„Sankt Falstaff“ am Burgtheater Wien: Der Räuber und der Prinz
Wohin mit der Macht? Am Wiener Burgtheater demonstriert Ewald Palmetshofers „Sankt Falstaff“, warum das Private nicht unbedingt das Politische ist.
Vom Komasaufen kaum erwacht stolpert der dicke Ritter Falstaff – Birgit Minichmayr mit guter Daunenbettware trefflich aufgepolstert – im Halbdunkel der Bühne über einen leblosen adoleszenten Männerkörper. Der ist auch ohne Kuss ein Prinz, wiewohl er, Harry (Tristan Witzel), das eigentlich verbergen wollte. Dieser Leib soll später mal die Krone tragen, sich nach der politischen Theologie des Hochmittelalters in den Gesalbten verwandeln, der von Gottes Gnaden alle Gewalt ausübt. Einstweilen ist er noch schwach vor Intoxikation.
Der Junge will die Firma nicht übernehmen, noch nicht. Falstaff, der alte Drecksack, ist zu ihm ausnahmsweise nett und päppelt ihn hoch. Das könnte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein oder gar, so klingt es jedenfalls in Ewald Palmetshofers Shakespeare-Paraphrase „Sankt Falstaff“ durch, der zarte Anflug einer Liebesgeschichte, wären da nur nicht die ganzen politischen Machinationen.
In Shakespeares Falstaff-Serial, Heinrich IV. Teil 1 und 2, sind es Schlachten in Schottland, Aufstände in Wales und der Krieg um eine undurchsichtige Erbfolge, bei Palmetshofer die Bruchstücke aus dem täglichen News Cycle, „Dauerkrisenzustand“, die „Hitze des Planenten, der verbrennt“, die populistische Erregungsbewirtschaftung, „Wir säen und essen Panik, stiften Angst“. Shakespeares Züge auf dem Bühnentableau erscheinen glaubhaft als Resultat von Truppenbewegungen. Die theatrale Imagination der Gegenwart bleibt ziemlich unerheblich für den Konsens über Krieg und Frieden, wie über alles andere.
Das schafft auf der Bühne ein Darstellungsproblem. Lässt sich Macht noch glaubhaft personifizieren, um am Exempel der Person Herrschaft zu kritisieren? Solches Abstraktionsvermögen war Geschäftsgrundlage eines Theaters, wie man es bislang kannte: durch den Verschub in den Anachronismus eines kanonischen Stoffs einerseits Denkräume zum Begreifen der Gegenwart zu öffnen und andererseits die daraus freigesetzten Energien im Vorgriff auf politische Aushandlungsprozesse zu kanalisieren. Sein doppelter Charakter hat unweigerlich immer Macht repräsentiert und zugleich in der Kritik der Repräsentation Machtkritik geleistet. Es bleibt die Frage, was am Staatstheater die Vorsilbe noch bedeutet, die ihm bislang einen exponierten Platz im Kulturbetrieb einräumt.
Probe aufs eigene Selbstverständnis
„Sankt Falstaff“ erneut anzusetzen wird so über den Theaterabend hinaus zur Probe aufs eigene Selbstverständnis. Karin Henkel schickt in ihrer Inszenierung sechs Schauspieler:innen, Birgit Minichmayr, Maria Happel, Tristan Witzel, Oliver Nägele, Bibiana Beglau und Tim Werth auf die Suche nach dem Politischen.
Der Ort der Erkenntnis ist ein recht gruseliges Gothic-Novel-Ambiente mit ein paar surrealen Verschüben (Bühne: Thilo Reuther). Das „Haus der Macht“ erweist sich als abgefressener Kadaver. Hier ist nicht nur „something rotten“ unter der bühnenüberspannenden Kathedrale aus Rippenknochen, die über ein Stück Rückgrat als Scharnier im Giebel gelegentlich knarzend bewegt werden. Darüber stattdessen clean und anonym die glupschäugige Überwachungskamera der Macht, die nie mit Theatermitteln fassbar in Erscheinung tritt. An der Hinterfront ragt ein übermann/frau hoher Totenschädel, dessen Augenhöhlen gelegentlich Bühnennebel speien, aber ansonsten wenig zur Klärung des Daseins beitragen.
Im schnellen Rollenwechsel folgt der Durchmarsch durch den Shakespearschen Heinz-Vier-Stoff. Kostüme und Masken von Teresa Vergho entwerfen ein hübsches Horrorpuppenspielensemble, das immer wieder Momente von weirder Komik freisetzt. Maria Happel oszilliert von der umtriebigen Frau Wirtin im kleinen Glitzerschwarzen zum Deppen-„Quasi-König“ Heinz mit Strumpfmaske und Helmut-Kohl-Brille. Ein Thronprätendent pinkelt sich an und stirbt. Falstaff, der kleinkriminelle Kleinadelige, wird bei einem Taschenraub von seinen eigenen Jungs verdroschen.
Die schädlichen Lockungen der Macht
Das Ende gerät romantisch. Harry wird nicht König, sein lieber Falstaff erstickt ihn, bevor er das fidele Außenseitertum gegen die schädlichen Lockungen der Macht eintauschen kann. Ihn – den auf diese Weise nicht gewordenen Heinrich V. – drapiert man auf den Klostuhl seines Regentenvaters und diesen sterbend zu seinen Füßen. Legitimität, my ass.
Damit stürzt aber auch das ganze Falstaff-Thema in sich zusammen. Shakespeare ließ den philosophisch lügenden Trunkenbold in seinem faszinierenden wie destruktiven Potenzial so lange gewähren, bis die in seiner und seiner Auftraggeber Sicht legitime Erbfolge wieder gegeben war.
Die Frage nach der Legitimität von Herrschaft stellt sich auch in der Demokratie. Wo alles wurscht ist, beginnt der Defätismus der Populisten. Wenn wir tatsächlich lediglich von Knallchargen regiert werden, warum regieren sie dann noch? Selbst die treffendste Parodie ist deswegen noch lange keine Herrschaftskritik. Worum ging es eigentlich die vergangenen drei Stunden?
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