Studie zu Kinderarbeit : Erschreckende Vereinfachung
Unicef hat eine neue Studie herausgebracht. Dort objektifiziert das Kinderhilfswerk die Betroffenen zu Opfern, statt ihnen zuzuhören und sie mitreden zu lassen.
Foto: Md Manik/ZUMA Wire/imago
C orona verschlechtert die Lage von Kindern weltweit. Nach den Schulschließungen im globalen Süden werden viele nie mehr ins Klassenzimmer zurückfinden, fürchten Expert*innen. Vor allem die Berufschancen vieler Mädchen zerbröseln, eine massive Zunahme von Kinderehen und häuslicher Gewalt wird erwartet. Doch so wie in Deutschland die Interessen der Kinder in der Pandemie nur eine Nebenrolle spielen, ist es auch auf globaler Ebene.
Am Mittwoch meldete Unicef, dass die Zahl der arbeitenden Kinder auf 160 Millionen gestiegen sei. Davon abgesehen, dass das eine Exaktheit suggeriert, die die realen Statistiken nicht hergeben, spiegelt sich darin die Perspektive von Erwachsenen. Sie machen die Kinder zu Opfern und Objekten internationaler Fürsorge, statt sie als real existierende Menschen ernst zu nehmen.
Das offizielle Ziel, Kinderarbeit bis 2025 abzuschaffen, dient in erster Linie dem wohligen Gefühl gut bezahlter Erwachsener in klimatisierten Büros, die Moral auf ihrer Seite zu haben. Tatsächlich schadet das Verbot von Kinderarbeit vielen Betroffenen. Händler vertreiben sie vom Marktplatz, Polizisten sperren sie ein, Arbeitgeber prellen sie um ihren Lohn. Weil ihr Tun illegal ist, sind arbeitende Kinder rechtlos. Dass das Verbot dazu führt, dass sie stattdessen in die Schule gehen, ist eine Illusion. Im Gegenteil: Gerade weil sie arbeiten, haben viele Kinder überhaupt die Chance, das nötige Geld für den Unterrichtsbesuch zusammenzubekommen.
Wer die Lage von arbeitenden Kindern wirklich verbessern will, sollte ihnen echte Mitspracherechte geben. Sie sind die Expert*innen ihrer Lebenssituationen – und die sind höchst vielfältig. In Lateinamerika, Asien und Afrika haben sich in den vergangenen Jahrzehnten Kinderbewegungen gebildet, die auf Solidarität setzen und die Arbeitsbedingungen verbessern wollen. Doch bis heute dürfen sie auf den Veranstaltungen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO nicht selbst sprechen – selbst wenn es um Kinderarbeit geht. Denn die ist ja schließlich verboten und soll ausgerottet werden.
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