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1.535 Tage Krieg in der UkraineWo Theater dem Krieg trotzen

Odessa, Mykolajiw und Cherson stehen unter ständigem Beschuss. Trotzdem gibt es Theateraufführungen, notfalls im Keller. Denn die Menschen brauchen Kultur.

Gehört zu den schönsten Theater der Welt: das Opernhaus in Odessa Foto: Oliver Raw/imago

E s klingt verrückt, aber die Theater in der Ukraine machen einfach weiter, trotz Krieg und Kampfhandlungen. Und ich spreche hier nicht nur von den Theatern in Lwiw und Kyjiw – dort ist es ja noch mehr oder weniger ruhig. Aber es gibt auch Theater in den offiziellen Kampfgebieten: in Odessa, Mykolajiw und Cherson. Und überall dort zeigt das Theaterleben eine erstaunliche Anpassungsfähigkeit.

Bild: privat
Artem Perfilov

Freiberuflicher Journalist und lokaler Produzent aus der ukrainischen Hafenstadt Odessa. Seit Beginn der russischen Großoffensive in der Ukraine begleitet er ausländische Journalisten, unter anderem in die Frontgebiete. Der Autor war Teilnehmer eines Osteuropa-Workshops der taz Panter Stiftung.

Das Opern- und Ballettheater von Odessa

Das majestätische Gebäude im Stil des Wiener Barock gehört zu den schönsten Theater der Welt. Es ist nicht leicht, dort im Krieg zu arbeiten. Ein Teil der Belegschaft ist ins Ausland gegangen, andere an die Front. Trotzdem werden aktiv neue Regisseure gewonnen und experimentelle Formate ausprobiert. Bei einer der regelmäßigen Premieren konnte ich hinter den Kulissen einen Tänzer aus Griechenland kennen lernen. Er sprach fast gar kein Ukrainisch, aber war ein Meister seines Fachs.

Bei meinem Besuch ist der Saal ist fast ausverkauft. Man merkt, wie sehr es die Menschen nach nach Unterhaltung verlangt. Ja, natürlich herrscht Krieg im Land, aber versuchen sie mal, vier Jahre lang ausschließlich traurig zu sein.

über leben

Für die Menschen in der Ukraine ist der Krieg zum Alltag geworden. Trotz der Todesangst vor Luftangriffen und Kämpfen geht das Leben weiter: Die Menschen gehen zur Arbeit, zur Schule und zur Uni. Sie lieben, lachen, heiraten, bekommen Kinder, machen Urlaub. Sie trauern, sorgen sich – und hoffen auf Frieden. ➝ zur Kolumne

Die Aufführung musste zweimal unterbrochen werden. Beim ersten Mal hieß es, das Theater sei vermint. Die Polizei fand jedoch nichts. Die zweite Unterbrechung war wegen Luftalarm, Drohnen im Anflug, alle in den Schutzraum! Im Opernhaus wurden extra mehrere Untergeschosse umgebaut, sodass dort nun Platz für mehr als tausend Menschen ist. Bänke, Stühle, Wasser, WLAN sowie ein Klavier helfen dabei, sich die Zeit zu vertreiben. Statt in den Schutzraum gehen einige übrigens lieber ins Theaterbüfett. Wenn die Gefahr länger als anderthalb Stunden dauert, fällt der Rest der Aufführung aus und die Zuschauer können in den nächsten Tagen eine andere Vorstellung besuchen.

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Das Akademische ukrainische Theater für Drama und Musikkomödie in Mykolajiw

Vor dem Krieg hatte dieses Theater ein Wort mehr im Namen, es hieß „für russisches Drama“. Doch nach 2022 wollte niemand mehr mit dem Aggressorland assoziiert werden. Die Russen waren deswegen offenbar so beleidigt, dass sie beschlossen, Mykolajiw zum Respekt zu zwingen. Im September 2022 griffen sie das Theater mit einem S-300-Flugabwehrsystem an. Zuschauersaal, Garderoben und Verwaltungsräume wurden beschädigt, eine der Raketen explodierte direkt im Theaterhof.

Das Theater verlegte seine Arbeit in die „Bühne im Bunker“ – ein kleiner Kellersaal mit knapp 40 Plätzen, für das extra neue Stücke mit einem bis fünf Schau­spie­le­r*in­nen inszeniert wurden. Parallel dazu begann man mit den Reparaturarbeiten am großen Theater. Dort ist der große Saal wieder in Betrieb, im Foyer gibt es Veranstaltungen für Kinder und im Obergeschoss eine kleine Ausstellung über die Geschichte des Theaters. Aber auch im Keller finden weiter Aufführungen statt. Ich habe mir eine angesehen, und glauben Sie mir, ein Theaterstück, nur eine Armlänge von den Schauspielern entfernt, ist ein ganz besonderes Erlebnis.

Das Mykola-Kulisch-Musiktheater in Cherson

Dass dieses Theater immer noch in Betrieb ist, erscheint schon fast unglaublich: In einer Stadt, in der nur noch etwa zwanzig Prozent der Vorkriegsbevölkerung lebt, in der über den Straßen Netze gespannt sind und das Summen der Drohnen zum Alltag geworden ist.

Das Theatergebäude selber wird regelmäßig beschossen, gerade erst wieder im März. Darum finden die Aufführungen ausschließlich unter der Erde statt, im „ArtHub im Bunker“, das sich in der gefährlichsten, der „roten Zone“ befindet. Der unterirdische Raum selbst gilt hier jedoch als sicher – man kann sich die Aufführungen sogar während eines Luftalarms ansehen. Die Einwohner von Cherson lieben ihr Theater, auch wenn sie es derzeit nicht wagen, ihre Kinder dorthin mitzunehmen.

Im letzten Jahr gab es in Cherson 15 Premieren. Die Truppe geht auch auf Tournee durch die Ukraine. Und lokale Theatermacher sagen: „In Cherson muss es auch weiterhin einen Ort für die Kunst geben.“

Aus dem Russischen Gaby Coldewey

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