Stickstoff bedroht Trinkwasser: Umweltschützer und Wasserwerke wollen schärfere Düngeregeln
Zu viel Nitrat aus Düngern belastet das Grundwasser und kann Trinkwasser verteuern. Doch Agrarminister Rainer plant, die Düngevorschriften zu lockern.
Foto: Jochen Tack/imago
Umwelt- und Wasserverbände fordern, zum Schutz des Trinkwassers das Düngerecht zu verschärfen statt, wie von Agrarminister Alois Rainer geplant, zu lockern. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) sowie BUND, Greenpeace, Umwelthilfe, Naturschutzring und Grüne Liga verlangen in einem aktuellen Positionspapier unter anderem eine sichere Rechtsgrundlage zur Festlegung „Roter Gebiete“. Dort ist zu viel der Stickstoffverbindung Nitrat aus Düngern im Grundwasser, sodass die Landwirte die Düngung reduzieren müssen. Zudem wollen die Organisationen, dass Agrarbetriebe in einer Nährstoffbilanz festhalten müssen, wie viel Stickstoff und Phosphat sie potenziell in die Umwelt abgeben.
Denn zu hohe Nitratkonzentrationen machen zum Beispiel Grundwasser als Quelle für Trinkwasser ungeeignet. Schließlich kann die Substanz im Körper über Nitrit zu krebserregenden Stoffen umgewandelt werden. In mit Nitrat belasteten Regionen droht Trinkwasser den Verbänden zufolge um bis zu 62 Prozent teurer zu werden, weil die Versorger in Technik investieren müssen, um verschmutztes Wasser aufzubereiten. Rund jede vierte Grundwassermessstelle des EU-Nitratmessnetzes in Deutschland habe zuletzt den Schwellenwert von 50 Milligramm pro Liter überschritten. „Hauptverursacher der Stickstoffüberschüsse, aus denen Nitrat in das Grundwasser gelangen kann, ist die Landwirtschaft“, so die Organisationen.
Doch die Bundesländer setzen die Roten Gebiete nicht mehr durch. Denn das Bundesverwaltungsgericht urteilte im Oktober 2025 unter anderem, dass die Länder sich für solche weitgehenden Düngebeschränkungen nicht wie bisher nur auf eine bloße Verwaltungsvorschrift des Bundes stützen dürfen.
Die Verbände fordern daher: „Der Bund muss die angekündigte Gebietsausweisungsverordnung zügig in Kraft setzen, damit die Länder die Gebiete wie vorgesehen bis Ende 2026 neu ausweisen können und die Auflagen ab Beginn der Düngesaison 2027 wieder greifen.“
Die wichtigste Auflage in den Gebieten war bisher, dass Landwirte 20 Prozent weniger Stickstoffdünger benutzen, als die Pflanzen offiziell benötigen. Der Deutsche Bauernverband hat das kritisiert, da dann die Erntemenge sinke. Außerdem würde im Weizen häufig der Proteingehalt fallen, sodass er nicht mehr als Backweizen, sondern nur noch als billigerer Futterweizen verkauft werden könne.
Wie viel Stickstoff braucht Mais wirklich?
Doch die Verbände bemängeln, „dass die empfohlenen Bedarfswerte für die Kulturen systematisch zu hoch angesetzt sind“. Bei Mais beispielsweise lägen sie bis zu 20 Prozent über dem tatsächlichen Stickstoffbedarf. Das Papier verlangt deshalb: Die Werte zur Düngebedarfsermittlung „müssen auf Grundlage aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse überarbeitet und die Datenquellen offengelegt werden“.
Um zu ermitteln, wer zu viel düngt und wer sich an die Regeln hält, soll den Verbänden zufolge eine „Betriebliche Nährstoffbilanz“ verbindlich eingeführt werden. Sie müsse erfassen, wie viel Stickstoff und Phosphor durch Dünger auf den Hof kommen und wie viel etwa in Form von Produkten abfließt. Die Differenz landet langfristig in der Umwelt.
Minister Rainer aber hat 2025 die Pflicht aufgehoben, diese „Stoffstrombilanz“ zu berechnen. Jetzt will er im Düngegesetz auch die Möglichkeit streichen, so eine Bilanz per Verordnung vorzuschreiben. Der CSU-Politiker hält die Stoffstrombilanz für ein „Bürokratiemonster“. Der Nationale Normenkontrollrat hat errechnet, dass die Agrarunternehmen 4,8 bis 5,3 Stunden für die Aufstellung der Bilanz aufwenden müssten – pro Jahr.
Rainer will nun aber ein „Wirkungsmonitoring“ einführen, wohl um die EU-Kommission zufriedenzustellen, die Deutschland bereits erfolgreich vor dem Europäischen Gerichtshof verklagt hat, weil es gegen die EU-Richtlinie zum Schutz der Gewässer vor Nitrat aus der Landwirtschaft verstoßen hatte. Dieses Monitoring könne aber nicht die Nährstoffbilanz ersetzen, so die Verbände. Denn es beruhe nur auf Daten von Testbetrieben und Modellen. Nötig sei aber eine Bilanz für die Mehrheit der Höfe, sodass auch Ausnahmen von den Düngebeschränkungen für sich korrekt verhaltende Betriebe möglich würden.
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