Städtische Jugendhilfe in Hamburg: Stadt nutzte Flüchtlinge als günstige Betreuer
Hamburg setzte in der Betreuung von Flüchtlingskindern jahrelang angelernte Sprach- und Kulturmittler ein. Nun werden sie vor die Tür gesetzt.
Als vor vier Jahren die Zahl der unbegleiteten Minderjährigen Ausländer (UMA) stark anstieg, ging die Stadt neue Wege. Sie weichte das „Fachkräftegebot“ auf. Man betreue die Kids in den Erstaufnahmen in „Multiprofessionsteams“, hatte die Sozialsenatorin im Januar 2023 im Familienausschuss berichtet. Dabei deckten vor allem die „Sprach- und Kulturmittler“ einen „äußerst wichtigen Part“ ab.
„Damals waren wir Gold für die“, erinnert sich Kevin Banda*, der wie die meisten seiner Kollegen selbst mal als Flüchtling nach Hamburg kam und beim Landesbetrieb Erziehung (LEB) als SpraKu, wie die Aufgabe abgekürzt heißt, eine Arbeit fand, die ihm von Herzen gefällt. „Ich liebe diese Arbeit“, sagt er.
Doch sie fühlen sich von der Stadt ausgenutzt. „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan“, sagt Banda etwas bitter. „Wie man mit uns umgeht, ist nicht fair“, ergänzt sein Kollege Mansur Saidi*. Denn vier Jahre lang hielt der LEB sie nur mit Fristverträgen bei der Stange.
Erst ein Jahr. Dann ein halbes Jahr, dann zweieinhalb Jahre. Anfang 2026 eröffnete die LEB-Geschäftsführung ihnen dann, dass Ende des Jahres damit Schluss ist. Ein paar von ihnen könnten sich berufsbegleitend zum Erzieher oder Sozialpädagogen qualifizieren. Die anderen müssten gehen.
Fallanalysen und traumasensible Pädagogik
Das betrifft viele. Nach Angaben der inzwischen zuständigen Bildungsbehörde sind im Juni 2026 beim LEB 50 Sprach- und Kulturmittler angestellt, in den ganzen vier Jahren waren es sogar 86. Damals, im Januar 2023, hatte die Sozialbehörde erklärt, die SpraKus hätten „in der Regel eine achtzehnmonatige Ausbildung durchlaufen, die auch Grundlagenqualifikation Pädagogik und Heimerziehung beinhalte“.
Und sie hätten „gerade auch wegen der Verbindung zu den Jugendlichen über deren Muttersprache“ eine wichtige Aufgabe. Sie machten wohl die meiste Arbeit. Wie die Stadt einräumt, bestand der befristet erlaubte Team-Schlüssel aus einem Sozialpädagogen und bis zu drei SpraKu-Kräften.
„Man sagte uns damals, wir dürften alles machen, was Pädagogen machen“, erinnert sich Saidi. Sogar Berichte über die Jugendlichen hätten sie geschrieben und sie zum Hilfeplangespräch beim Jugendamt begleitet. „Nur unterschrieben hat den dann ein Sozialpädagoge.“
Besagte 18-monatige Qualifizierung umfasste de facto jedoch nur 161 Stunden während der Arbeit nebenher. Sie war anspruchsvoll. Es ging etwa um Fallanalysen oder traumasensible Pädagogik. Auch Prüfungen gab es. Kevin Banda zeigt sein „Abschlusszertifikat“ zur „Qualifizierung für Quereinsteigende“ in der UMA-Betreuung mit Wappen der Stadt. Nur, dass dieses nun fast wertlos scheint.
Kevin Banda selbst wollte sich nicht für die Erzieherschule bewerben. „Die Hürden sind zu hoch. Da werden Steine in den Weg gelegt“, sagt er. Für Bewerber wie ihn mit erstem Schulabschluss verlange man dort einen Sprachtest auf hohem C1-Niveau. Aber Kollegen hätten sich nun beworben und seien abgelehnt worden. „Mich stört, dass es nicht transparent ist, wie die vorgehen“, sagt Banda. Ob es womöglich nach „Vitamin B“ gehe? Auch stört ihn, dass er kein objektives Zeugnis bekam.
Kevin Banda, Sprach- und Kulturmittler
Denn die Arbeit sei anspruchsvoll gewesen. „Wir arbeiten mit den Pädagogen im Tandem“, sagt Banda. „Die schätzen uns und sind traurig, dass es nicht weitergeht“. Auch hätten sie regelmäßig Nachtdienste allein geleistet oder die Jugendlichen allein zum Familiengericht begleitet.
Nun stehe in seinem Zeugnis, dass er gedolmetscht habe. „Aber die Sprachkenntnisse waren nicht das Wesentliche“, ergänzt Mansur Saidi. Das sehe man daran, dass auch SpraKus eingesetzt wurden, deren Muttersprache kein Jugendlicher sprach.
Die taz fragte die Bildungsbehörde zum Vorwurf der mangelnden Wertschätzung. Die weist das von sich. Man habe mit den SpraKus im Rahmen sechstägiger Seminare Perspektiven erörtert und viel Hilfestellung gegeben. Alle hätten sich beim LEB für jene „berufsbegleitende Qualifizierung“ bewerben können. Teils verfügten sie aber nicht über nötige Sprachnachweise oder seien an Sprachtests der Schulen gescheitert.
Allerdings räumt die Behörde ein, dass von den elf Kräften, die sich in 2026 für die Ausbildung bewarben, fünf vom LEB selbst abgelehnt wurden. 2025 war das ähnlich. „Viele, die gern bleiben möchten, bekommen keine Qualifikation und müssen gehen“, sagt Saidi.
Kritik von der Gewerkschaft
Das ist nicht angemessen, findet Max Stempel, der für den Schulbereich zuständige Sekretär der Gewerkschaft Verdi. Die SpraKus seien über Jahre in Kettenverträgen beschäftigt gewesen. Sie hätten regelmäßig Vertretungen für Erzieher übernommen und deutlich weniger verdient. „Der LEB ist in der Verantwortung, allen eine Perspektive anzubieten und sie zu qualifizieren“, findet er.
„Ursprünglich waren die SpraKus nur als zusätzliche Kräfte geplant“, ergänzt ein Mitglied der Verdi-Betriebsgruppe des LEB. Doch als der Krankenstand hochging, hätten sie reguläre Dienste und damit auch pädagogische Aufgaben übernommen. „Sie machten die gleiche Arbeit für weniger Geld“, sagt der Gewerkschafter. Sie vor die Tür zu setzen, sei nicht fair. „Es macht Sinn, dass der LEB sie hält und qualifiziert“, findet Stempel. „Wir brauchen Fachkräfte.“
Die Bildungsbehörde stellt die Dienstübernahmen als Ausnahmen dar. Es sei dann stets ein Pädagoge „erreichbar“ gewesen. Auch rechtlich sieht sich die Stadt auf der sicheren Seite. So ist den Verträgen jeweils als Grund für die Befristung genannt, es handle sich um einen vorübergehenden Bedarf. Und mit Grund dürfe eine Befristung laut Rechtsprechung sogar neunmal verlängert werden.
Die Linken-Abgeordnete Olga Fritzsche hat dazu nun eine Anfrage eingereicht. Neunmal in Folge befristen – so etwas sei aus Sicht der Beschäftigten unhaltbar, sagt sie. „Für mich sieht das nach unzulässigen Kettenverträgen aus.“ Und da Hamburg Sprachmittler seit 2015 Jahren einsetzt, könne man nicht von einem vorübergehenden Bedarf sprechen. „Für mich sieht es danach aus, als sei es drum gegangen, diese Gruppe so prekär wie möglich zu beschäftigen“, sagt Fritzsche.
*Name geändert
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