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Tagebuch aus KirgistanDrei Tage im Mai

Aus dem Tag der Arbeit wurde in Kirgistan der Auftakt zu einer Feiertagsperiode. Im Land wird diskutiert, ob das nicht zu sehr der Wirtschaft schadet.

Last standing 1.-Mai-Kämpfer: Lenin-Denkmal in Bischkek Foto: Joerg Boethling/imago

I n Zentralasien ist der 1. Mai längst kein Feiertag der Arbeitersolidarität mehr. In Kasachstan wurde er zum „Tag der Einheit des Volkes“ umbenannt, in Usbekistan zum „Tag der Springbrunnen“, und sowohl in Tadschikistan als auch in Turkmenistan ist er ganz aus dem offiziellen Feiertagskalender verschwunden. Nur Kirgistan hat die Tradition aus sowjetischer Zeit bewahrt. Zwar wird der Tag dort kaum noch groß begangen, doch er markiert den Beginn der Maifeiertage, die in diesem Jahr ganze zehn Tage dauern.

2025 wurden die Gesetze der Kirgisischen Republik entsprechend geändert. Der Zeitraum vom 1. bis zum 9. Mai wurde offiziell zu einer zusammenhängenden Feiertagsperiode erklärt. Hintergrund ist nicht nur der Tag der Arbeit, am 5. Mai wird zudem der Tag der Verfassung gefeiert, am 9. Mai der Tag des Sieges über den Nationalsozialismus. Um keine Lücken zwischen den Feiertagen zu lassen, hat die Regierung sie zu einem längeren Zeitraum zusammengefasst.

Heute finden in der Hauptstadt Bischkek keine Massenkundgebungen und Demonstrationszüge statt. Dabei war der 1. Mai früher einer der wichtigsten Feiertage. Der Tag der Solidarität der Werktätigen wurde in Kirgistan 1919 eingeführt und seitdem nie wieder abgeschafft. Heute wird dieser Tag jedoch nur noch von den Kommunisten begangen, und die sind eine sehr kleine Partei in Kirgistan. Ihre Vertreter versammeln sich jedes Jahr am Lenin-Denkmal im Zentrum der Hauptstadt (ja, das gibt es bei uns noch), halten eine kleine Kundgebung mit Reden ab und gehen friedlich auseinander. Sie stellen keinerlei politische Forderungen, und in ihren Äußerungen sind sie sehr zurückhaltend.

Für die meisten Kirgisen aber sind die Maifeiertage vor allem eines: Zeit zum Reisen, für Ausflüge ins Grüne oder für Tage mit der Familie. Besonders beliebt sind Picknicks. In den Bergen und Naturparks des Landes wird dann gegrillt, gekocht und gemeinsam gefeiert.

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Feiertage und Arbeitsausfall

In der kirgisischen Gesellschaft wurde die Entscheidung der Regierung über die verlängerten Feiertage kontrovers aufgenommen. Sie wirkt sich nämlich erheblich auf die wirtschaftliche Aktivität der Bevölkerung aus.

In den sozialen Netzwerken wird empört darüber diskutiert, dass staatliche Behörden, Ministerien, Ämter und kommunale Dienste seit mehr als einer Woche nicht arbeiten. Es ist derzeit unmöglich, offizielle Dokumente oder Bescheinigungen zu erhalten oder beglaubigen zu lassen, größere Geschäfte abzuwickeln, sich im Krankenhaus anzumelden, die Rente zu beziehen und vieles mehr.

Das Leben scheint stillzustehen, viele Prozesse kommen zum Erliegen. Umfragen, die am Vorabend der Maifeiertage durchgeführt wurden, haben erbracht, dass die langen Feiertage durchaus um die Hälfte gekürzt werden sollten.

Lange Feiertage haben ihren Preis. Das zeigen bereits die Feiertage zum Jahreswechsel in Kirgistan, die wieder über zehn Tage andauern. Wenn so lange nicht gearbeitet wird, leidet die Wirtschaft. Wer dennoch arbeitet, hat Anspruch auf doppelte Bezahlung – eine Belastung vor allem für kleine und mittlere Unternehmen. Am Ende trifft es wieder die Schwächsten: Beschäftigte im öffentlichen Dienst und Staatsbedienstete.

Mahinur Niyazova ist freie Journalistin und stammt aus Bischkek in Kirgistan. Sie war Teilnehmerin eines Osteuropa-Workshops der taz panterstiftung.

Aus dem Russischen von Tigran Petrosyan.

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