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Taktisch-wählen-Kampagne von Campact Die Kritik der Linkspartei ist überzogen, aber berechtigt

Timm Kühn

Kommentar von

Timm Kühn

Mit ihrer Kampagne, bei den Wahlen in Ostdeutschland taktisch zu wählen, überzieht Campact sein Engagement zur Rettung der Demokratie.

Z ugegeben: Die Worte, mit denen diverse Linken-Spitzen gerade die Kampagnenorganisation Campact kritisieren, sind zum Teil daneben. Campact sei „nichts weniger als eine willige, aber nicht ganz billige Vorfeldorganisation“ der Grünen, schrieb etwa Bodo Ramelow auf Twitter. Die Abgeordnete Lea Reisner toppt das sogar noch. Sie „hasse“ Campact, erklärt Reisner, es sei falsch, wenn „Berliner Hipster Tausende Euro in Wahlkämpfe im Osten“ pumpen.

Trotzdem ist die Kritik der Linken an einem erneuten Campact-Aufruf bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern, „strategisch“ zu wählen, richtig. „Strategisch wählen“ heißt für Campact mehr oder weniger, das Kreuz bei den Grünen zu machen. 150.000 Euro lässt sich die Organisation die Kampagne kosten, die sich an Wäh­le­r:in­nen von Linkspartei und SPD wenden soll. Ziel ist, dass die Grünen den Einzug ins Landesparlament sicher schaffen und so das demokratische Lager dort stärken.

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In ihren konkreten Argumenten liegen die Linken allerdings oft daneben. Zum Beispiel, wenn sie strategisches Wählen gänzlich verwerfen. Denn es kann Sinn machen, wenn sich progressive Parteien absprechen, um einen Sieg der AfD zu verhindern. Unlauter ist ebenso, Campact zu unterstellen, es gehe nur um einen Erfolg der Grünen. Etwa bei der Landtagswahl 2024 in Sachsen hat die Nichtregierungsorganisation auch die Linkspartei unterstützt – was diese allerdings schon damals kritisiert hatte.

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Problematisch indes ist die Kurzsichtigkeit der Strategie, die hinter dem Campact-Wahlaufruf steht. Denn die beschränkt sich darauf, dass die demokratischen Parteien gegen die AfD zusammenhalten sollen. Natürlich müssen sie das im Zweifel tun. Aber wenn sich antifaschistische Politik darauf reduziert, nur gegen die AfD zu sein, ist sie schon konzeptuell zum Scheitern verurteilt. Dann besteht antifaschistische Politik nur noch darin, die insgesamt immer kleiner werdenden Stimmanteile des demokratischen Lagers strategisch und bestmöglich zu verteilen.

Ziel der Kampagne ist der sichere Einzug der Grünen ins Landesparlament

Völlig aus dem Blick gerät dabei die Frage, warum „der Demokratie“ überhaupt fortlaufend die Leute wegbrechen. Wer diese Frage stellt, wird unweigerlich auf Sozialabbau und Kürzungspolitik, auf die massive Aufrüstung und das Versagen beim Klimaschutz stoßen. Diese neoliberale Politik ist die strukturelle Basis für den Rassismus der AfD – und diese Politik haben die Grünen in den vergangenen Jahren in Regierungsverantwortung stets mitgetragen. Die Partei wird deshalb nicht komplett zu Unrecht im Osten abgestraft.

Sie jetzt mit den Stimmen einer Partei künstlich am Leben zu erhalten, die zumindest näherungsweise eine glaubhafte soziale Opposition darstellen kann, ist problematisch. In Sachsen-Anhalt mag das zu rechtfertigen gewesen sein, denn hier drohte eine absolute Mehrheit der AfD. In Mecklenburg-Vorpommern aber hat die AfD keine reale Machtoption.

Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Timm Kühn

Timm Kühn Redakteur

Timm Kühn ist Redakteur für soziale Bewegungen im Inland und in Berlin. Für die taz schreibt er seit 2021 über Klima, Kapitalismus und kleine Risse im großen Ganzen. Hat auch mal Politische Theorie studiert.
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8 Kommentare

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  • Minderleister

    »Aber wenn sich antifaschistische Politik darauf reduziert, nur gegen die AfD zu sein, ist sie schon konzeptuell zum Scheitern verurteilt.«



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    Ja, wenn, aber wer sagt denn, dass es so ist? Mir gefällt diese Schwarzweiß-Analyse nicht. Man kann kurzfristig das eine tun, ohne langfristig das andere zu lassen.

  • Günter Witte

    Wenn zwei das gleiche tun ist es nicht das selbe ...



    Wenn die Union die Aktion von Campact kritisieren sind sie Faschisten welche die Demokratie gefährden, wenn die Linke ganz das gleiche tut ist es voll berechtigt. Eben wenn zwei ...

  • EchteDemokratieWäreSoSchön

    Der Autor hat recht. Das Agieren von Campact ist absolut kurzsichtig. Mittel- und langfristig wird dies eher dazu führen, dass die AfD noch stärker wird.



    Denn durch das Strategisch Wählen von Campact erhalten Parteien (z.B. SPD und Grüne in Sachsen-Anhalt) mehr Stimmen als sie sie durch ihre Politik erhalten würden, in Sachsen-Anhalt die SPD 9% statt 5%. Wenn sie nur 5% erhalten hätten oder sogar rausgeflogen wären, hätte sich die SPD mal ernsthaft Gedanken gemacht, ob die derzeitige Richtung wirklich richtig ist. Aber mit 9% wird die bisherige Politik in Berlin einfach weitergemacht - mit ein paar kleinen Korrekturen, wie das für die SPD üblich ist. Die Folge ist, dass noch mehr Menschen glauben werden, dass nur eine radikale Partei daran etwas ändern kann. Bei der nächsten Wahl werden noch mehr Wähler die AfD wählen. Und spätestens 2029 ist dann auch im Bund AfD stärkste Partei und führt die Regierung an. Wenn sie nicht sowieso alleine regieren kann.

    Nur eine radikale Änderung der Politik in Berlin wird den Aufstieg der AfD stoppen können. Nur eine Politik, bei der Gerechtigkeit und das Leben der Mehrheit der Bevölkerung im Mittelpunkt steht - und nicht Wirtschaftswachstum.

  • Uwe Kulick

    Grün und Ökologie gehören irgendwie ja immer noch zusammen. Die Umfrage geben den Meckpomm-Grünen durchweg 5%. Aber nicht mehr. Peinlich also, wenn die Wahl mit 4,99% Grün endet! Und das im rein biologisch-physikalisch durchs Colorimeter betrachtet grünen Land Meckpomm.

    Taktisch wählen sind wir nicht mehr gewohnt, jedenfalls nicht ohne FDP! Das ist die tradionelle Erst/Zweit-Stimmen-Splitting-Partei! Aber nun bereits im Parteienhospiz angesiedelt! Gehören die Grünen auch in dieses Off? Oder hangeln sie sich künftig mit Leihstimmen durch die Parlamente? Wenn Grün heut nicht fünfkommanull erreicht, wird es schon beinahe eine Regionalpartei.

    Denn bei allen sinnvollen taktischen Überlegungen: Habeck hat es vergeigt, die Grünen als stategisch wichtige demokratische Partei bundesweit in die Herzen einzuschreiben. Die Klimaerwärmung kommt zwar gnadenlos, es war aber in der Ampelperiode klar dass diese Koalition nur ein seltener Zufall war und ihre Fortdauer abhängig gewesen war davon, eine perfekte Politik zu liefern. Lindner war dafür tödlich, aber auch Habeck nicht ganz unschuldig. Wohl den Bundesländern, wo Grüne noch aus Überzeugung gewählt werden. Das hat nämlich seinen guten Grund

    • Perkele

      @Uwe Kulick:

      Das übliche Muster: Habeck hat's vergeigt. Vielleicht denkt der faire Betrachter mal daran, dass man Habeck vergeigt hat, mit Hetzpaorolen aud der cdsU, der 1,5% fdP und natürlich den einschägigen Hetzern wie Springer rtl u.a. Keiner dieser Akteure scheute und scheut sich immer noch nicht um Wahrheit, Anstand und Fairness.

  • Perkele

    Ein sehr gut durchdachter Kommentar. Danke dafür!

  • Adam95

    Es ist eine gute Sache, mehr Menschen sollten auch strategisch über die Nutzung ihrer Stimme nachdenken. Mir ist nur wichtig, dass Campact auch wirklich immer für die Linke einsteht wenn sie in der gleichen Situation ist.

  • EchteDemokratieWäreSoSchön

    Der Autor hat absolut recht. Die Strategie von Campact ist absolut kurzsichtig. Und mittel- und langfristig sogar kontraproduktiv.

    Durch diese Strategie werden Parteien mit besseren Ergebnissen versorgt, obwohl sie dies durch ihre Politik nicht verdient haben. Und das hält sie davon ab, über ihre Politik mal ernsthaft nachzudenken und sich zu fragen, was sie besser machen müssten, damit mehr Menschen sie wählen.



    Das gilt für die SPD, die in Sachsen-Anhalt 9% erhalten haben, obwohl sie ohne den Einsatz von Campact vielleicht sogar aus dem Landtag gepflogen wären. Letzteres hätte vielleicht auch in Berlin die Erkenntnis reifen lassen, dass es so einfach nicht weitergeht. Aber weil sie "tolle" 9% erhalten haben, geht es jetzt wohl weiter wie gehabt. Rentenkürzung, Verschlechterung von Gesundheitssystem und Pflegesystem, keine wirkungsvollen Maßnahmen, um die Mieten zu deckeln und zu kürzen etc.



    Das wird nur dazu führen, dass bei der nächsten Wahl noch mehr Menschen rechtsextrem wählen, denn sie werden sich sagen, dass eine Stimme für CDU/CSU/SPD/Grüne doch wieder nur dieselbe Politik ergibt, die sie seit 20-40 Jahren benachteiligt. Und speziell die Grünen sind da lernresistent.