UV-Strahlen und Hautkrebs: Sonnenbrand als Statement
Auf Social Media trenden gebräunte Haut und Mythen um Sonnencreme. Dabei bleibt sie der wichtigste Schutz vor Hautkrebs – solange man sie richtig anwendet.
Sie braten in der Mittagssonne, mit Bräunungsöl statt Lichtschutzfaktor, denn gewünscht ist eine intensive Rötung oder dunkelbrauner Teint. Manche Leute streben zurzeit den super hotten „Sunburn-Look“ an, als hätten sie noch nie etwas von Hautkrebs gehört – als „tanmaxxing“ kursiert dieser Trend gerade auf Social Media. Waren wir nicht mal schlauer?
Die Ärztin Ruo-Xi Yu beobachtet dieses Phänomen mit Sorge. „Zurzeit gibt es zwei Trends“, sagt die promovierte Dermatologin, die für den Podcast „Hautgeschichten“ immer wieder tief in das Rabbithole der Hautfluencer auf Instagram und Tiktok abtaucht.
Der kleinere Trend sei die Rückkehr zur starken Bräune als Schönheitsideal, das ein paar naive Leute aufgreifen würden. „Ich beobachte aber schon, dass gerade Teenager wieder mehr nach Bräune streben als etwa die Generation vor ihnen, die schon Kinder haben und sich mehr um die Gesundheit sorgen. Die Trends kommen und gehen in Wellen.“
Der größere Trend führe Ökos mit Schwurblern zusammen, die Sonnencreme für böse Chemie halten, die die Haut daran hindere, wichtige Stoffe wie Vitamin D zu produzieren. Sie haben der Sonnencreme den Kampf angesagt und tauschen in den sozialen Medien Hausmittel aus. „Oft panschen sie sich ihren eigenen Sonnenschutz aus Himbeersamenöl und Rindertalg zusammen“, sagt Yu.
Dabei ist zum einen die Sorge vor einem Vitamin-D-Mangel durch Sonnencreme unbegründet: Selbst eingecremte Haut blockiert die Vitamin-D-Produktion nicht vollständig. Für eine ausreichende Versorgung reicht schon dreimal pro Woche eine Viertelstunde Sonne auf Hände und Gesicht.
Zum anderen erzielen die alternativen Mittel teils gar keinen Effekt, teils nur einen sehr geringen: „Man kann über Wochen Carotinoide supplementieren, um einen gewissen Schutz in der Haut aufzubauen. Aber der liegt dann etwa bei einem Lichtschutzfaktor (LSF) von 1,5. Grundsätzlich ist das Blödsinn“, sagt Yu. „Was tatsächlich gegen Sonnenbrand hilft, ist Sonnencreme.“
Bedingter Eigenschutz
Der Verzicht auf diese ist ein ernstes Problem: Die Deutsche Krebshilfe veröffentlichte gerade einen Faktencheck, um mit falschen Behauptungen aufzuräumen. Die Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Onkologie wies zeitgleich darauf hin, dass sich hinter vielen Trends der Versuch verstecke, eigene Produkte wie Nahrungsergänzungsmittel zu verkaufen. Auch die Strategie, sich durch Vorbräunen zu schützen, ist gefährlich.
„Dunklere Haut hält UV-Strahlung zwar besser ab als helle“, so die Ärztin. So haben Menschen mit dunklerer Haut eine wesentlich längere Eigenschutzzeit, sie bildet von Grund auf ein natürlich höheres Melaninlevel. Die zusätzliche Bräune, die nach Aufenthalt in der Sonne entstehe, sei „ja schon als Reaktion, weil etwas kaputtgegangen ist. Am Ende des Tages geht es nicht nur um Sonnenbrand, sondern darum, Krebs zu verhindern.“
Argumente gegen Sonnencreme gibt es im Netz reichlich, inklusive vermeintlicher Belege. Tatsächlich hatten Studien vergangener Jahrzehnte gezeigt, dass es in Bevölkerungsgruppen, die häufiger Sonnencreme auftragen, mehr Fälle von Hautkrebs gibt. Das lag aber daran, dass diese Gruppen gleichzeitig mehr Strandurlaub und Sonnenbaden betrieben.
„Hautkrebs entsteht nicht nur als Folge von Sonnenbränden“, ergänzt Dr. Yu. Eine wesentliche Rolle spiele die kumulative Belastung durch UV-Strahlen. „Das macht die Sache so tückisch: Viele Leute erinnern sich vielleicht an einen starken Sonnenbrand. Aber niemand weiß, wie vielen Stunden Sonnenstrahlung man über die Jahre hinweg ausgesetzt war.“ Sonnencreme ist eben kein Freifahrtschein, um ewig in der prallen Sonne zu bleiben.
UV-Strahlung verursacht DNS-Schäden im Kern der Hautzellen. Aus solchen entarteten Zellen kann sich mit der Zeit Hautkrebs entwickeln. Das ist kein plötzliches Ereignis, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Zunächst entstehen dabei Vorstufen, sogenannte aktinische Keratosen, bevor daraus dann im Lauf von Jahren ein manifester Tumor werden kann.
Mehr gefährliche Strahlen
Die Strahlenbelastung selbst hat zugenommen. Nach Angaben des Deutschen Krebsforschungszentrums steigt die Gefahr, weil die UV-Strahlung insgesamt zunimmt: Zwischen 1997 und 2022 wuchs die monatliche UV-Belastung an deutschen Messstationen um zehn bis zwanzig Prozent. Die Folgen zeigen sich längst in den Krankenhausstatistiken.
Laut Statistischem Bundesamt hat sich die Zahl der wegen Hautkrebs stationär behandelten PatientInnen in Deutschland in den vergangenen 20 Jahren fast verdoppelt. Offensichtlich zum unpassenden Zeitpunkt steht das gesetzliche Hautkrebs-Screening zur Debatte: Im Zuge der Gesundheitsreform wird diskutiert, die kostenlose Vorsorgeuntersuchung einzuschränken.
So bleibt der Dermatologie nichts anderes übrig, als wieder und wieder darüber aufzuklären, wie wichtig Sonnencreme mit einem hohen Lichtschutzfaktor ist. Umso höher der Lichtschutzfaktor, umso länger besteht der Schutz. So verlängert ein Faktor von 50, den Eigenschutzzeit um das 50-fache. Abhängig vom UV-Index und Teint liegt der zwischen fünf Minuten bei hellerer Haut und über einer Stunde bei dunkelbrauner Haut.
Sowohl günstige wie teure Cremes mit LSF 50+ schützten dabei etwa gleich gut, erklärt Dr. Yu. Teure Produkte punkteten allenfalls mit einer angenehmeren Konsistenz, jedoch räumt die Expertin ein: „Mit einer Creme für 50 Euro gehe ich automatisch viel zu sparsam um. Sonnencreme muss reichlich aufgetragen werden.“
Konkret heißt das: etwa drei bis fünf Esslöffel für den ganzen Körper. Allein für Gesicht und Nacken sollte der aufgetragene Cremestrang rund zwei Finger lang sein. Draußen in der direkten Sonne sollte spätestens nach zwei Stunden nachgecremt werden – nach dem Baden oder starkem Schwitzen ohnehin.
Damit sollte auch keine Tube mehr über Winter hinweg geöffnet im Regal stehen bleiben. Falls doch, sollten sie gegebenenfalls im Müll landen. Denn auch Sonnencremes haben ein Mindesthaltbarkeitsdatum, und sollten im Schnitt nicht länger als ein Jahr nach Anbruch benutzt werden. Danach nimmt die Schutzwirkung ab und es können Abbauprodukte entstehen, die sogar schädlich sein können.
Und auch die Tageszeit spielt für die Gefahr durch UV-Strahlung eine Rolle. „Je steiler die Sonne am Himmel steht, desto kürzer ist der Weg durch die Erdatmosphäre und umso direkter sind wir der Strahlung ausgesetzt“, erklärt Dermatologin Yu. Orientierung biete der UV-Index, den Wetterdienste veröffentlichen: Ab einem Wert von 3 sollte man Schutzmaßnahmen ergreifen: direkte Sonneneinstrahlung meiden. Kopfbedeckungen und langärmlige Kleidung tragen. Eincremen.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert