piwik no script img

„Suburbia“-Ausstellung im DAM FrankfurtMein Haus ist mein Castle

Ungenutzter Wohnraum, Vorstadt, Eigenheim und Wohnungskrise. Die aktuelle Schau im Deutschen Architekturmuseum ist originell und deutet Lösungen an.

Aus der Schau „Suburbia“: Untitled (Elsa). Series Left Behind, 2005 Angela Strassheim Foto: 2005 Angela Strassheim/Courtesy of the artist

Grüner Rasen, weißer Zaun, blauer Himmel: Eingedenk des US-amerikanisch geprägten Popkulturwissens wartet man bloß noch auf den blanken Horror, wie ihn David Lynch der Vorstadtidylle in „Blue Velvet“ unter die hauchdünne Oberfläche setzte. Man muss in der jüngeren Kunst-, Literatur- und Filmgeschichte nicht lange nach den Abgründen von Suburbia suchen, denen auch die neue Schau im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main gebührend Platz einräumt.

Wiewohl jene Abgründe eher zum Ende des Rundgangs auftauchen, in Form von Weronika Gęsickas verfremdeten Vintage-Fotografien aus Bilddatenbanken oder der Fotografin Angela Strassheim, die Einfamilienhäuser als Tatorte sogenannter häuslicher Gewalt aufsucht. Oder Gabriele Galimbertis Fotoserie ganzer Waffenarsenale im US-amerikanischen Einfamilienhaus.

Vom Horror ganz anderer Art erzählen Benjamin Grants Luftaufnahmen US-amerikanischer Vororte – aberwitzige Formationen der Zersiedlung von Grün und Land. Dass sich über Geschmack schwer streiten lässt, belegt Kate Wagners „McMansion Hell“. Die Architekturkritikerin sammelt Beispiele jener gleichnamigen, schlossähnlichen Einfamilienhäuser der Reagan-Ära, deren Look auch im Deutschland der 1990er Jahre mancher Traumhausvorstellung zum Vorbild diente.

Die Ausstellung

„Suburbia: Träume vom Eigenheim – Wege aus der Wohnungskrise“, kuratiert von Philipp Engel (CCCB), Jorun Jensen (DAM), Valerie Kronauer (TUM), Jan Engelke (TUM), Rosanna Umbach (MSI). Mit Begleitprogramm. Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt am Main., bis 18. 10. 26

Doch dies wäre nur eine von mehreren Erzählungen, die hier parallel verlaufen. „Suburbia. Träume vom Eigenheim – Wege aus der Wohnungskrise“ handelt vom Vorort, wie er in den USA geprägt wurde, aber auch in Deutschland und weltweit Einzug hielt. Zurück am alten Standort des 2025 wiedereröffneten Museums präsentiert die Frankfurter Ausstellung eine Kulturgeschichte der Vorortsiedlung, mit vielen Nebenschauplätzen, besagten Abgründen und einigen möglichen Happy Endings.

Öffentlich und privat

Der Vorort trennte öffentliche und private Sphäre in bis dato unbekannter Weise. Die erste Gated Community, wie sie heute Vorbild für zahlreiche andere Länder geworden ist, wurde bereits 1852 in New Jersey etabliert. Dabei war es anfangs keineswegs nur das Auto, sondern auch die Straßenbahn, mit der man aus Suburbia zur Arbeit pendelte. Dass fortschrittliche Entwicklungen nicht selten mit Eigennutz einhergehen, dafür lassen sich hier mehrere Beispiele finden.

So propagierte ein Einfamilienhausanbieter in den USA den Achtstundentag – damit der malochende Mann genügend Zeit hätte, von der Fabrikarbeit in den Vorort zu pendeln. Auf Weltausstellungen wurde jener Wohntypus mitsamt moderner Ausstattung für die moderne Hausfrau ebenso propagiert wie in der Sowjetunion, wo auch Richard Nixon seinerzeit vorbeischaute.

Bei dem Thema klappte der Schulterschluss zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Buster Keaton wiederum machte sich schon 1920 über den Fertighausrausch lustig, hier in Katalogform neben besagtem Kurzfilm zu sehen.

Boom nach 1945

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs boomten Suburbia-Siedlungen in den USA. Heimkehrende Soldaten erhielten besonders günstige Hypotheken, Haushaltsgerätehersteller verknüpften die romantische Liebe als Werbeversprechen mit Kühlschränken und Heizgeräten im Einfamilienhaus.

Keine vergünstigen Darlehen erhielten afroamerikanische Soldaten; wie überhaupt die sogenannte Rassentrennung bis in die 1960er Jahre fort wirkte, insbesondere auch in den Vororten. Schwarze Familien, die überhaupt die generöseren Häuser in Suburbia kaufen durften, wurden von Nachbarinnen und Nachbarn mit Protesten, Drohungen bis hin zu roher Gewalt konfrontiert.

Shing Sheng, ein Arbeiter chinesischer Herkunft, ließ seine Nachbarschaft über den Einzug ins gekaufte Einfamilienhaus abstimmen – und verlor mit 28 zu 178 Stimmen.

Dass Suburbia heute deutlich diverser ausschaut, zeigt die Schau an späterer Stelle. Nach wie vor lebt ein Großteil aller US-Amerikaner im Vorort. Wunderbar die eingestreuten künstlerischen und fotodokumentarischen Arbeiten, etwa „Suburbia“ von Bill Owens, der 1973 den Alltag in seiner Vorortsiedlung in Schwarzweißfotografien festhielt und mit originellen Bildtiteln versah.

Fokus auf Nordamerika

Die große Erzählung der Schau liegt auf Nordamerika. Wo die gesamte Popkultur von US-amerikanischen Bildern geprägt ist, da ist es freilich auch die Vorstellung vom Haus.

In einer Wohnlandschaft laufen die „Gilmore Girls“ über den Bildschirm, dazu kann man in historischen Ausgaben von Schöner Wohnen blättern und erfahren, wie der Traum vom (bausparfinanzierten) Eigenheim, von moderner Küche und bunten Plastikgeräten fürs westdeutsche Publikum medial verführerisch aufbereitet wurde.

Ein kleiner Exkurs führt zur Einfamilienhaus-Politik im Nationalsozialismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde nochmals emsiger gebaut. Dann auch geprägt durch US-amerikanische Vorbilder.

Der einstige Bundeskanzler Ludwig Erhard wohnte im modernen Bungalow – nicht ironiefrei, denkt man, wie das neu erfundene Deutschland sich an der fantastischen US-Midcentury-Architektur von zum Beispiel Neutra, Schindler oder Breuer, ihrerseits jüdische Exilanten aus einstmals Deutschland und Österreich orientierte.

Deutlich dröger demgegenüber die Häuschen, die der Künstler Peter Piller aus Fotoarchiven heraussortiert hat; darauf bescheidene BRD-Eigenheimrealität, mit Bewohnern, die den Rasen mähen.

Verbieten oder umbauen?

Dass das Einfamilienhaus mit Garten nicht besonders ressourcenschonend ist, viel Energie und Platz benötigt, ist heute bekannt. Wie schon zuvor dem Brutalismus oder auch der Neuen Altstadt in Frankfurt widmet sich das Deutsche Architekturmuseum mit „Suburbia. Träume vom Eigenheim – Wege aus der Wohnungskrise“ in der fürs Haus typischen Lust am Beleuchten unterschiedlicher Seiten einem aktuell heftig diskutierten Wohntypus.

Einfamilienhäuser ganz verbieten, während sich ein Großteil aller Deutschen ins Einfamilienhaus hineinsehnt, das heute ein Vielfaches des Jahresnettos kostet – zwischen diesen Extremen schlägt die Schau pragmatische Kompromisse vor. Studierende der TU München zeigen ein deutsches Suburbia, wie es auch möglich wäre. Statt Abriss nicht genutzter Einfamilienhäuser zeigen die kleinen Modelle Vorschläge fürs Weiter- und Umbauen, Erweitern und Teilen von Ein- in Mehrfamilienhäuser.

Damit schlägt die Ausstellung den Bogen zur lokalen Realität, den Wohnraummangel in Städten wie Frankfurt am Main. Wenn sich Umfragen aus Deutschland auf die Region übertragen ließen, wären 56.000 Wohnbesitzer bereit, ihr Haus nach Umbau zu teilen – somit könnten rund 92.000 neue Wohnungen entstehen.

Und das übrigens, ohne gravierende Einsparungen am individuellen Wohnraum.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

2 Kommentare

 / 
  • Danke für diesen Hinweis zum Besuch der Ausstellung und den erläuternden Artikel.



    Die Ideale des letzten Jahrhunderts im letzten Jahrtausend werden wahrscheinlich doch weiter angestrebt werden, der Vorstellung von Individualität entsprechend.



    Schließlich hat sich das System diesbezüglich mit Anstrengung "erfolgreich" perfektioniert.

  • Little boxes, on the hillside



    Little boxes made of ticky-tacky



    Little boxes, little boxes



    Little boxes, all the same

    There's a green one, and a pink one



    And a blue one, and a yellow one



    And they're all made out of ticky-tacky



    And they all look just the same

    And the people in the houses all went to the university



    And they all got put in boxes



    Little boxes, all the same

    And there's doctors, and there's lawyers



    And business executives



    And they all get put in boxes



    And they all come out the same

    And they all play on the golf course



    And drink their martini dry



    And they all have pretty children



    And the children go to school

    And the children go to summer camp



    And then to the university



    And they all get put in boxes



    And they all come out the same

    And the boys go into business



    And marry and raise a family



    And they all get put in boxes



    Little boxes, all the same

    There's a green one…

    m.youtube.com/watch?v=CQ5s1Eza0j8

    Ergänzend möchte ich an Jacques Tatis Film „Mon Oncle“ erinnern, der mit scharfem Blick den Horror des bürgerlichen Traums vom Leben in der Vorstadt seziert.