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Teil 10 der Reihe zu FoucaultDie elfte Rubber-Soul-These

Sexualität, Widerstand und das eine Wort „love“: auf den Spuren einer Sentenz des Autors René Char, die in Michel Foucaults Werk eine Rolle spielt.

Kann man sich eine Sprache vorstellen, die nicht aus unterschiedlich auszusprechenden und unterschiedlich hinzuschreibenden Worten besteht? Bei der nicht durch die Unterschiede eine Bedeutung entsteht, sondern bei der jede Äußerung gleich klingt und die Bedeutung sich nur aus den rahmenden sozialen Zusammenhängen ergibt, aus Betonung und Gestik und die wesentlich angewiesen ist auf Einfühlung seitens der Hörenden? Oder eine Sprache, in der es nicht um das geht, was gesagt wird, sondern nur darum, dass gesprochen wird?

Dieses und anderes suggeriert ein ebenso knackiger wie mysteriöser Aphorismus: „Die Geschichte der Menschheit ist die lange Aufeinanderfolge der Synonyme ein und derselben Vokabel. Ihr zu widersprechen ist eine Pflicht.“ Er stammt von René Char und steht auf der Rückseite der französischen Originalausgabe der beiden letzten zu Lebzeiten erschienenen Werke Michel Foucaults, den Bänden zwei und drei von „Sexualität und Wahrheit“, eigentlich „Histoire de la sexualité“, also Geschichte der Sexualität.

Die attraktive Sentenz knallt wie die elfte Feuerbachthese im Entrée der Humboldt-Uni („Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern“) – deren Rhetorik sie stark ähnelt – und verführt in ihrer poetisch gestalteten Apodiktik zu Zustimmung, bevor man sie verstanden hat. Und zwar in jeder Hinsicht, nicht nur ihre Semantik (was heißt das?), sondern auch ihre Pragmatik (was soll dieser Satz an diesem Ort?).

Zum 100. Geburtstag von Michel Foucault

Am 15. Oktober 2026 wäre Michel Foucault 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass hat die Kulturredaktion der taz jeden Monat einen Artikel zu einem Aspekt des Wirkens dieses einflussreichen Philosophen gebracht. Zuvor erschienen sind folgende Texte:

Michel Foucault hat seine Geschichte der Sexualität ursprünglich auf sechs Bände angelegt. Der Plan dazu war einschließlich geplanter Titel bereits angekündigt. Nach dem Erscheinen des ersten Bandes gab es aber eine Unterbrechung. Als kurz vor seinem Tod die Bände zwei und drei erschienen, trugen sie andere Titel und folgten einem anderen ebenfalls öffentlich gemachten Plan. Außerdem stand auf jedem der beiden Bände der Satz von René Char, allerdings nicht in der deutschen Fassung.

Im Orbit der Suhrkamp-Kultur

Als Jahrzehnte später dann noch ein vierter Band aus dem Nachlass rekonstruiert werden konnte, in Übereinstimmung mit dem zweiten Plan, konnte man den Satz von Char dann auch auf der deutschen Ausgabe finden. Dass deutsche Verlage Titel lieber interpretieren („… und Wahrheit“), als sie zu übersetzen, korrespondiert mit einer gewissen Ignoranz gegenüber Paratexten, Blurbs, Waschzetteln und U4-Rückseiten.

Die deutsche Übersetzung Chars auf dem 2019 erschienenen vierten Band weicht an einigen Stellen vom Wortlaut der deutschen Veröffentlichung des Gedichtes (bzw. der Aphorismensammlung) „L’ Âge cassant“, „Das zermürbende Alter“ in „Vertrauen zum Wind“ 1984 im Horst Heiderhoff Verlag, übersetzt von Johannes Hübner und Lothar Klünner ab (z. B. „Aufeinanderfolge“ statt „Folge“, „widersprechen“ statt „entgegentreten“).

Der identische deutsche Char-Text taucht allerdings in einem 1991 in der edition suhrkamp erschienenen Band auf, den Foucaults enger Freund François Ewald gemeinsam mit dem deutschen Phänomenologen Bernhard Waldenfels herausgegeben hat und der auf zwei Tagungen in Paris und Hamburg basierte. Dort schreibt Dennis Hollier über das Motto von Foucaults letzten Bänden, und er zitiert es in demselben Wortlaut, wie es über 30 Jahre später auf der Rückseite des Bands vier auftauchen wird. Dieser Wortlaut findet sich aber in keiner recherchierbaren deutschen Char-Übersetzung. Irgendwo im Orbit der Suhrkamp-Culture muss diese Fassung gespeichert gewesen sein.

Dennis Hollier spekuliert, was dieser Satz von Char bedeuten könnte und vor allem was er für Foucault bedeuten könnte. „Werden wir diesem Imperialismus der Synonymie einen homonymischen Widerstand entgegensetzen?“ Für einen solchen Widerstand des einen Wortes fallen ihm die „geheimen Reime“ des von Foucault verehrten Raymond Roussel ein und andere literarische Beispiele, die in die Richtung Parole, Passwort, Zauberworte gehen. Man könnte auch an die Songs „Surfin’ Bird“, „Louie, Louie“ oder John Lennons Lieblingsidee des Songs mit nur einem Ton und einem Wort („The Word“) denken. Oder an all die repetitiven Musiken, die um einen Groove, einen synkopierten Beat, herum gebaut sind. Sollten Funk und Afrobeat utopisch und mit endlosen Bedeutungen die vielen Worte ablösen, die doch alle nur dasselbe sagen? Im Laufe einer Nacht nimmt derselbe synkopierte Takt alle möglichen Bedeutungen an, ohne dass sich das Zeichen ändert, das diese Bedeutung auslöst. Es bleibt homonym, gleichnamig.

Homophobie unter Eliteakademikern

Foucault hatte Char schon lange nicht mehr zitiert. Zuletzt kommt er 1961 im bald wieder zurückgezogenen und ausgetauschten Vorwort seines ersten großen Werkes, „Wahnsinn und Gesellschaft“ vor (eigentlich auch eine Geschichte, Originaltitel: „Folie et Déraison. Histoire de la folie à l’âge classique“). Davor aber gab es diese Zitate in Hülle und Fülle. Char sei seit den frühen 1950ern Foucaults Lieblingsschriftsteller gewesen und der von ihm meistgenannte zeitgenössische Autor, weiß die biografische Timeline in Ausgabe seiner Schriften „Dits et ecrits“.

Foucault hat bekanntlich in den 1950ern sehr unter der Homophobie in den Pariser Eliteakademiker-Kreisen gelitten, in denen er notgedrungen zu tun hatte, und 1948 und 1950 zwei Selbstmordversuche unternommen. Auch deswegen verbrachte er die zweite Hälfte der 1950er mit exilartigen Auslandsjobs in Uppsala, Warschau und schließlich in Hamburg, wo er 1959 und 1960 das Institut francaise leitete. Ins Maison de France in Uppsala wurde nur zum Essen eingeladen, wer Char-Gedichte vortragen konnte.

Bei diesen Jobs lehrte Foucault auch, und zwar meistens Themen französischer Gegenwartsliteratur und darunter auch ausführlich René Char. Der Lyriker und Aphoristiker war zwar kein Unbekannter oder Außenseiter jener Gegenwartsliteratur, war ein Freund von Camus, stand aber nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit. Seine Texte – ob man sie nun einer opak verdichteten Prosa oder der Lyrik zurechnen will – bestehen aus oft paradoxen, stets pointenreichen, um wilde Wendungen und krude Überraschungen gebauten Sentenzen. Während der Nazi-Besatzung war der ehemalige Surrealist ein wichtiger Mann der Resistance, der eine eigene Gruppe von Kämpfern leitete und jahrelang unter den Bedingungen von Klandestinität und Untergrund lebte.

In seinem „Hypnos – Aufzeichnungen aus dem Maquis 1943–44“ wechseln sich trocken geschilderte Nazi-Gräuel mit schlaflosen metaphysischen Spekulationen ab, fast alles im Kürzestformat. „Das Mädchen haben wir gefasst“, heißt es einmal lakonisch über eine Verräterin, nachdem vergleichsweise wortreich die Qualen eines Kameraden beschrieben wurden. Manchmal erinnert er an Celan, der ihn auch übersetzt hat – doch meistens durchkreuzt Chars Neigung, (oft absurde) Denkfiguren als Probleme vorzulegen, deren Form Lösbarkeit suggeriert, während am Ende doch die Aporie bleibt, die Ruhe des poetischen Bildes.

Foucault lehrt Char in Seminaren in Uppsala und Warschau und kommt immer wieder auf ihn zurück. In Hamburg bei der Abfassung des Vorwortes zum letzten Mal. Es scheint, dass in Hamburg um 1960 ein schwules Leben leichter war, der laut Hubert Fichte besonders aggressiv den Paragraf 175 anwendende Innensenator Helmut Schmidt kam erst 1961 ins Amt. Foucault kondoliert zum Amtsantritt Hamburgs Vorkämpfer für schwule Rechte, Rolf Italiaander, anlässlich des Todes von Hans Henny Jahnn, der bekanntesten queeren Persönlichkeit der Stadt.

Nachtleben der Hansestadt

Italiaander, der schon 1951 im Zimmertheater sein Anti-§175-Stück aufführen konnte, wird zum Freund und häufigen Besucher im Institut. Bei seinem ersten Besuch fällt ihm eine charmante, typisch französische junge Dame auf, die die Anwesenden mit ihrem Esprit und ihrem Charme trefflich unterhalten habe. Später habe Foucault aber in kleinerem Kreise den ihm inzwischen vertrauteren Italiaander wissen lassen, dass die Betreffende aus Hamburg stamme und im Übrigen auch keine Frau sei.

Dieser doppelte Drag beeindruckt Italiaander wie die ganze lockere Stimmung am Institut. Bei dem Historiker Rainer Nicolaysen kann man nachlesen, dass Foucault das schwule Nachtleben der Hansestadt genossen und durchaus mit auswärtigen Gästen geteilt habe. Man kann darüber hinaus vielleicht mutmaßen, dass sich die Traumata homophober Stimmungen aus Frankreich langsam auflösen konnten, sodass Foucault 1960 nach Frankreich zurückkehren konnte, mit der inzwischen abgeschlossenen Geschichte des Wahnsinns im Gepäck.

Die biografische Spekulation über eine Entspannung des Konflikts mit einer homophoben Umgebung als Einschnitt zu Beginn der 1960er Jahre ist vielleicht etwas kühn, zumal es auch gegenteilige Aussagen gibt, aber vom Verschwinden des oft zitierten Char aus Foucaults Schreiben bis zu dessen Wiederauftauchen auf den Rückseiten der allerletzten Bücher könnte man vielleicht auf eine veränderte Rolle der so heftig rezipierten zeitgenössischen Literatur in Foucaults Psychoökonomie schließen.

Foucault liest in den 1950ern besessen viel und kennt sich aus: Saint-John Perse, Blanchot, Beckett werden heftig rezipiert. Eine Rezension zu Hölderlin-Veröffentlichungen zeigt ihn etwa als Kenner auch der Ränder des deutschen Kanons, etwa der Philologen aus dem George-Kreis. Doch mit der Veröffentlichung von „Wahnsinn und Gesellschaft“ werden die literarischen Texte für den nun häufiger und professioneller publizierenden Foucault mehr zum Stoff, zum Material seiner Untersuchungen – es sind bei aller Begeisterung nicht mehr die Lieblingsautoren für seinen privaten Gebrauch. Statt in einem Leiden (an der Welt) von Chars dunkel-pointierten Haikus an die Hand genommen zu werden, wird etwa ein Raymond Roussel für ihn jetzt eher zum Exemplum der Phänomene, denen er seit 1961 professioneller auf der Spur ist. Die Literatur handelt nun nicht mehr von ihm, sondern sie, ihre Autor_innen und ihre Stoffe, sind nun seine Stoffe.

Forderung nach Widerstand

Warum aber kommt Char zum Schluss wieder so prominent zurück? Er spendet das Motto für eine Wende innerhalb einer Wende. Die Geschichte der Sexualität setzt in mancher Hinsicht neue epistemische Schwerpunkte, indem sie die „Repressionshypothese“ zurückweist und durch eine andere ersetzt, eine Art Geständniszwang-Hypothese. Dann wird die abgebrochen und neu begonnen mit einem zweiten Plan. Und hier tritt Chars Forderung nach einem Widerstand viel grundsätzlicher auf. In vielen seiner hoffnungsarmen Niedergangsmomentaufnahmen hat Char immer wieder betont, was dennoch erst recht nicht geht: zurückgehen an den Punkt, bevor es bergab ging. Das ist schlimmer als jeder Untergang, man muss weitermachen. Und wenn uns dieser Satz sagt, dass die Geschichte, indem sie Geschichte wurde, immer schon falsch war, heißt das, dass sie anders, ganz anders weiterzuschreiben wäre.

Wenn es keine Synonyme, also unterschiedliche und klassifizierende Namen für die Dinge, mehr gibt, sondern Homonyme, das eine Wort, dann gibt es das Problem des Nichtidentischen nicht mehr, das für Adorno so entscheidend war: Es gibt nicht mehr die Begriffe und das, was zwischen sie fällt und in den Staub gleitet, sondern sie werden quasi immer wieder neu gefunden, aufgehoben.

Aber zu dem Char-Satz gehört auch, dass er zwar eine tiefe Revolution verlangt, aber nicht sagt, welche benennbare Praxis damit zu tun hätte: weder Primitivismus noch Minimalismus noch Männer mit Mantras dürfen den Satz kapern. Doch Foucault schreibt über Sexualität. Auch Sex ist schließlich etwas, das immer das Gleiche und immer etwas Anderes ist und um dessen Anderssein, Werden, Gleichbleiben vieles bei Foucault sich dreht.

Das Re-Entry der Sexualität als Thema oder (einst existenzielles) Problem führt zum Re-Entry von Char und seinen komischen Widerstandsideen. Dem Entgegentreten und Widersprechen. Von den Beatles und von John Lennon wissen wir mehr, als dass es nur Homonyme sein sollen. Wir wissen sogar, wie das Wort klingt, das eine Wort. Es ist keine Überraschung, und es ist klar, dass die Generation, die in eine bewaffnete Résistance eintreten musste, es nicht aussprechen konnte, aber darum weiß.

Von der nächsten Generation, den Beatles wissen wir. Say the word: Love.

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