piwik no script img

Bilanz von Kulturhauptstadt ChemnitzWahrnehmung veränderten Einwohnerverhaltens

Chemnitz war die Kulturhauptstadt 2025 und wollte damit sein negatives Image aufbessern. Über die Bilanz und die Beteiligung der Stadtgesellschaft.

Michael Bartsch

Aus Chemnitz

Michael Bartsch

Läge die Evaluation des Chemnitzer Kulturhauptstadtjahres 2025 bei den aufgeschlossenen Teilnehmern von nunmehr vier taz-Bildungsreisen, könnte sie kaum besser ausfallen. Ob die Soziologen der Chemnitzer Universität, die offiziell mit der Auswertung beauftragt sind, ebenso positiv urteilen, wird im Juni zunächst ein interner Austausch mit der Stadt und der Kulturhauptstadt gGmbH zeigen. Der spannendste Teil, der auf Befragungen im laufenden Jahr über die Nachhaltigkeit der angestoßenen Bewegungen beruht, wird erst 2027 erwartet.

Dem lässt sich dann doch schon jetzt mit einem Stimmungsbild ein halbes Jahr nach Ende des Kulturjahres vorgreifen. Chemnitz bemüht sich ja nicht nur seit Jahrzehnten, das Image von „Ruß-Chemnitz“ abzustreifen, der unansehnlichen Proletenstadt des Maschinenbaus.

Es galt auch, die durch die ausländerfeindlichen Krawalle 2018 verfestigte Gleichsetzung mit einer Nazistadt abzuschütteln, aus der man besser flieht, als sich positiv zu emanzipieren. Hat also vor allem die Zivilgesellschaft durch breite Basismitwirkung beim Eventjahr einen nachhaltigen Impuls erhalten?

„Das Jahr hat viele Menschen und Menschengruppen zur Mitwirkung animiert, die bislang noch nicht miteinander gearbeitet hatten“, sagt Sebastian Reichelt auf die Frage nach dem Stadtklima. Im Kulturzentrum Weltecho, an dessen Programm der Co-Vorsitzende der Chemnitzer SPD maßgeblich beteiligt ist, beobachtet er, dass insbesondere junge Menschen wieder gemerkt hätten, wie man in Chemnitz etwas schaffen und leisten kann. Die Förderung 2025 habe sie zur Verwirklichung eigener Ideen stimuliert.

Kultur nicht die Antwort auf alle Probleme

Ähnlich äußert sich Octavio Gulde vom Verein Bordsteinlobby, der neben vielen anderen Aktivitäten alternative Stadtführungen veranstaltet. Er wuchs in Dresden auf, verliebte sich aber während seines Studiums in Chemnitz. Gulde verweist sofort auf das Kosmos-Kulturfestival.

Das gründete sich 2018 als Antwort auf die rechten Ausschreitungen, wollte damit zugleich ein Statement für Demokratie und Toleranz setzen. Im Vorjahr zog es die Rekordzahl von 115.000 Besucher an. Auch andere aus demselben Anlass entstandene Initiativen wie die Bunt­ma­che­r*in­nen wurden vor dem Kulturhauptstadtjahr zu wenig wahrgenommen.

„Diese Stadt neu erzählen“ will Gulde, behauptet aber nicht, dass Kultur die Antwort auf alle Probleme sein könne. Aber viele hätten die neue Erfahrung gemacht, „dass Kultur etwas ist, wo ich mich hintrauen kann“, zu Veranstaltungen, die sonst „außerhalb des eigenen Zugangshorizonts“ lagen.

Schon die Mitwirkung von mehr als 1:100 Volunteers überwiegend älterer Jahrgänge sorgte für einen breiten Anschluss an die Bevölkerung und für einen einzigartigen „Betreuungsschlüssel“ bei Veranstaltungen. Bei dem am 18. Juni beginnenden größten Theaterfestival der Bundesrepublik „Theater der Welt“ werden diese Freiwilligen wieder gebraucht.

Rechte wie paralysiert

Von Stefan Schmidtke, programmverantwortlicher Geschäftsführer der Kulturhauptstadt gGmbH, darf man Genugtuung erwarten. Aber seine Wahrnehmung veränderten Einwohnerverhaltens und eines Lernprozesses teilen viele: „Ich bin Teil dieser Stadt und tue etwas für mich und mein Umfeld!“

Preise für Chemnitzer Vereine können diese Einstellung belegen. Am 12. Mai wurde in Aachen die Initiative „k_einheit“ als deutscher Preisträger des Jugendkarlspreises ausgezeichnet. Ihr Thema, eine „Post-Ost-Debatte“ zu immer noch wenig verarbeiteten Transformationsprozessen nach 1990, sei in der jungen Generation derzeit en vogue, beobachtet auch Reichelt vom Weltecho.

Zwei sächsische Demokratiepreise gingen im vorigen November an das queere Beratungs- und Begegnungsangebot different people und den Sportverein mit Kampfsportsektion von Athletic Sonnenberg. Auch couragierte Frauen finden hier eine Alternative zu einem sonst von rechten Kräften besetzten Revier.

Die wirken seit eineinhalb Jahren zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung wie paralysiert. Der klägliche Versuch der „Freien Sachsen“, von „Pro Chemnitz“ oder der jungen „Chemnitz Revolte“, die Eröffnungsfeier am 18. Januar mit geschätzt 80.000 Teilnehmern zu sabotieren, hat dazu beigetragen. Eine peinliche Vergewaltigung echter Erzgebirgsfolklore.

Meckerer verlieren

„In einer Stadt, in der die Mehrheit selbstbewusst von sich spricht, können sie als Meckerer in der Ecke nur verlieren“, zeigt sich Geschäftsführer Schmidtke zufrieden.

Stadtführer Jan Weiße, als Historiker hauptberuflich im Landesmuseum für Archäologie beschäftigt, ist noch optimistischer: „Die Rechten haben sich verkalkuliert.“ Und er sagt voraus, dass das auch so bleiben werde.

Im Weltecho und bei der Bordsteinlobby bleibt man nüchterner. Natürlich möchte man triumphieren angesichts der Tatsache, dass sich auch noch die AfD-Stadtratsfraktion im September selbst zerlegt hat. „Aber die Strukturen sind ja weiterhin vorhanden“, gibt Sebastian Reichelt zu bedenken.

Es seien eben viele kleine Splittergruppen, Leute, die früher den NSU-Terror unterstützt hätten und heute in Handel und Gewerbe, in Sicherheitsfirmen und im Sport säßen. Aber es stimme, dass das Kulturhauptstadtjahr diesem „Furor“ Einhalt geboten, dass sich der Organisationsgrad „zumindest nicht verschlimmert hat“.

Und nun aber zum prekären Haushalt

Octavio Gulde erinnert daran, dass die „Freien Sachsen“ weiterhin alle zwei Wochen montags marschierten, dass der Identitären-Gründer Martin Sellner bei der AfD im Rathaus gesprochen habe. Aber der Stadt sei es 2025 gelungen, Neonazis Treffpunkte zu vergällen, den Innenstadtraum unbequem für sie zu halten. Das sei aber „natürlich nur eine Verlagerung des Problems!“, sagt Gulde.

Die größere Gefahr für die Fortschreibung des verbindenden Kulturhauptstadtjahres droht aber wie überall vom prekären Chemnitzer Stadthaushalt. Die Kunstsammlungen öffnen verkürzt, das Congress-Hotel schließt, die Stadt hat eine Lösung für das seit vier Jahren geschlossene Schauspielhaus verschlafen und steht nun vor Millioneninvestitionen.

„Das Kulturhauptstadtjahr hat der Stadt gutgetan und sie zugleich ausgelaugt“, konstatiert Gulde. „Die Haushaltskrise kommt zur falschesten Zeit, manche positiven Vibes vom Vorjahr erscheinen jetzt schwerer vermittelbar“, bedauert Stadtführer Jan Weiße. Dennoch hätte die aktive Zivilgesellschaft mehr Gewicht als zuvor.

Chemnitz und der Freistaat Sachsen verhandeln in diesem „Brückenjahr“ über die Weiterfinanzierung des sogenannten Legacy-Prozesses im Anschluss an das Kulturhauptstadtjahr.

Von 200 eingegangenen Anträgen für 2026 berichtet Geschäftsführer Schmidtke. Und ruft noch einmal die zivilgesellschaftliche Bilanz 2025 in Erinnerung: Gegenüber dem Antragsbuch zur Bewerbung hat sich die Zahl der Projekte auf 266 vervierfacht, getragen von 400 Vereinen mit mehr als 10.000 Aktiven, vier Fünftel von ihnen keine Profikünstler. 123 Mikroprojekten von Gemeinschaften, Vereinen und Einzelpersonen in Chemnitz und der Region wurde Anfang Juni eine Förderung zugesprochen, eine Rekordzahl – trotz der Haushaltsmisere!

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 330 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare

  • Noch keine Kommentare vorhanden.
    Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!