Student über geringe Mathekenntnisse: „Dann machen Sie was nicht richtig“
Kein Bock auf Mathe? Nicolás Atanes reist seit Jahren durch Spanien, um daran was zu ändern. Für sein Ziel spannt er auch mal Bauwerke von Gaudí ein.
taz: Herr Atanes, Ihr Ziel ist es, die Mathematik populär zu machen. Was soll das? Könnt ihr Mathematiker uns nicht einfach in Ruhe lassen? 12 Jahre Qualen in der Schule sind wirklich genug.
Nicolás Atanes: Qualen? Ich glaube, das liegt nicht zuletzt daran, dass Mathematik im Allgemeinen schlecht unterrichtet wird. Deshalb kam ich auf die Idee, etwas zu unternehmen, um Mathe den Menschen näherzubringen, das Interesse für Mathe zu wecken. Mathe ist sehr wichtig im Alltag und lässt sich in vielerlei Art und Weisen anwenden. Und sie wird immer wichtiger mit dem technischen Fortschritt.
taz : Es liegt also nicht am Unterrichtsstoff an sich, dass viele Mathe einfach nicht in den Kopf will, sondern an schlechten LehrerInnen?
Atanes: Ja, das liegt ganz klar am schlechten Unterricht. Mathe wird sehr mechanisch unterrichtet. Ständiges Wiederholen, Auswendiglernen. Das führt dazu, dass sich die SchülerInnen langweilen, müde werden. Sie sehen keinen Sinn in dem, was sie da lernen.
taz: Warum soll ich auch die ganzen Funktionen können: Sinus, Cosinus und wie sie alle heißen? Im Alltag reichen doch die Grundrechenarten …
Atanes: Mathematik hat zwei Aspekte. Der eine sind die Nummern, um zum Beispiel nachzurechnen, dass dich niemand beim Bezahlen übers Ohr haut. Und der andere Aspekt ist das logische Denken. Zu einer korrekten Lösung zu kommen ist ein kreativer Prozess. Und diese Art Kreativität kann bei vielen anderen Problemlösungen nützlich sein. Es geht hierbei nicht so sehr ums Rechnen, sondern um eine Art zu denken.
taz: Was heißt das?
Nicolás Atanes, 21 Jahre, studiert Mathematik an der spanischen Fernuniversität UNED. Seit mehreren Jahren reist er durch das Land und hält Veranstaltungen ab, bei denen er versucht die Begeisterung für die Mathematik zu wecken. Zusammen mit anderen jungen Mathematikern gründete er 2020 die Gruppe Virus Matemático.
Atanes: Zum Beispiel haben strategische Brettspiele viel mit Logik zu tun, etwas, das wir dank der Mathematik gelernt haben. Oder Situationen im Alltag: Im Supermarkt hast du drei Schlangen an den Kassen. Dank deiner mathematischen Beobachtung kannst du einschätzen, welche am schnellsten ist.
taz: Ich stelle mich immer an der falschen an. Und ich war gut in Mathe.
Atanes: Dann machen Sie was nicht richtig. Es ist doch ganz einfach: Menge der Leute, die anstehen, Warenmenge, Arbeitstempo des Personals an der Kasse … Das ist ein einfaches Beispiel dafür, wie wir dank der Mathematik und der Logik Entscheidungen treffen. Das ist in vielen Alltagssituationen so.
taz: Und mit solchen Beispielen wecken Sie bei den Menschen das Interesse an Mathematik?
Atanes: Ich wende die Mathematik in unterschiedlichen Situationen an. Unter anderem mache ich Städteführungen, bei denen wir dann Sachen berechnen. Wir lernen dann ein berühmtes Gebäude dank der Mathematik besser kennen.
taz: Das müssen Sie erklären.
Atanes: Bei einer Tour durch Barcelona darf die Sagrada Familia von Gaudí nicht fehlen. Da kommen oft die Fragen, wie hoch sie ist. Dank der Geometrie können wir das mithilfe der Schatten berechnen. Ein anderes Beispiel wäre der Cibeles-Brunnen in Madrid. Hier können wir die Wassermenge bestimmen, die jeden Tag durch einen Brunnen fließt.
taz: Sie machen auch noch ganz andere Veranstaltungen.
Atanes: Ja, neben den Städteführungen gehe ich zum Beispiel zu Schachclubs und rede mit den jungen Menschen dort über die Mathematik hinter dem Spiel. Ich mache aber auch noch Führungen durch Museen und wende dort Mathematik an.
taz: Und damit begeistern Sie junge Leute und erreichen Ältere, die die Mathe in der Schule regelrecht hassten?
Atanes: Meist hassen die Menschen die Mathematik, weil sie keinen Sinn darin sehen, und mit meinen Beispielen gebe ich ihr einen Sinn. Ein gutes Beispiel ist auch die Berechnung des günstigsten Weges.
taz: Dafür hat mein Handy einen Kartendienst.
Atanes: Ja, und diesen Service gibt es nicht zuletzt dank der Mathematik.
taz: Perfekt. Warum soll ich das dann machen oder machen können?
Atanes: Zu Hause können Sie diese Kartendienste nicht nutzen, auf dem Weg von der Küche zum Klo und dann zum Schlafzimmer und dann … da kommen dann die Logik und die Mathe ins Spiel, um nicht unnötige Wege zu machen. All das führt dazu, dass wir sehen, dass das, was wir in der Schule gelernt haben, sehr wohl im Alltag nützlich sein kann. Und plötzlich sehen wir die Welt mit anderen Augen. Mathe ist nicht mehr langweilig. Und wem Mathe gefällt, muss auch nicht unbedingt ein Langweiler sein.
taz: Und die Leute werden auf Ihren Veranstaltungen tatsächlich vom Mathevirus angesteckt?
Atanes: Vor allem sind sie verwundert, wenn sie gehen. Sie erwarteten eine Veranstaltung im klassischen Sinne. Mit Übungen und einer Prüfung am Ende. Und das gibt es bei mir nicht. Die überrascht die kreative Herangehensweise. Und das macht bei vielen Lust auf mehr.
taz: Was hat die Gesellschaft davon, dass wir uns mehr für Mathe interessieren? Gibt es nicht andere Themen, die wichtiger wären?
Atanes: Mathematik ist heute wichtiger denn je. Denken wir nur an die künstliche Intelligenz. Nur wer sich mit Mathe auskennt, kann einschätzen, was da auf uns zukommt. Wer heute Mathematik nicht versteht, hat ein echtes Problem.
taz: Damit wäre dann wieder die Schule gefragt. Was muss sich da ändern?
Atanes: Im Mathe-Unterricht geht es nicht darum, Spaß an der Materie zu haben. Es geht nur darum, auf Klassenarbeiten hin zu lernen. Damit muss Schluss sein. Nur wer weiß, wofür was gut ist, lernt mit Interesse.
taz: Das heißt, nach dem kleinen Einmaleins ist Schluss mit Auswendiglernen?
Atanes: Das Auswendiglernen muss so stark reduziert werden wie nur möglich. Heute lassen sich Formeln und andere Grundlagen in Sekunden finden. Was wir lernen müssen, ist die Logik und wofür wir sie anwenden können. Der Weg, die Logik, ist das Wichtige bei der Mathematik.
taz: Warum wird Mathe so schlecht unterrichtet?
Atanes: Gut zu unterrichten ist nicht leicht, in keinem Fach. Gut zu unterrichten hat viel mit Kreativität zu tun, und Kreativität heißt sich öffnen. Und das macht es so schwierig. Es ist viel leichter, genau definierten Normen und Regeln zu folgen. Und viele LehrerInnen suchen den leichten, einfachen Weg.
taz: Sie gaben auch Veranstaltungen für Mathe-LehrerInnen. Wie reagieren die, wenn Sie ihnen sagen, dass ihr Unterricht so nicht funktioniert?
Atanes: Das Problem sind nicht in erster Linie die LehrerInnen, sondern die Lehrpläne. Die LehrerInnen wollen gut unterrichten. Aber die Lehrpläne sind sehr eng gestrickt, sie geben genau vor, wie der Unterricht auszusehen hat. Die LehrerInnen sind daran nicht schuld. Die BildungspolitikerInnen sind gefragt.
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