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Stadtentwicklung in BerlinDa blüht uns was

Nach Senatsplänen könnten die traditionsreichen Späth’schen Baumschulen laut Be­trei­be­r*in­nen auf einen kleinen Rest ihrer heutigen Fläche schrumpfen.

Einer der originellsten Orte der Stadt: In der Späth'sche Baumschule in Treptow blüht es gerade wie verrückt Foto: Susanne Messmer

Dürfen Gärten, Grünflächen und ein Stück Berliner Geschichte verschwinden, damit diese Stadt ihre Wohnungskrise endlich in den Griff bekommt?

Diese Frage wird derzeit an einem der originellsten Orte der Stadt verhandelt: den Späth'schen Baumschulen in Treptow. Weil sich viele Ber­li­ne­r*in­nen die Mieten kaum noch leisten können, plant der Senat auf Teilen des traditionsreichen Betriebes ein neues Stadtquartier mit bis zu 2.500 Wohnungen.

Doch der dringend benötigte Wohnungsbau hätte einen dramatischen Preis: Die über 300 Jahre alte und damit älteste noch produzierende Baumschule Berlins würde auf einen Bruchteil ihrer heutigen Fläche schrumpfen.

Die Zahlen kursieren auf dem Gelände inzwischen wie eine Art Schreckensformel. Von rund 128.000 Quadratmetern, die die Baumschule nach eigenen Angaben derzeit in Treptow nutzt, sollen laut Senatsverwaltung künftig nur noch etwa 28.000 Quadratmeter auf der „Kernfläche“ mit den historischen Gebäuden Packhalle und Kontorhaus, Pflanzenverkauf und Hof bleiben – plus ausgelagerte 10.000 Quadratmeter für Großhandel und Erdwirtschaft.

Von einer weitläufigen grünen Kulturlandschaft würde am Ende wenig bleiben

Das Problem: Nur ein gutes Drittel dieser Kernfläche, also 9.000 Quadratmeter, wird laut Baumschule überhaupt von ihr genutzt – der Rest ist an andere Unternehmen verpachtet. Da klingt es wie Hohn, wenn die Pressestelle der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen verlauten lässt, der „identitätsstiftende Nukleus“ der Baumschule bliebe erhalten.

Das genaue Gegenteil ist der Fall: Von einer weitläufigen grünen Kulturlandschaft würde am Ende wenig bleiben. Als besonders bitter empfinden es viele, dass inzwischen bis dicht an das Areal heran gebaut werden soll. Der frühere Geschäftsführer Holger Zahn, der 1987 im Betrieb anfing, ihn nach der Wende vor der Zerschlagung durch die Treuhand gerettet und das Gelände für die Stadtgesellschaft geöffnet hat, fürchtet um sein Lebenswerk.

Die Späth'sche Baumschule ist viel mehr als eine Baumschule … Foto: Susanne Messmer

An einem milden Mainachmittag voller junger Bäume, blühender Stauden und einem Himmel wie gemalt ist das Gelände merkwürdig still. Irgendwo klappert Geschirr und nur wenige Kun­d*in­nen sind unterwegs. Die Baumschule wirkt wie ein Ort, der sich gerade ausruht – und gleichzeitig ahnt, dass ihm eine grundsätzliche Veränderung bevorsteht.

Großes Zittern und Zähneknirschen

Laura Lichtenheldt führt über das Gelände: Ende 30, gelernte Druck- und Medientechnikerin, Tochter von Holger Zahn, inzwischen eine der drei neuen Geschäftsführerinnen. Sie ist hier aufgewachsen und lebt inzwischen wieder auf dem Gelände. Die etablierten Veranstaltungen wie den „Späth’en Frühling“ oder den Weihnachtsmarkt will sie weiterführen, zugleich noch mehr neue Formate für jüngere Be­su­che­r*in­nen entwickeln. Doch über allem liegt derzeit ein großes Zittern und Zähneknirschen.

„Das war erst mal ein Schock“, sagt sie über die jüngsten Pläne des Senats, die kürzlich bekannt wurden. Nach einem Siegerentwurf, auf den sich der Senat im Anschluss an eine aufwendige Bürgerbeteiligung im Oktober 2025 geeinigt hatte, habe man noch gehofft, man könne über Anpassungen reden.

Auf dem Gelände herrscht das Gefühl, dass über die Zukunft des Ortes längst anderswo entschieden wird

Nach den neuen Plänen des Senats, die ihnen vor Kurzem vorgelegt wurden, gehe es nun nur noch darum, wie die geplanten Neubauten auf dem Gelände verschoben würden. Und selbst das, was am Ende möglicherweise erhalten bleibt, sei nicht sicher. „Wenn es neue Eigentümer gibt – was passiert dann hier?“

Die Eigentümerlage rund um das Gelände ist tatsächlich kompliziert. Der heutige Gartenbau- und Veranstaltungsbetrieb bewirtschaftet seine Flächen nur als Pächter. Nach der Rückübertragung der Baumschule an die Erben der Familie Späth 1997 wurden große Teile des Areals von den Nachkommen der Familie an private Investoren verkauft.

Nach Angaben der Pressestelle der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen gehören die fraglichen Flächen heute einer Firma namens „Baumschulen Berlin-Baumschulenweg GmbH“ – offenbar ein Betrieb, der früher mal den Erben gehörte und immer weiterverkauft wurde. Die Baumschule selbst verweist dagegen auf Gesellschaften aus dem Umfeld einer anderen Immobilienholding, die insolvent sei – wozu sich die Pressestelle der Senatsverwaltung wiederum nicht äußern möchte.

Diese hält sich bislang überhaupt mit genaueren Aussagen zurück. Und verweist auf laufende interne Abstimmungen über vorbereitende Untersuchungen zu einem neuen „Struktur- und Nutzungskonzept“, man sei also „in einer sehr frühen Phase“. Es fänden außerdem keine Verhandlungen über einen etwaigen Ankauf statt.

Wie weit die Planungen tatsächlich schon reichen, bleibt also offen. Auf dem Gelände selbst verstärkt genau diese Unsicherheit jedoch das Gefühl, dass über die Zukunft des Ortes längst anderswo entschieden wird: Laura Lichtenfeld fürchtet eine Art dekorative Rest-Baumschule: verdichtet, touristisch verwertbar, aber ohne den offenen Charakter des Ortes. „Dann wäre das hier irgendwann wie eine beliebige Gärtnerei.“

Nicht alles so perfekt

Dabei lebt das Gelände gerade davon, dass es sich jeder perfekten Ordnung entzieht. Hinterm Restaurant taucht die Märchenhütte des Hexenkessel-Hoftheaters auf, das während der Weihnachtszeit hier spielt. Ein paar Schritte weiter liegt der Weltacker, ein Bildungsprojekt, das zeigt, wie wenig Fläche jedem Menschen weltweit zur Verfügung steht, um Nahrung, Kleidung oder Energie zu erzeugen.

An einem glitzernden Karpfenteich, gestaltet von einem Künstler aus dem ehemaligen Tacheles, tauchen zwei Schildkröten auf. Dazwischen alte Eichenalleen, imposante Blutbuchen, Kathedralen aus Weidenruten, Europaletten, alte Zäune als Rankhilfen, Pfingstrosen in Baukübeln, Stauden- und Kräuterbeete. Die Späth’schen Baumschulen sind seit Langem mehr als eine Baumschule. Sie funktionieren heute wie ein Dorfplatz im Grünen, wie es sie auch auf dem Land kaum mehr gibt: mit Gasthaus, Hofladen, Weinverkostungen, Theater, Konzerten, Lesungen, Märkten und Festen.

Gemeinsam mit zwei Hochschulen ist ein Vorlesungssaal unter freiem Himmel geplant

Für viele Ber­li­ne­r*in­nen ist das Gelände eine Art Ausflugslandschaft. Es ist aber auch ein Zufluchtsort für erschöpfte Großstädter aller Altersstufen und gesellschaftlichen Schichten, die ins Gespräch kommen. Für Menschen, die Freiraum suchen – und ihn in der zunehmend durchkommerzialisierten Innenstadt der Smash-Burger und des Coffee to go kaum noch finden.

Gerade deshalb verteidigen viele Stammgäste den leicht improvisierten Charakter des Ortes so leidenschaftlich. Dass hier nicht alles kuratiert wirkt, gehört zum Reiz. „Ich komme nicht nur zum Pflanzenkaufen“, sagt eine Besucherin, „sondern zum Entspannen“. Eine andere empört sich: „Sonst kümmert es die Stadt ja auch nicht, dass man sich die Mieten nicht mehr leisten kann. Warum ausgerechnet hier, wo man mal durchatmen kann?“ Eine Online-Petition, die vor wenigen Tagen gestartet wurde, wurde schon von über 13.000 Menschen unterzeichnet.

Hinzu kommt aber noch etwas: Die Geschichte dieses Betriebs erzählt auch die halbe Geschichte Berlins. Gegründet wurde die Baumschule 1720 von Christoph Späth als Obst- und Gemüsegärtnerei in Kreuzberg. Später zog der Betrieb weit vor die Tore der Stadt, dorthin, wo heute der Baumschulenweg liegt.

Die Späth'sche Baumschule ist ein Ort der Bildung Foto: Susanne Messmer

Um 1900 gehörten die Späth’schen Baumschulen mit rund 225 Hektar zu den größten Baumschulen der Welt. Sie waren nicht nur ein Gartenbaubetrieb, sondern ein internationales Zentrum für Pflanzenhandel, Zucht von Gehölzen und botanischer Forschung. Pflanzenjäger wie Carl Albert Purpus, dessen Name in Zusammenhang mit kolonialen Sammelpraktiken genannt wird, besorgte für Späth Pflanzen in Nordamerika und Mexiko. Franz Späth ließ das heute zur Humboldt-Universität (HU) gehörende Späth-Arboretum anlegen.

Kein Wunder, dass der Ort zunehmend auch als grüner Lernraum funktioniert. Rund 150 Schulklassen kommen jährlich hierher. Gemeinsam mit der HU und der Berliner Hochschule für Technik BHT ist ein Vorlesungssaal unter freiem Himmel geplant. Man lernt hier nicht nur etwas über die Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart: über Schwammstadt-Konzepte, klimaresistente Gehölze, Mikroklimata. Immerhin ist die Baumschule nach wie vor ein produzierender Betrieb, wenn auch hauptsächlich auf ausgelagerten Flächen in Brandenburg. Noch immer werden eigene Züchtungen wie die Winterlinde „Tilia cordata Merkur“ oder die wiederentdeckte Späth-Erle von 1908 verkauft – dringend benötigte Straßenbäume für eine heißer werdende Stadt.

Hier verschwindet Berliner Lebensgefühl

Am Ende der Führung steht Laura Lichtenheldt in der kleinen Baumschulenbibliothek in einem liebevoll hergerichteten Bauwagen. Vielleicht, sagt sie, hätten manche Entscheider nie wirklich verstanden, was dieser Ort eigentlich sei.

Genau darin liegt das Problem dieser Debatte: dass hier nicht einfach eine Freifläche verschwindet, sondern eine grüne Lunge, ein Stück Berliner Stadtgeschichte und Lebensgefühl – mitsamt seiner Widersprüche und Möglichkeiten.

Am 26. Mai will sich Holger Zahl mit Bausenator Christian Gaebler (SPD) treffen, um über die Zukunft der Baumschule und die Pläne des Senats zu sprechen. Mal sehen, ob er vermitteln kann, was hier auf dem Spiel steht.

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