Studie „Ängste der Deutschen“: Geld weg, Ausländer da!

Willst du wissen, wer die Deutschen sind? Schau auf ihre Ängste! Die werden zum Glück seit 30 Jahren verlässlich erhoben – von einer Versicherungsfirma.

Gruselige mehrfachbelichtung einer schreienden Person

Angst ist kein guter Ratgeber, sagt man. Ich sage: Schau auf die Topängste der Deutschen! Foto: Camila Quintero Franco/Unsplash

Es gibt in Deutschland eine Studie, die „Ängste der Deutschen“ heißt, seit 30 Jahren schon, und allein das ist bizarr, aber dann wird diese Studie auch noch von einer Versicherung beauftragt. „Wenn wir schon den bunten Markt der Ängste analysieren, um unser Produkt möglichst profitabel zu veräußern“, schwingt da mit, „dann lass uns doch gleich auch ein bisschen Politik damit machen.“ Aber jeder darf und soll natürlich selbst entscheiden, wessen Studien er liest und glaubt. Und es ist ja auch nicht so, dass die Ergebnisse dieser repräsentativen Umfrage unter rund 2.400 Personen nicht einen Blick wert wären. Gerade jetzt, zwei Wochen vor der Wahl!

Deshalb hier eine kurze Zusammenfassung der German Angst, Stand 2021: Während die Deutschen im April 2020 noch „erstaunlich sorglos oder cool“ wirkten (so Politikwissenschaftler Manfred Schmidt, der die Versicherung bei der Auswertung berät), besteht ihre größte Angst bei der diesjährigen 30. Umfrage des Infocenters der R+V Versicherung darin, dass der Staat sie für die Milliardenschulden der Coronakrise „zur Kasse bitten“ könnte: 53 Prozent der Befragten haben Angst davor, dass Steuern erhöht oder Leistungen gekürzt werden. (Da freut sich die FDP. An dieser Stelle auch liebe Grüße an die Wirtschaft! Wir hoffen, dass es ihr gut geht.) Jeder Zweite fürchtet sich davor – und das ist Platz zwei –, dass die Lebenshaltungskosten steigen.

„Die Topängste zeugen vom Realismus der Befragten – und vom Vorrang ihrer materiellen Interessen“, sagt dieses Mal Professor Schmidt von der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Abgesehen davon, dass die Angst vieler ängstlicher Mittelschichtler vor Steuererhöhungen mit Blick auf die moderaten Steuerprogramme „linker“ Parteien mit realistischer Regierungsaussicht mindestens ir­ra­tio­nal sind, bietet sich noch eine andere Lesart der Ergebnisse der Angststudie an: Die Deutschen haben immer dann Angst, wenn sie solidarisch sein sollen. Diese These wird bestärkt von den weiteren Top­ängs­ten: der Angst vor der Möglichkeit, „dass die große Zahl der Geflüchteten die Deutschen und ihre Behörden überfordert“ (45 Prozent, Platz vier); und der Sorge vor Konflikten durch weitere Zuwanderung (42 Prozent, Platz sieben).

Angst ist kein guter Ratgeber, sagt man. Ich sage, mit Blick auf diese Zahlen: Willst du wissen, wer die Deutschen sind, schau auf ihre Top­ängs­te.

Aber gut. Jetzt, wo die Ängste-Pressemitteilung der Versicherung raus ist, können nicht nur Versicherungen Geld mit Ängsten machen. Auch Po­li­ti­ke­r:in­nen können im Endspurt der Realityshow namens Bundestagswahlkampf auf diese Ängste verweisen – wenn sie das nicht eh schon lange machen. Bei einer Wahl, bei der Farbunterschiede so was wie echte Alternativen simulieren, können sie dann noch ein, zwei verängstigte Unentschiedene auf ihre Seite ziehen. Und dann heißt es: Auf eine neue Legislatur, voller alter und neuer Ängste!

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Kolumnist ("Postprolet") und Redakteur im Ressort taz2: Gesellschaft & Medien. Bei der taz seit 2016. Schreibt über Soziales, Randständiges und Abgründiges.

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