Theater der Welt in Chemnitz: Am Ende das Messerwetzen
Für Chemnitz wie gemacht: Das Festival Theater der Welt bringt 33 internationale Produktionen in eine Stadt, die Aufmerksamkeit braucht.
Vor dem Opernhaus in Chemnitz liegt ein großer Platz. Männer in dunklen Anzügen umschreiten ihn, während die ersten Besucher zum Festival Theater der Welt kommen. Es ist sehr heiß. Sind das Securityleute? Oder kommt hier gleich eine politische Demonstration? Sehen ihre Undercuts und Bärte nicht verdächtig aus? Die Männer gruppieren sich auf den Stufen und beginnen zu brüllen, die Körper angespannt, die Hälse dick, die Köpfe vorgeneigt, als gelte es, Wut und Zorn herauszuschleudern.
Aber! Da steht ein Dirigent. Rhythmus etabliert sich, das klingt dada, Textzeilen werden erkennbar, „Freude schöner Götterfunken“. Ah, das ist der finnische Männerchor Mieskuoro Huutajat (Schreichor). Er kommt aus Oulu, dieses Jahr Kulturhauptstadt Europas. Vergangenes Jahr trug Chemnitz den Titel. So stiftet der Chor eine Verbindung zwischen dem Jahr als Kulturhauptstadt und dem diesjährigen Festival Theater der Welt in Chemnitz.
Gleich die erste Performance führt weit weg. „Split Tooth: Saputjiji“ von der kanadischen Künstlerin Tanya Tagaq, Sängerin, Autorin und Komponistin, spielt in der Welt und den Mythen der kanadischen Inuit. Die Stimmen von Tanya Tagaq und weiteren Sängerinnen summen, knarzen, knurren.
Die Texte bleiben unübersetzt, doch dass sich in den vorgestellten Figuren im spärlichen Licht kleiner Flammen Kämpfe abspielen, in denen unterschiedlichste Wesen darum streiten, wer im Körper der Frauen Platz nehmen kann, wird allein durch die stimmliche Dramatik sichtbar.
Alleingelassen im Reich der Geister
Es geht um Verwandlung, Besessenheit, aber auch um zärtliche Verbundenheit zwischen den Frauen. Videoseqenzen zeigen den Alltag im Eis, Schlittenhunde, Motorräder, viele Schlachtszenen. Es ist eine unheimliche und grausame Welt, die sich visuell und akustisch entfaltet.
Nicht nur der Kehlkopfgesang ist virtuos. Auch wie mit hölzernem Schlagwerk auf einer hölzernen Platte eine Vielzahl von Klängen und Rhythmen erzeugt werden, lässt begeistert staunen. Die letzten Klänge kommen von Messerklingen.
Tanya Tagaq wurde als Autorin mit dem Roman „Eisfuchs“ bekannt, der Motive mit der Performance teilt. Er erzählt von einem jungen Mädchen, das sich nach den Jahrzehnten der gewaltsamen Unterdrückung der indigenen Kultur alleingelassen fühlt im Reich der Geister. Die Begegnung mit den mythischen Wesen ist fast immer ein Kampf, den sie mal mit Angst, oft aber auch mit Lust und sexueller Erregung erlebt. Das findet sich wieder in den Klängen und den Bildern der Performance, wenn die Protagonistinnen lustvoll an Knochen lecken.
Dieser mit elementarer Wucht auf die Bühne geschleuderte Brocken einer Geisterwelt, deren Schlüssel wir nicht haben, markierte zum Auftakt des Festivals den Wunsch, die Blickrichtung zu ändern, sich auf Unbekanntes einzulassen. 33 Produktionen werden im Verlauf von drei Wochen gezeigt (bis 5. Juli). Ausgewählt wurden sie von neun jungen internationalen Kurator:innen, denen gemeinsam ist, Absolvent:innen der Festival Academy Brüssel zu sein.
Die Direktorin der Academy, Inge Ceustermans, bildet zusammen mit Christoph Dittrich, dem Generalintendanten der Theater Chemnitz, und mit Stefan Schmittke, Geschäftsführer Programm Chemnitz 2025 gGmbH, die Festivalintendanz. Das Festival Theater der Welt wird vom ITI, dem Internationalen Theaterinstitut, alle drei Jahre in eine andere deutsche Stadt vergeben, von Bund, Land und Stadt finanziert. Chemnitz hat sich erfolgreich darum beworben.
Am Tag der Eröffnung brauchte es eine Stunde lang Reden, dieses Strukturgeflecht zu würdigen. Am zweiten Tag geht es in den Spinnbau, einen großen Fabrikkomplex in Altchemnitz, der schon seit 2022 als Ausweichspielstätte für das sanierungsbedürftige Chemnitzer Schauspielhaus dient.
In der Stadt gibt es kulturpolitisch deshalb gerade Zoff. Die Sanierungskosten sind gestiegen, ein Neubau wird diskutiert, da kam die SPD mit dem Vorschlag, eine Spielstätte zu streichen und das Schauspiel auch im Opernhaus spielen zu lassen. Die Empörung der Theaterleute ist groß, Schrumpfung der Spielmöglichkeiten und der Zuwendung für die Kultur wird befürchtet. Da hilft der große Auftritt, den das Festival Theater der Welt dem Gastgeber bietet, mit überregionaler Aufmerksamkeit.
Als queere Familie in Taiwan
Aus Taiwan kommt das Künstler:innentrio Hung Chien-Han, Hung Wie-Yao, Ray Tseng, die in ihrem Stück „Family Triangle“ von ihrem erfolgreichen Versuch erzählen, eine queere Familie zu leben. Die Regisseurin Hung Chien-Han und Ray Tseng sind ein lesbisches Paar. Um ein Kind zu bekommen, bitten sie Chien-Hans Bruder, Wie-Yao, um eine Samenspende.
Sie erzählen mit viel Witz und Leichtigkeit von beginnender Eifersucht, von rechtlichen Bedenken, von patriarchaler Ungerechtigkeit, von biologischer Zumutung, von Erwartungshaltungen und Ängsten. Im Pingpongspiel wird ausgehandelt, welchen Namen das Kind tragen soll.
Theater der Welt, Chemnitz. Noch bis 5. Juli
Keine Entscheidung ist einfach, aber trotz aller Zweifel, die sie immer wieder einholen, gelingt es ihnen Schritt für Schritt, eine Gemeinsamkeit zu bilden. Die wird auch als sechsbeiniger Kugelmensch vorgestellt, der nicht wissen kann, wo denn jetzt geradeaus ist.
„Family Triangle“ lebt von der großen Offenheit und genauen Selbstbefragung der Beteiligten, aber auch von der Lust am Spiel. Hung Chien-Han schreibt sich zum Beispiel das Tagebuch der künstlichen Befruchtung mit Filzstift auf den Körper, mit kleinen, lustigen Zeichnungen, die uns die Kamera zeigt.
Der Körper als Bühne
Die Intimität des Körpers wird zur Bühne ohne Scham und Peinlichkeit. Das Team aus Taiwan hat eine erstaunlich zugängliche Form des Erzählens gefunden. Unter Bäumen ist im Spinnbaugarten eine Bar aufgebaut, Liegestühle, eine kleine Bühne für Einführungen zu den Stücken und Konzerte.
Die alte Industriearchitektur ist imposant, klassische Moderne. Eine große Terrasse liegt vor einem Flügel. Hier nutzt das Theater eh schon mehrere Räume, für das Festival ist eine große Halle dazugekommen. Auch das Figurentheater hat hier seinen Ort.
Es ist eine eigene Sparte am Theater Chemnitz, ebenso wie ein Theater für junge Leute. Auch deshalb hat das internationale Kurator:innenteam Produktionen für Kinder und Figurentheater für Erwachsene eingeladen.
Einmal begegnet mir in Chemnitz eine ganze Schulklasse von ungefähr Neun- und Zehnjährigen, die in Zweierreihe ihrer Lehrerin folgen. Sie tragen Kronen, Zöpfe oder Geweihe aus Papier, manche haben papierne Flügel oder einen Schweif aus gerissenen Streifen. Sie kommen aus dem Paper Planet, zu dem das Polyglott Theatre aus Melbourne eingeladen hat.
Kleine Figuren erzeugen große Emotionen
Da liegen dünne und dicke Papiere bereit, ein Wasserfall und ein Wald sind angedeutet, in den täglich mehr der Tiere und der krummen Wesen einziehen, die Kinder und Erwachsene hier zurechtknüllen und kleben.
In Singapur entstand „Stream of Memory“. Ein mutiges Mädchen und ein etwas ängstlicher Junge werden bei einem Sturm auseinandergerissen. Wie Tiere aus der Wassertiefe und ein großer Geist, der im Fluss etwas traurig dessen Vermüllung miterleben muss, ihr helfen, Unwetter zu überleben und ihren Freund wiederzufinden, das ist die Geschichte, die das Papermoon Puppet Theatre erzählt.
Deren große Emotionalität geht vor allem davon aus, wie die kleinen Figuren bewegt werden. Ein Spieler schiebt die Füße des Mädchens voran, wenn sie geht oder springt, einer steuert die Hände, einer den Kopf: Schon das allein ist immer ein Bild der zärtlichen Fürsorge für die Figuren.
Ähnlich ist es auch bei „Antuco“, einer Produktion der Silencio Blanco Company aus Chile. Wieder sind die Figurenspieler:innen zugleich auch Tänzer:innen. Neben dem sehr detailreichen Figurenspiel, für das sich der Blick auf die kleinen Puppen konzentrieren muss, entstehen so auch Erzählstränge, die den großen Raum einnehmen.
Endlich zum Militärdienst!
In „Antuco“ verlässt ein Sohn seine alten Eltern, um zum Militär zu gehen, mit kindlichen Fantasien vom Abenteuer im Kopf. Dafür bilden die fünf Spieler:innen eine Gruppe galoppierender Pferde. Eine lange Szene beschreibt aber dann, wie der Sohn beim Militär schikaniert und zugerichtet wird.
Die kleine Soldatenpuppe ist dabei der Gewalt der männlichen Puppenspieler hoffnungslos ausgeliefert. Nur drei Szenen hat diese Geschichte; aber das genügt. So hat das erste Wochenende des Festivals vor allem nahbare Stücke präsentiert, die oft auch gar nicht der Übersetzung bedurften.
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