Tagebuch aus der Ukraine: Heute Nacht schlafe ich
Warum die Menschen in Kyjiw mehr den Sommer spüren als den Krieg. Eine Stadt erkämpft sich das Recht auf ein normales Leben.
D er vierte Kriegssommer in der Hauptstadt der Ukraine ist immer noch näher am Sommer als am Krieg. Russland erhöht zwar weiterhin die Zahl der Drohnen und Raketen, mit denen es die Stadt nachts angreift, aber Kyjiw erholt sich auf wundersame Weise bis zum Morgen und kämpft weiter für sein Recht auf ein halbwegs normales Leben. Gegen Abend öffne ich die Fenster weit, stelle den Wecker und gehe schlafen.
Was es in meinem Leben nicht gibt, ist die App „Luftalarm“. Weil ich nachts schlafen will und nicht die Sirene meines Smartphones hören möchte. Wenn die Explosionen weit weg sind, werde ich sie vielleicht gar nicht bemerken, und wenn sie näher sind, brauche ich keine Benachrichtigung, um davon zu erfahren.
Das ist zwar nicht gerade ein sicheres Verhalten, aber ich werde mich auch nicht in einen Schutzraum begeben. Ich wohne nicht in der Nähe einer U-Bahn-Station, und alle anderen Schutzräume kommen mir entweder nicht vertrauenswürdig vor, oder es gibt sie einfach nicht. Ich habe Privilegien – ich habe keine Kinder oder Haustiere, daher bin ich nur für mich selbst verantwortlich. Und morgens muss ich zur Arbeit gehen – wie alle anderen auch. Deshalb schlafe ich.
Und ich bin fest davon überzeugt, dass dieses Muster nun zur Normalität geworden ist. Nach schweren Anschlägen meldet die U-Bahn Tausende von Menschen, die sich dafür entschieden haben, auf dem Betonboden der Station zu schlafen, um am nächsten Morgen ganz sicher wieder aufzuwachen. Aber in unserer Stadt gibt es mehrere Millionen Menschen, die sich im Flur, im Badezimmer, auf der Treppe oder einfach auf dem Boden einrichten und jede Nacht hoffen, dass die durch die Explosionswelle zerbrochenen Glasscheiben nicht auf sie fallen.
Kyjiw ist eine Stadt, die an beiden Ufern des Dnjepr liegt, die durch Brücken verbunden sind. Während der Luftalarmphase fährt die U-Bahn nicht vom rechten zum linken Ufer. Deshalb machen sich die Menschen keine Sorgen wegen eines möglichen Angriffs, sondern wegen der realen Gefahr, es nicht rechtzeitig vor der Ausgangssperre nach Hause zu schaffen. Auch ich habe nachts mehr Angst davor, nicht genug Schlaf zu bekommen, als vor einem Angriff.
Fatalismus und Vertrauen in die Luftabwehr
Dieses Gefühl und dieses Verhalten glaube ich mir leisten zu können, weil ich auf die Effizienz der ukrainischen Luftabwehr vertraue. Ihr werden fast magische Eigenschaften zugeschrieben -übrigens völlig zu Recht. Und ich handele so, weil ich dem Fatalismus verfallen bin, dem man hier nicht entkommen kann.
Zu Beginn der groß angelegten Invasion drehten die Ukrainer Videos, die den Beschuss europäischer Städte zeigten, um Empathie und Unterstützung zu wecken. Sie taten das nach dem Motto: Heute passiert das uns, morgen könnt ihr an unserer Stelle sein. Nach mehr als tausend Tagen Krieg denke ich, dass das keinen Sinn hatte.
Die Bewohner friedlicher Städte und Länder gehen nachts ruhig schlafen. Sie schalten die Benachrichtigungen auf ihren Handys aus und schlafen ohne Sorgen ein. Ich bin nicht bereit, sie dafür zu verurteilen.
Wenn nötig, kann man im Internet nach der „Zwei-Wände-Regel“ suchen. Sie beschreibt, wie man in einem Haus einen möglichst sicheren Ort findet, um sich vor Schüssen oder Explosionen zu schützen. Wichtig ist dabei: Zwischen einem selbst und der Straße sollten mindestens zwei stabile Wände liegen. Die erste Wand dämpft die Wucht der Explosion, die zweite schützt vor umherfliegenden Splittern.
Aber gut. Ich gehe jetzt schlafen.
Vasili Makarenko ist freier Autor aus Kyjiw und war Teilnehmer eines Osteuropa-Workshops der taz Panter Stiftung.
Aus dem Russischen Tigran Petrosyan.
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