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Tagebuch aus der UkraineMein kurzes Leben vor dem Vierten Weltkrieg

Die Ukraine kann sich nur mit modernster Technologie verteidigen. KI-Drohnen und andere Hightech-Waffen sind die Zukunft. Realität kann traurig sein.

Ein ukrainischer Soldat bereitet eine Langstreckendrohne vor, Februar 2025 Foto: Maloletka/ap

A ls Kind las ich viel sowjetische Kinderliteratur über den Weltraum, über tapfere Kosmonauten und die Überwindung neuer Grenzen. Die Schattenseiten des Kalten Krieges sah ich damals nicht: dass das Wettrennen im All stets Hand in Hand mit dem Wettrüsten ging.

Auch Bücher über Roboter und Robotik prägten meine Vorstellung. Im Geist des sowjetischen Technikoptimismus erzählten sie davon, wie Maschinen eines Tages die schweren und monotonen Arbeiten übernehmen würden. „Die Mühen sind vergessen, der Lauf ist gestoppt – Roboter schuften, nicht der Mensch“, hieß es im sowjetischen Film „Die Abenteuer von Elektronik“, gedreht im Filmstudio Odessa.

Die Realität ähnelte weniger einer Saga über einen Roboterjungen, sondern eher einer Mischung aus „Terminator“ und „Starship Troopers“: Drohnen mit künstlicher Intelligenz, die Ziele im hohen Gras und zwischen Bäumen aufspüren; bodengestützte Robotersysteme für alle möglichen militärischen Zwecke; Krieg im Cyberspace unter Einsatz von durch neuronale Netze generierten gefälschten Fotos und Videos.

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Nein, das ist nicht die Zukunft, die ich mir gewünscht habe. Einerseits ist es die Fortsetzung des ewigen Kampfes zwischen „Schwert“ und „Schild“, andererseits ein klassischer Cyberpunk, in dem das Prinzip „High Tech, Low Life“ mit besonderem Zynismus umgesetzt wird. Wie sonst lässt sich sonst eine Realität erklären, in der man nachts auf sein Smartphone starren muss, um zu erfahren, wohin die nächste russische Drohne oder Rakete fliegt?

Bei all dem könnte man emotional zum Ludditen werden, aber das würde doch sowieso nichts ändern, oder? Wenn dir der Staubsaugerroboter nicht gefällt, kannst du ja einen Besen benutzen, aber wir haben uns ja schon immer gegenseitig umgebracht, auch ohne Drohnen mit Wärmebildkamera.

Pazifismus und Abfangdrohnen

Man geht davon aus, dass bodengestützte Robotersysteme dort helfen, wo Menschen nicht hinkommen. Einfacher gesagt: Der Einsatz von Robotern hilft, Menschenleben zu retten. Dennoch fordert der Krieg weiterhin Opfer. Und solange Drohnen und Roboter nicht gelernt haben, ohne unser Zutun zu kämpfen, wird hinter jedem von ihnen jemand stehen, sodass wir vorerst lediglich den Stock oder den Stein neu erfunden haben.

Die Ukraine steht derzeit an vorderster Front eines technologisch geführten Krieges. Als der jüngste Krieg im Nahen Osten ausbrach, waren es gerade ukrainische Fachleute und Technologien, die gefragt waren. Und auch wenn der Chef von Rheinmetall die ukrainischen Drohnenhersteller noch so oft als „Hausfrauen mit 3D-Drucker“ beschimpft, so waren doch gerade diese „Hausfrauen“ – in Wirklichkeit talentierte Ingenieure – im Krieg des neuen Jahrhunderts gefragt.

Bin ich stolz darauf, dass die Ukraine mit modernster Technologie Krieg führt? Oh nein, ich bin entsetzt, aber man kann nichts dagegen tun. Man kann noch so sehr Pazifist sein, aber es ist besser, wenn eine russische Drohne von einer Abfangdrohne abgeschossen wird, als dass sie in ein weiteres Wohnhaus stürzt.

Wir alle würden uns wünschen, dass man uns wegen unseres Bildungs- und Gesundheitssystems kennt und schätzt und nicht wegen unserer starken Armee. Aber die Verhältnisse sind nicht so. Deshalb blättere ich dank des schnellen WLANs weiter durch Kurzvideodienste, lausche dabei dem Summen einer Drohne vor dem Fenster und hoffe einfach, dass es mir gelingt, ein wenig zwischen dem dritten und dem vierten Weltkrieg zu leben. Ich glaube, das wäre eine wunderbare Zeit, wenn auch eine recht kurze.

Vasili Makarenko ist freier Autor aus Kyjiw und war Teilnehmer eines Osteuropa-Workshops der taz Panter Stiftung.

Aus dem Russischen von Tigran Petrosyan.

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