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Tatort-Krimi „Das jüngste Geißlein“Wie im schaurigen Märchenwald

Im neuen Schwarzwald-Tatort trifft der böse Wolf aus dem Märchen auf schauerliche Realität. Perfekt zum Gruseln in der dunkelsten Jahreszeit.

Endlich ist die dunkelste Jahreszeit da, die alles Lebenswichtige in Fülle liefert: Düsternis, Unbehagen, Morbides, Rätselhaftes, Traumhaftes, Geisterhaftes und Monströses jeder Art.

Sie finden, das sind keine lebenswichtigen Substanzen? Pardon, und Sie schimpfen sich Krimifan?

Kommissarin Tobler (Eva Löbau) und Kommissar Berg (Hans-Jochen Wagner) jedenfalls werfen sich in der neuen, schaurigen Folge des Schwarzwald-„Tatorts“ in den Fall eines rätselhaften Mädchens. Die kleine Eliza (Hanna Heckt) kauert verängstigt in der Standuhr im Wohnzimmer ihres Zuhauses. Die Mutter ist verschwunden, den Stiefvater findet man erstochen im See. Eliza spricht so gut wie kein Wort. Wenn doch, dann zitiert sie „Der Wolf und die sieben Geißlein“.

Das ist eins von den Grimm-Märchen. Wie das „Rotkäppchen“ handelt auch „Sieben Geißlein“ vom Beurteilen von Menschen als Überlebensstrategie. Sprich: Lerne, gut und böse zu unterscheiden, sonst passiert dir was Schlimmes.

Der Wolf im Märchen

Gleich zum Jahresbeginn bewährte Zutaten: kindliche Urängste und Deutschlands märchenhafteste Naturgewalten

Wie das „Rotkäppchen“ werden auch Elizas „Geißlein“ von einem mörderischen Wolf verfolgt, der sich verkleidet, um die gutgläubigen Heldinnen in Sicherheit zu wiegen. In beiden Märchen ist der Wolf am Ende tot und somit Ordnung wiederhergestellt. Nicht jedoch, ehe die Geschichte ihren Sinn – den Schrecken nämlich – erfüllt hat.

Ulrike Schölles (Buch) und Rudi Gaul (Buch, Regie) erschaffen aus der Vorlage ein stimmungsvolles Gruselstück zum Jahresbeginn. Als bewährte Zutaten: kindliche Urängste und Deutschlands märchenhafteste Naturgewalten. Inmitten verschneiter Bergwälder folgen wir Eliza in eine Traumwelt, so unschuldig wie grotesk, weil es dort permanent darum geht, dass ein „Böses“ gefunden und vernichtet werden muss, um alles in Ordnung zu bringen. Ein Sog der Feindseligkeit, der schließlich sogar die Kripo erfasst.

Man muss, wie bei jedem Genrestück, verzeihen, dass die Handlung hier und da an den Mädchenzöpfen herbeigezogen ist. Ansonsten aber funktioniert in diesem Film, was funktionieren muss: der Grusel. Vom Tempo beim Schnitt über das An- und Abschwellen des Sounds und den strategischen Einsatz von Stille bis hin zum unbehaglich-bezaubernden Spiel der zehn Jahre alten Nachwuchsdarstellerin.

Greifbare Spannung

Der Film verzichtet darauf, seinen Horror plump auszustellen. Er spielt stattdessen gekonnt mit unserer Erwartung, dass der Wolf gewiss jeden Moment aus dem Schatten springt. Das schafft eine Spannung, die greifbar ist. Wenn man nicht wüsste, dass man einen „Tatort“ guckt, man könnte es fast mit der Angst zu tun kriegen.

Wie sich natürlich herausstellen muss, liegen die Dinge am Ende nicht so säuberlich getrennt wie in Elizas Märchen, die ersehnte Ordnung wird nicht hergestellt, sie existiert nicht. Und so könnte der Film beinahe zur Parabel taugen – über die Fallstricke des In-gut-und-böse-Einteilens. Oder aber als Psychogramm einer kindlichen Seele, deren Urvertrauen so erschüttert ist, dass sie sich an eine binäre Moral klammert, als wäre sie die bessere Realität.

Oder aber man lässt den Film auf gar nichts weiter verweisen und gestattet ihm vielmehr zu sein, was er ist: ein handwerklich sauber erzähltes, klassisches Schauerstück, bei dem man sich in der dunkelsten Zeit wohlig aneinandergruseln kann.

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