piwik no script img

Stromausfall in Berlin Berlin ist angreifbar

Simone Schmollack

Kommentar von

Simone Schmollack

Das Blackout zeigt, wie fragil auch die deutsche kritische Infrastruktur sein kann. Das ist ein Denkzettel für die Stadtpolitik.

B erlin länger ohne Strom. Kann man sich das vorstellen? Das kommt doch nur in New York oder in Ländern vor, die eine fragile Stromversorgung haben. Doch jetzt ist genau das in der Hauptstadt eingetreten, was die meisten für unmöglich halten: Teile der Stadt sind mehr als 48 Stunden ohne Strom. Das ist der längste Blackout in Berlin seit einem Vierteljahrhundert.

Die mutmaßlichen Brand­stif­te­r:in­nen haben ganze Arbeit geleistet – und vermutlich genau das Ziel erreicht, das sie erreichen wollten: Bevölkerung, Behörden, Energieversorger in Panik versetzt und den Alltag der Betroffenen massiv gestört.

Das wirft Fragen auf: Wie kann es sein, dass in der Hauptstadt Reparaturen an der kritischen Infrastruktur so lange dauern? Was machen wir, wenn es zu noch heftigeren Störungen kommt? Aufgrund der instabilen Lage in Europa und den kriegerischen Bedrohungen sollten wir auf das Schlimmste vorbereitet sein, insbesondere beim Stromnetz.

Nun ist es nicht so, dass Berlin ein instabiles oder unsicheres Stromnetz hätte, im Gegenteil: Ein Großteil der Leitungen verläuft unterirdisch, das Netz funktioniert nach dem sogenannten (n-1)-Prinzip: Die Stromversorgung kann rasch wieder hergestellt oder weiterhin gewährleistet werden, wenn ein Teil im System ausfällt.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Fürs Sicherheitsgefühl muss Geld da sein

Die Tä­te­r:in­nen haben dieses Prinzip überlistet und aus n-1 – offenbar ganz bewusst – n-2 gemacht, also zwei Punkte gleichzeitig zerstört. Dass die nicht so leicht wieder zu reparieren sind, ist nachvollziehbar. Aber das darf in Zeiten hybrider und direkter Kriegsführung nicht (mehr) sein.

In den vergangenen Jahren haben sich Ber­li­ne­r:in­nen schon an alles Mögliche gewöhnt: an jeder Ecke eine Baustelle (ohne dass es vorangeht), Ausfälle beim ÖPNV, eingeschränkte Stadtreinigung.

Aber der Eindruck, dass die Menschen sich nicht sicher fühlen können, wiegt um einiges schwerer. Zum Sicherheitsgefühl zählt auch, dass sie sich darauf verlassen können, dass Krankenhäuser, Internet, Notrufe zeitnah wieder funktionieren. Ja, das kostet Geld. Aber dafür muss Geld da sein. Sonst macht sich Berlin (noch) angreifbar(er).

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Simone Schmollack

Simone Schmollack Ressortleiterin Meinung

Ressortleiterin Meinung. Zuvor Ressortleiterin taz.de / Regie, Gender-Redakteurin der taz und stellvertretende Ressortleiterin taz-Inland. Dazwischen Chefredakteurin der Wochenzeitung "Der Freitag". Amtierende Vize-DDR-Meisterin im Rennrodeln der Sportjournalistinnen. Autorin zahlreicher Bücher, zuletzt: "Und er wird es wieder tun" über Partnerschaftsgewalt.
Mehr zum Thema

1 Kommentar

 / 
  • Warum werden die Täter hier nicht benannt?



    Es gibt ein Bekennerschreiben

    Ist es unangenehm, das zu erwähnen ?