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Spielfilm „Meine Frau weint“Bilder, die sich befreien

Zauber und Loslassen: In Angela Schanelecs Spielfilm „Meine Frau weint“ bleibt noch die Muttersprache etwas Fremdes, aber die Dunkelheit flirrt.

Einmal gibt es den Blick von ganz oben, auf eine Baustelle, Brachland, kein Panorama der Stadt, in der alles spielt. Die Stadt ist Berlin. Wer hier blickt, wenn man diese Perspektive einer Person zurechnen will, was man nicht muss, denn man kann den Moment auch als Innehalten des Films nehmen, als Atemholen, die Erzählung selbst braucht diesen Augenblick jedenfalls nicht: Thomas, der Kranführer ist.

Ganz klein unten im Bild, mit Fahrrad, ist Clara zu sehen, seine Frau. Etwas ist ihr passiert, damit beginnt der Film, Thomas versucht sie zu erreichen, sie geht nicht ran. Er spricht mit zwei Frauen im Büro über scheinbar belanglose Dinge. Dann ein Schnitt, er findet sie auf einer Bank. Seine Frau weint.

Fünf Minuten ohne Schnitt dauert die Szene, in der Clara ihrem Mann erzählt, was passiert ist. Die beiden schieben ihre Fahrräder, es ist Tag und wird Nacht, an einer viel befahrenen Straße entlang. Sie erinnert ihn an einen Tanzkurs, den sie gemeinsam begannen, den sie dann allein fortgesetzt hat, weil er bei den Fortgeschrittenen nicht mehr mitmachen wollte. Da hat sie mit einem anderen Mann getanzt, mit ihm war sie nun tags zuvor im Auto unterwegs, es gab einen Unfall, sie blieb unverletzt. Der andere Mann ist nun tot.

Wundersame Befremdung

Die Französin Agathe Bonitzer spielt Clara. Ihren Mann Thomas spielt der Serbe Vladimir Vulević. Beide sprechen Deutsch mit starkem Akzent. Was sich in den langen Dialogen zwischen den beiden ereignet, ist eine wundersame und wunderbare Befremdung. Das Deutsche wird, in den langen Dialogen, obwohl grammatikalisch perfekt, zu einer unvertrauten, einer anderen Sprache: zu einer Sprache, in der sich die Rhythmen verschieben, in der die Laute weicher werden, als man sie kennt. Zu einer Sprache, die nicht nur mit den Individuen im Gespräch ist, die sich die fremden Laute und Rhythmen aneignen müssen. Sondern auch zu einer Sprache, in der die andere, die Muttersprache, das Französische, das Serbische zugleich anwesend ist.

Der Film

„Meine Frau weint“. Regie: Angela Schanelec. Mit Vladimir Vulević, Agathe Bonitzer u.a. Deutschland/Frankreich 2026, 93 Min.

Schon immer spielt die Sprache bei Angela Schanelec eine besondere Rolle. Schanelec kommt vom Theater, war Schauspielerin, hat aber auch für Inszenierungen ihres Manns, des Theaterregisseurs Jürgen Gosch, Shakespeare übersetzt. Die Dialoge in ihren Filmen sind immer spürbar geschriebener Text, poetisch, aber nicht als hochgestochener Unfug, sondern auf eine Weise einfach, die mehr als genau ist, und in ihrer Einfachheit und Genauheit verblüfft.

In „Meine Frau weint“ gibt es eine Figur, Lászlo, Ben Carter, er ist Dichter, berühmt, ja nobelpreisverdächtig. Auch er sitzt, wie Clara und Thomas zu Beginn, auf einer Bank, auch er spricht ein von Fremdheit durchdrungenes, wie verzaubertes Deutsch. Und später noch eine Figur, von Thorbörn Björnsson gespielt, der aus Island kommt und schon öfter in Schanelec-Filmen auftrat: ein atemberaubender Monolog über das Verlieren der Lieben. Bei ihm ist die Fremdheit kaum mehr als ein Hauch.

Fremd im Vertrauten

Man kann verallgemeinern: Bei Schanelec sprechen die Darsteller*innen, in diesem Film auch die großartige Birte Schnöink, stets so, als wäre ihnen im Vertrautesten des Sprechens immer auch etwas fremd. Die Sprache, auch der Körper, das Leben. So deutlich ausgesprochen wie in „Meine Frau weint“ wurde es selten, dass es genau darum geht: die Nähe, die die Sprache schafft, in der man zu Hause ist und auch nicht, die Nähe und Ferne zum eigenen Fühlen und Denken, zum Körper, beim Tanz, beim Handballspiel und beim Sex. Und weil man nicht allein ist auf der Welt auch die Nähe und Ferne zu den anderen, den Nächsten eher noch mehr als den Fernsten.

Als sie mit dem anderen Mann im Auto saß, erzählt Clara Thomas, füllte die Sprache den Raum zwischen ihnen. Sie erzählt davon, denkt man, als einem besonderen zwischenmenschlichen Glück, einer Erfüllung. Am Ende dieser Szene, fünf Minuten Fahrradschieben und Sprechen, bleibt Thomas stehen, sagt nur drei Worte: „Mein Kopf platzt“, setzt sich an einen Baum am Fahrradweg, und dann sagt er erst einmal nichts mehr.

Später, es liegt noch eine umwerfende Szene mit einem Orchester dazwischen, das sich im Regen aufzulösen beginnt, oder eine andere Szene, eine fast wie ein klassisches Gemälde anmutende Komposition mit Clara auf dem Sofa und den anderen um sie herum, später kommt in diesem Film der größte Moment.

Schöne Tableaus

Erst einmal ist das Bild leer, Blick auf eine Terrasse, Glas liegt dazwischen, die Kamera bewegt sich nicht, wie die Kamera (von Marius Panduru) sich in diesem Film ohnehin nur mit den ihrerseits bewegten Figuren bewegt. Sonst bleibt sie still, rahmt in ihrer Einfachheit und Genauigkeit schöne Tableaus, in denen nicht nur das Licht, sondern auch die Dunkelheit flirrt.

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Trailer „Meine Frau weint“

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Hier, in dieser Szene, beim Blick auf die zunächst leere Terrasse, beginnen nur die Figuren zu flirren. Erst tritt eine hinaus, Birte Schnöink, und beginnt zu tanzen, auf ganz unbeschreibliche Weise, sicher nicht virtuos. Dazu läuft, das einzige Mal in diesem Film, eine Soundtrack-Musik, „Lover Lover Lover“ von Leonard Cohen. Andere Personen erscheinen, tanzen auch, andere Bewegungen, mal in Bezug aufeinander, mal ganz für sich, die Moves der anderen aufgreifend oder auch nicht.

Ein Spuk, ein Zauber, auf den ein Loslassen folgt. Bilder und Szenen, die sich von allem Zwang zum Zusammenhang nun befreien. Es wird Handball gespielt, ein Geburtstagslied gesungen, rabiat Geflügel verspeist, Schanelec entlässt ihren Film auf einen traumhaften Weg. In einen Abspann übrigens, der ein Kunstwerk für sich ist.

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