Autobahn verbietet. Die Südseite des Waldes wird deshalb erst mal nicht abgeholzt. An den Plänen ändert das aber wenig. Man wolle jetzt eben einfach „höhere Gebäude auf weniger Fläche“ bauen, sagt Pallgen zur taz.
Am Ende sollen hier offenbar alle zusammenrücken: Menschen wie Tiere, Wohnraum wie Wald. Dass solche Verdichtung dazu führt, dass die Wehrlosen doch verschwinden müssen, ist in Berlin seit Jahrzehnten zu beobachten. Bleibt die Frage, ob sich die Bewohner:innen dieses Gebiets zusammentun können – ganz gleich, ob sie auf zwei Beinen gehen oder nachts lautlos durch die Bäume gleiten.
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