Sudans Armee erobert Hauptstadt zurück: „Khartum ist frei“, ruft der Präsident
Sudans Armee hat nach fast zwei Jahren Krieg die volle Kontrolle über die Hauptstadt wiedergewonnen. Der Jubel bei vielen Sudanesen ist groß.

Khartum war Kriegsgebiet seit dem 15. April 2023, als der damalige Vizepräsident Mohamed Hamdan Daglo, genannt Hametti, mit seiner Miliz RSF (Rapid Support Forces) in den Aufstand gegen die Armee trat, um die drohende Auflösung seiner Truppe zu verhindern. Die RSF und die Regierungsarmee SAF (Sudanesische Streitkräfte) kämpften ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung um die Macht in Khartum und dann, als keine Seite die Oberhand gewann, in ganz Sudan. Im April und Mai 2023 flohen Millionen von Menschen. Von Khartums 5 Millionen Einwohnern – 9 Millionen im gesamten Großraum Khartum – haben 3,5 Millionen die Stadt verlassen, die Regierung zog nach Port Sudan.
Von den einst 45 Millionen Einwohnern Sudans sind heute knapp ein Drittel auf der Flucht. Zwei Drittel der Bevölkerung Sudans ist auf humanitäre Hilfe zum Überleben angewiesen. Nach UN-Angaben ist die Krise in Sudan die größte Hunger- und Flüchtlingskrise der Welt.
Je weiter sich der Krieg ausdehnte, desto verheerender wurden die Zerstörungen. Die RSF eroberte 2023 einen Großteil der fruchtbaren Landstriche südlich von Khartum entlang des Nils, was die Landwirtschaft zusammenbrechen ließ. Die Miliz übernahm 2023 und 2024 auch die Kontrolle über fast ganz Darfur und verjagte Volksgruppen, die schon eine Generation vorher Zielscheibe des systematischen Völkermords durch die RSF-Vorgängermiliz Janjaweed im Auftrag des damaligen Militärdiktators Omar Hassan al-Bashir gewesen waren.
In Sudan liefern sich Einheiten der Armee und der paramilitärischen RSF-Miliz (Rapid Support Forces) seit dem 15. April 2023 Kämpfe im ganzen Land. Der Machtkampf setzt den Bemühungen zur Demokratisierung Sudans vorläufig ein Ende.
Sudans Demokratiebewegung, die 2019 Bashir gestürzt hatte und dann hilflos der Rücknahme der Macht durch Sudans Generäle zusehen musste, zerstreute sich in alle Winde. In ihrem Kampf gegen die RSF beging auch die Armee Massaker und Kriegsverbrechen, beide Seiten bombardierten und beschossen bedenkenlos zivile Ziele.
Seit rund einem halben Jahr ist die Armee wieder auf dem Vormarsch. Sie eroberte nacheinander alle Provinzen am Nil zurück und trug im Januar die Schlacht nach Khartum. Mitte Februar verkündete die Armee den Durchbruch ihrer den Nil flussabwärts nach Norden vorstoßenden Truppen bis zu ihren eingekesselten Gebieten im Zentrum von Khartum. Am 21. März fiel der Präsidentenpalast mitten in Khartum an die Regierungstruppen.
Danach ging alles sehr schnell. Die Armee übernahm einen Stadtteil nach dem anderen, die RSF zog sich auf das Westufer des Nils zurück, in Richtung ihrer Hochburgen Kordofan und Darfur. Fast jeden Tag gab es schwere Artillerieangriffe beider Seiten, denen auch viele Zivilisten zum Opfer fielen. Aus dem letzten RSF-gehaltenen Stadtviertel, Jebel Aulia im Süden mit der gleichnamigen Talsperre am Nil, wurde am Mittwoch die Flucht der letzten Milizionäre über die Flussbrücke gesichtet. Einzelne RSF-Einheiten sollen sich noch in Omdurman auf dem westlichen Nilufer befinden, aber Khartum als solches ist „befreit“.
Jetzt feiern Sudanesen, wo sie können: auf den Straßen von Port Sudan, auf den Straßen von Khartum, sogar im Flugzeug aus Katar. „Das geduldige Volk, das viel aushalten musste, kann endlich aufatmen und in Freiheit lachen“, schreibt ein Demokratieaktivist aus Khartum. Die Erleichterung über ein Ende der Kämpfe um die Hauptstadt nach fast genau zwei Jahren ist riesig.
Dass sich die Lage verbessert, wenn die RSF verjagt wird, haben die Bewohner der Nilprovinzen in den vergangenen Wochen erlebt. In Wad Madani, 150 Kilometer südlich von Khartum, das im Dezember 2023 an die RSF gefallen war und im Januar 2025 von der Armee zurückerobert wurde, kehren Vertriebene heim, die Märkte haben sich wiederbelebt. In mehreren Regionen eröffnen jetzt gerade die Banken wieder, Geld kann zirkulieren.
Zum ersten Mal seit Kriegsbeginn sinkt die Zahl der Kriegsflüchtlinge in Sudan: Knapp 400.000 Menschen haben seit Jahresbeginn wieder nach Hause gehen können, vor allem in Khartum sowie den Städten flussaufwärts am Nil, berichtet die UN-Migrationsorganisation IOM.
Die RSF hatte erst im Februar versucht, sich ein besseres ziviles Image zu geben, indem sie in Kenia andere Rebellengruppen sowie Teile der ehemaligen sudanesischen Demokratiebewegung eine Charta für eine „Gegenregierung“ unterzeichnen ließ. Dies ging jedoch nach hinten los. International wuchs die Entschlossenheit, die Miliz zu isolieren, um einen Zerfall Sudans zu stoppen.
Horror in der Folterhaft
Im März veröffentlichte die UN-Menschenrechtskommission Ergebnisse einer Untersuchung von Verschwindenlassen und Festnahmen sowohl durch die RSF als auch durch die Armee in Khartum. Beide Seiten, so der Bericht, verschleppten Menschen an Checkpoints und verbrachten sie in improvisierte Haftanstalten, zumeist Amtsgebäude, wo sie mit Schlägen, Peitschen, Aufhängen und Elektroschocks gefoltert wurden.
Augenzeugen berichteten von überfüllten Kellerräumen voller Häftlinge, die kaum Nahrung oder Wasser und keine medizinische Versorgung erhielten. Als schlimmste Haftanstalt Khartums wird das RSF-Gefängnis Soha mit insgesamt über 6.000 Insassen und Todeszahlen von 4 bis 80 Menschen am Tag genannt. Videos seit der Vertreibung der RSF aus Khartum zeigen Massengräber voller halb skelettierter Leichen und Hafträume mit halb verhungerten, halb nackten Männern.
Der Krieg geht derweil weiter – vor allem in Darfur. Erst Anfang dieser Woche tötete dort die Armee mit Luftangriffen auf einen Markt mehrere Hundert Menschen. Und die RSF gibt sich nicht geschlagen. Sie habe ihre Truppen lediglich „umgruppiert“, erklärte die Miliz am Donnerstag.
taz lesen kann jede:r
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Texte, die es nicht allen recht machen und Stimmen, die man woanders nicht hört – immer aus Überzeugung und hier auf taz.de ohne Paywall. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert
Vorsitz der UN-Vollversammlung
Und jetzt alle zusammen: Annalena Baerbock for President!
Immer mehr Kirchenaustritte
Die Schäfchen laufen ihnen in Scharen davon
Linksfraktionschefin Heidi Reichinnek
„Ich freue mich darauf, zu nerven“
Politik für die Zukunft
Warum ist Robert Habecks Politikstil gescheitert?
SPD-Vorsitzende Saskia Esken
Sie ist noch da
Weibliche Körper
Die Pimmeljury ist überall