Tagebuch aus Georgien: Dieses alles beherrschende Interesse an Kohle
Offiziell steht die Regierung in Tblissi an der Seite der Ukraine. Doch wenn es um Rohstoffe aus dem Donbass geht, wird die Nähe zu Moskau gesucht.
N ach der Invasion Russlands in die Ukraine hat Georgien zunächst Solidarität mit Kyjiw bekundet, offiziell bis heute. Doch hier ist von Lieferungen von Kohle und Metall aus den von Russland besetzten Gebieten des Donbass zu berichten, von der Umgehung der Sanktionen.
Mitte März 2026 unterzeichnete der georgische Geschäftsmann und Eigentümer des Unternehmens „George Oil“, Valerian Kochiaschwili, ein Abkommen mit der „Donezker Volksrepublik“. Offiziell geht es da um den „Ausbau von Handelsbeziehungen“. Tatsächlich jedoch wirkt das Abkommen wie der Versuch, unter Kriegsbedingungen gewonnene Rohstoffe zu legalisieren, und zwar über die georgische Zollinfrastruktur. Georgien würde so zu einem Schlupfloch für die Umgehung internationaler Sanktionen.
Nach 2022 hat Europa seinen Markt für russische Kohle und damit auch für Rohstoffe aus den besetzten Gebieten des Donbass geschlossen. Doch diese Ressourcen sind nicht vom Weltmarkt verschwunden. Sie gelangen weiterhin über Reexport-Mechanismen an ihre Kunden: Per Bahn werden sie nach Russland transportiert, in den Dokumenten sind sie als russische Rohstoffe ausgewiesen, und über russische Häfen werden sie in Länder Asiens und des Nahen Ostens verschifft.
In genau diese Kette scheint sich das georgische Unternehmen nun einfügen zu wollen. In russischen Medien wird Kochiaschwilis Firma bereits als „großer Akteur“ auf dem Markt für öffentliche Aufträge in Georgien bezeichnet.
Das formell unterzeichnete Abkommen mit der Donezker Volksrepublik ist eine private Initiative, für die bislang keine Verträge vorliegen. In der Praxis sind solche Konstrukte jedoch kaum ohne die stillschweigende Zustimmung des Staates möglich. Damit die Kohle nach Georgien gelangt, muss sie den Zoll, das Finanzsystem und die Logistik durchlaufen. Das bedeutet, dass die Angelegenheit bereits über den rein geschäftlichen Rahmen hinausgeht.
Drohungen gegen den deutschen Botschafter
Der Chef des Unternehmens, Valerian Kochiaschwili, ist ein Befürworter einer georgischen Annäherung an Moskau. Er macht weder aus seinen Absichten noch aus seiner Logik einen Hehl: Er sagt ganz offen, dass die Russen den Ukrainern die Kohle weggenommen hätten, und vor diesem Hintergrund wolle er Beziehungen zu Russland aufbauen.
Ein Jahr zuvor war Kochiaschwili ganz zentral in einen Skandal verwickelt, nachdem er den deutschen Botschafter in Georgien, Peter Fischer, einen konsequenten Kritiker des Vorgehens der georgischen Behörden, verbal angegriffen hatte. Er drohte dem Botschafter sogar mit körperlicher Gewalt. Fischer selbst ist in den vergangenen Jahren zu einem der Hauptziele der Partei „Georgischer Traum“ geworden: Man wirft ihm Einmischung in innere Angelegenheiten, die Ausübung von Druck und Versuche der Destabilisierung vor.
Die Regierung in Tblissi bekräftigt zwar weiterhin ihre Unterstützung für die Ukraine und ihr Bekenntnis zu Europa. Dennoch hat sich das Land bislang nicht den bilateralen Wirtschaftssanktionen gegen Russland angeschlossen. Georgischer Traum hat dies lange Zeit mit Pragmatismus begründet, doch zunehmend scheint es sich um eine bewusste Entscheidung zu handeln.
Wichtig sind nicht Worte, sondern Taten. Und dieses Geschäft ist längst eine klare Positionierung. Diese Stellungnahme zeigt sich nicht in offiziellen Erklärungen, sondern ganz konkret darin, welche Fracht Georgien über seine Grenzen lässt.
Khatia Khasaia ist Journalistin beim georgischen Dienst von Radio Liberty in Tbilissi. Zuvor arbeitete sie für die unabhängige Medienplattform Sova. Sie nahm am Workshop für Journalistinnen aus Osteuropa der taz Panter Stiftung teil.
Aus dem Russischen Tigran Petrosyan.
Finanziert wird das Projekt von der taz Panter Stiftung.
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