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Streit um den Industriestrompreis Wernekes guter Punkt

Simon Poelchau

Kommentar von

Simon Poelchau

Der Industriestrompreis birgt sozialen Sprengstoff. Warum Geld in Unternehmen stecken, wenn das Dienstleistungsgewerbe zugucken muss?

D ie Gewerkschaften sind beim Industriestrompreis gespalten. Während die Industriegewerkschaften schon lange dafür trommeln, warnte nun der Chef der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, Frank Werneke, vor einer Einführung. Es habe „enorme Sprengkraft“, wenn Min­dest­lohn­emp­fän­ge­r*in­nen 35 Cent pro Kilowattstunde zahlen müssten, während die Großindustrie mittels staatlicher Subventionen nur 5 oder 6 Cent zahle, erklärte Werneke. Recht hat er.

Bisher schien die Sache einfach: Während Bundeskanzler Olaf Scholz und die FDP den Industriestrompreis ablehnen, sind die SPD-Bundestagsfraktion und die Grünen dafür. Pro schien also wirtschaftspolitisch links, Kontra rechts zu sein. Doch bei genauerem Hinschauen wird es komplizierter. Die Unternehmenslobby ist sich selbst nicht einig. Während die mittelständische Wirtschaft den Industriestrompreis eher ablehnt, sprechen sich viele Industrieverbände für eine Subventionierung aus.

Sie haben sich mit IG Metall und IG BCE sowie dem DGB in der Allianz pro Brückenstrompreis zusammengeschlossen. Denn was die Industriegewerkschaften einen Pakt mit den Unternehmensverbänden eingehen lässt, ist die Sorge um Jobs in der energieintensiven Industrie und damit auch um ihre eigenen Mitgliederzahlen. Ihr Eigeninteresse an einem Industriestrompreis ist nachvollziehbar. Doch davon haben die Kas­sie­r*in­nen und Pflegekräfte, für die Werneke spricht, nichts.

Zudem verdienen sie in der Regel ohnehin deutlich weniger als Angestellte in der Industrie. Insofern kann man diesen Beschäftigten in den Supermärkten und in der Pflege, die in der Pandemie noch beklatscht wurden, kaum überzeugend vermitteln, warum Milliarden an Steuergeldern in die Industrie gesteckt werden sollen, während sie selbst zusehen müssen, wie sie mit der Inflation zurechtkommen. Und genau da liegt die soziale Sprengkraft beim Industriestrompreis, wie Verdi-Chef Werneke es formuliert. Genau das ist das entscheidende politische Argument gegen ihn.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Simon Poelchau

Simon Poelchau Redakteur

ist für Ökonomie im taz-Ressort Wirtschaft und Umwelt zuständig.
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6 Kommentare

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  • meerwind7

    Wichtiger wäre



    1. der Industrie erlauben, selber Strom zu erzeugen v.a. mit Solarenergie, was im größten Teil des Landes verboten ist ,



    2. getrennte Strompreiszonen in Nord- und Süddeutschland, dann würden die Preise stärker sinken, wenn das Windangebot reichhaltig ist, und Industrie ginge mittelfristig dorthin, wo mehr Strom ist.

  • Sonnenhaus

    Warum verhandeln die Unternehmen Ihren Strom preis nicht an der Börse. Gerade die großen Abnehmer könnten das tun und entsprechend niedrige Preise erzielen. Allerdings mit dem wirtschaftlichen Risiko während der Vertragslaufzeit noch niedrigere Preis abschließen zu können, aber dann vertraglich gebunden zu sein. Da biedert man /frau sich doch lieber an den Staat an, um außerhalb des Wettbewerbes Dumpingpreise zu verhandeln. Damit schädigen die Geschäftsführer der Industrie unser Land und unsere Demokratie. Also mal wieder eine egozentrische Betrachtung des Problems, ohne Veranwortungsübernahme für das eigene Handeln.

    • Hugo

      @Sonnenhaus:

      Allgemein als Info; die Industrie bezahlt schon immer ihren eigenen Strompreis, des wird bei den Artikeln immer als Wissen vorausgesetzt ;).



      Und der scheint billig genug gewesen zu sein, um sich ned eigeninitiativ zu kümmern.

    • YeahYeah

      @Sonnenhaus:

      Stimmt. Sollen sie das so machen, wie unser Wirtschaftsminister das propagiert hat: einfach mal aufhören zu produzieren. Selber schuld, wenn sie den Produktionsstandort in Deutschland lassen.

  • Sonnenhaus

    Das Problem der Industrie steckt mehr im versäumten Weitblick und rechtzeitigen Anpassung der Unternehmensstrategie, um heute vor zu hohen Strompreisen geschützt zu sein. Warum muss den der Staat immer dann eingreifen, wenn das Unternehmen Jahre zuvor mit den scheinbaren Gewinnen die Aktionäre bedient hat und heute sein Aus proklamiert, um Ende des Jahres wiederum die Aktionäre und den Geschäftsführern gute Boni auszahlen zu können. Warum muss Missmanagement immer durch den Steuerzahler aufgefangen werden, und die Führungsebene der industrie keine Verantwortung tragen für ihr Versagen? Wo sind die Rücklagen zur strategischen Veränderung?

  • Carsten S.

    Ich wundere mich wirklich über diese Debatte. Jetzt verstopft kein Atomstrom mehr die Leitungen, die Elektronen flutschen nur so, und die billigen regenerativen Energiequellen lassen die Preise dermassen ins bodenlose stürzen, dass die Industrie nach Stromsubventionen schreit.