Strandthriller über den Sommer 1972: Länger werdende Schatten über dem Bagno Stella
Sandro Veronesi entfaltet ein Coming-of-Age-Drama am italienischen Mittelmeer. Es spielt vor dem historischen Hintergrund des Olympia-Attentats 1972.
Italien, Sommer 1972. Der 12-jährige Gigio verbringt den Sommer an der toskanischen Küste von Versilia. Zusammen mit seiner kleinen Schwester Gilda muss er sich dem strengen Sonnenschutzregiment seiner irisch-rothaarigen Mutter unterwerfen. Solange sein Vater, ein segelsportbesessener Staatsanwalt, von der Arbeit in Florenz festgehalten wird, retten Gigio nur seine „Linus“-Comic-Hefte über die langweiligen Schattenzwangspausen im Haus. Nicht einmal Musik kann er hören, der neue tragbare Plattenspieler, sein ganzer Stolz, ist zu Hause geblieben.
Zum Glück kommt der undurchsichtige Onkel Giotti aus Amerika zu Besuch. Er amüsiert die Geschwister mit seiner Marotte, immer etwas Essen auf dem Teller zu lassen (eine Angewohnheit aus einem Gefängnishungerstreik, wie es heißt), und leistet Gigio in seiner nerdigen Begeisterung für alle Arten von Sportübertragungen Gesellschaft: Ob Schach, Radsport am Radio oder der Große Preis der Formel 1 im Fernsehen, der ältere Mann und der Heranwachsende widmen sich mit größter Ernsthaftigkeit der Saison.
Sandro Veronesi: „Schwarzer September“. Aus dem Italienischen: Karin Krieger. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2026, 288 Seiten, 24 Euro, E-Book 17,99 Euro
Als schließlich die 13-jährige Astel, Tochter des reichen, aber grobschlächtigen Strandbesitzers und einer äthiopischen Schönheit, auftaucht und ihn bittet, ihr Schulenglisch mittels übersetzter Songtexte zu verbessern, scheint der Sommer perfekt zu sein.
Der zweifache Premio-Strega-Preisträger Sandro Veronesi entfaltet in „Schwarzer September“ eine herzerwärmende, leicht schrullige Coming-of-Age-Geschichte, die aufgrund ihrer kleinteiligen popkulturellen Referenzen oberflächlich an Nick Hornby erinnert – in die aber von Anfang an ein kommendes Unheil eingeschrieben ist. Von der ersten Seite an werden nicht genauer benannte Erschütterungen angedeutet, brutale und unwiderrufliche Veränderungen, Fehler, die teuer bezahlt werden würden.
Der Sommer 1972 ist nicht nur für Gigios Leben ein Wendepunkt, so heißt es immer wieder. Doch zunächst passiert nicht mehr, als dass Gigio beim Friseur ein Pornoheft klaut, sich anschließend mit seinen länger werdenden Locken anfreundet und über Astels Zöpfe fantasiert. Während Bobby Fischer Boris Spasski im Schach besiegt und Ferrari auf dem Nürburgring mit Jacky Ickx auf Platz eins und Clay Regazzoni auf Platz zwei triumphiert, kommen Gigio und Astel sich näher …
Die unheilvollen Andeutungen häufen sich
Weitere Störmomente schieben sich ins Bild: Nicht nur die Mütter der beiden Teenager haben unschöne Geheimnisse, die teils mit Rassismus zu tun haben, sondern auch der Anwaltsvater und andere Erwachsene, allen voran Onkel Giotti. Veronesi punktiert sein sich heiter zwischen David-Bowie-Tanzeinlagen und Segeltörns entfaltendes Teenager-Sommermärchen immer dichter mit unheilvollen Andeutungen: „Ob Kind oder Teenager ist nicht mehr wichtig für mich. Am 6. August 1972 hat der Schmerz sie beide weggefegt, genauso wie er auch Papa, Gilda, Mama, alle meine Freunde aus dem Bagno Stella weggefegt hat und alle meine Freunde aus Vinci, meine Mitschüler, die Lehrer, den Schuldirektor, den Priester.“
Was, um Himmels willen, ist denn passiert?, ist die Frage, deren Beantwortung Veronesi bis zu den letzten Seiten hinauszögert. Umso wirkungsvoller entlädt sich die abschließende Katastrophe, für die das blutige Attentat auf die israelische Mannschaft bei den Olympischen Spielen in München nur die politische Rahmung bildet.
Dieser bis zur letzten Seite fesselnde Page-Turner ist die perfekte Strandlektüre für alle, die es auch auf dem Handtuch nicht zu idyllisch mögen.
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