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Festival Theater der Welt in ChemnitzNeue Weltläufigkeit

Von der Kulturhauptstadt Europas zur Weltstadt des Theaters: Nach Dresden 1996 gastierte das Theater der Welt wieder in einer ostdeutschen Stadt.

Der Abschluss rief noch einmal den bürgerschaftlichen Kontext des Ganzen in Erinnerung: Als jetzt am Wochenende nach 17 Festivaltagen das Theater der Welt in Chemnitz zu Ende ging, tanzten 43 Chemnitzerinnen und Chemnitzer gemeinsam mit 17 japanischen Profis. Sonst treffen sie sich seit drei Jahren jeden Mittwoch im früheren Straßenbahndepot als Bewegungsgruppe Tanzende Nachbarn. „Shintai to Shintai“ hieß das Projekt, wörtlich zu übersetzen mit „Körper zu Körper“. Choreografiert hat das die Japanerin Yoko Ando, die schon in der Frankfurter Company von William Forsythe tanzte.

Auch die schwelgende Bilanzpressemitteilung unterstreicht noch einmal, wie wichtig dieses Anschlussevent – immerhin das größte internationale Theaterfestival Deutschlands – war, im „Brückenjahr“ nach dem gelungenen Kulturhauptstadtjahr in Chemnitz 2025. Dessen Erfolg beruhte wesentlich auf der überraschenden Emanzipation der Stadtgesellschaft, einer Selbstentdeckung der Einwohner ebenso wie der Entdeckung durch Besucher.

Wie der Tanz zum Finale hatte dazu beim Festivalauftakt die partizipative Installation „Paper Planet“ gepasst: Dafür hatte das Polyglot Theatre aus dem australischen Melbourne im Kulturhauptstadt-Besucherzentrum Hartmannfabrik einen Wald aus Pappsäulen aufgebaut. Dazwischen bauten kostümierte Kinder mit ihren Eltern eine Fantasiewelt weiter, spielten, ahmten Tiere nach.

Die kulturellen und zivilgesellschaftlichen Ergebnisse des vergangenen Jahres rufen umso mehr nach Verstetigung, als ihre Weiterfinanzierung durch die prekäre Haushaltssituation von Stadt und Land gefährdet ist. Allen, mit denen man am Rande des Festivals sprechen konnte, darunter Oberbürgermeister Sven Schulze (SPD), ist die Gefahr bewusst: Die gute Stimmung der Chemnitzer könnte kippen. Derzeit verhandeln die Stadt und der Freistaat Sachsen über Finanzierung und Ausgestaltung des sogenannten Legacy-Prozesses. Für das Theater der Welt kamen je 1 Million Euro von Stadt, Land und Bund.

Neue Weltläufigkeit

Seit 1981 richtet das internationale Theaterinstitut ITI das alle drei Jahre stattfindende Festival aus. Die neue Weltläufigkeit von Chemnitz wurde augenfällig, als zur Eröffnung am 18. Juni das neunköpfige Kuratorium in buntester Ausstattung auf die Bühne gerufen wurde. Denn anders als bisher hatte nicht ein allmächtiger Kurator das Sagen, sondern ein Weltteam.

Von den Gastspielen konnten ignorante Elitekritiker ebenso wie oft in korrektheitsgestressten, misstrauensgeplagten Grundsatzdisputen gefangene Deutsche etwas lernen: Zu erleben war ein unverbissener Umgang mit existenziellen Konflikten. Der Südafrikaner Tony Bonani Miyambo zum Beispiel wurde für Kafkas Affen-Monolog („Ein Bericht für eine Akademie“) so warmherzig gefeiert, dass er in Tränen ausbrach. 15 Jahre gibt er dieses Solo schon! Ein Schwarzer Afrikaner, der einen Affen spielt? Bei uns hätte man Proteste vorhersagen können.

Für einen Höhepunkt der zweiten Festivalwoche sorgten ebenfalls Südafrikaner. „Nkoli: A Fierce & Fabolous Life“ war als zeitgenössische Oper angekündigt. Die liebenswürdige Show quer durch alle populären Genres, bis hin zum europäischen Musiktheater, packte die Zuschauer nach wenigen Minuten. Simon Nkoli ist die Symbolfigur für den jahrzehntelangen Kampf der Homosexuellen und der sich bildenden queeren Communitys um ihre Rechte in Südafrika. Es geht auch um Leben oder Tod, etwa bei den Straßenkämpfen. Und doch dominiert ein heiterer, lebensfroher Grundton, oft eine ansteckende Fröhlichkeit.

Widerlegter Ruf

„Im Kulturhauptstadtjahr ist bei den Chemnitzern die Liebe zu Dingen gewachsen, die sie noch nicht kennen“, behauptete der Generalintendant des Chemnitzer Fünfspartentheaters, Christoph Dittrich. Neben etwa einem Drittel englischsprechender Fachbesucher widerlegten die Sachsen tatsächlich ihren früheren Ruf von Borniertheit und Reserviertheit gegenüber allem Fremden.

Schon die anstrengende Auftaktperformance „Split tooth: Saputjiji“ der Nordkanadierin Tanya Tagaq quittierte man im Parkett mit einem „mal was anderes“, wenn auch achselzuckend. In magischen Lichtstimmungen konnte man sich lange in die Mythen und Riten der bedrohten indigenen Kultur der nördlichsten Erdbewohner, der Inuit, hineinfühlen. Kehlkopfgesang und Stimmartistik des Multitalents und ihrer Gruppe stimulierten einen meditativen Trancezustand. Aber die auf eine Stunde angesetzte Performance dehnte sich durch rauschhafte Improvisationen auf hundert Minuten und begann sich zu erschöpfen.

Die mit Spannung erwartete, aber letztlich zu dünne Uraufführung „Luftmasse“ quittierte das Publikum erstaunlich gelassen. Regisseur Tian Gebing lebt in Berlin und widmet sich mit dem 1997 gegründeten Paper Tiger Theater Studio deutschsprachig-chinesischen Koproduktionen. Diese war angekündigt als Exkurs über den Aufstieg Chinas zur Weltmacht und die damit möglicherweise verbundene Bedrohung der westlich dominierten Weltordnung. Inspirieren ließ man sich durch Alfred Döblins 1924 erschienenen dystopischen Roman „Berge, Meere und Giganten“.

Dessen Wiederentdeckung ist das eigentliche Verdienst dieses Festivalbeitrages. In der makaber-genussvollen Schilderung der nahenden apokalyptischen „Luftmasse“ aber verzettelte sich die Performance zunehmend. Nichts vom Großmachtthema. Bei einem verzichtbaren Publikumstalk des Regisseurs erwiesen sich die Chemnitzer erneut als unerschütterlich, als sie bekundeten, sich sogar 200.000 Chinesen in ihrer Stadt vorstellen zu können.

90 Prozent Auslastung

Die Veranstalter resümierten eine 90-prozentige Auslastung der 33 angebotenen Produktionen. Nur beim mit dreieinhalb Stunden längsten und vielleicht anspruchsvollsten Schauspielabend blieben teilweise Ränge leer: Tiefsinnig durchstreift die ukrainische Schriftstellerin Sofia Andruchowytsch mehr als ein Jahrhundert russisch-ukrainisch-deutscher Geschichte.

Der Titel der Romanvorlage, „Amadoka“, ist der Name eines verschwundenen riesigen Sees auf dem Gebiet der heutigen Ukraine. Was bleibt, was vergeht, fragt die Bühnenfassung des Prager X10-Theaters: Es erzählt Geschichten manchmal verwirrend langatmig, manchmal mit sarkastischen Seitenhieben auf den gegenwärtigen russischen Eroberungsfeldzug.

Nur bedingt lässt sich die Vorabeinschätzung von Kulturhauptstadt-Programmchef Stefan Schmidtke und Intendant Dittrich bestätigen: „Die neun Kuratoren wollten kein Problemtheater, sondern den lebendigen, frischen Eindruck des Umfeldes der Akteure.“ Den Gesamteindruck aber bestimmte eine Mischung aus Geschichtenerzählfestival und der Verhandlung globaler Generalfragen.

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