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Sommerfestival in Hamburg„Apokalypse muss nicht das Ende sein“

Das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel feiert Hoffnung: Sie hilft, die Zukunft aktiv zu gestalten, sagt Festivaleiter András Siebold.

Interview von

Dagmar Leischow

taz: Herr Siebold, warum steht das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel unter dem Motto „hope!“?

András Siebold: Wenn wir zum ersten Mal unser Programm unserem Grafik-Duo Hanna Osen und Laurens Bauer vorstellen, bringen die beiden die Inhalte für sich erstmal mit einem Begriff auf den Punkt. Das war diesmal „hope!“ und mein erster Gedanke war: Das klingt zu sehr nach dem Spielzeitmotto eines Stadttheaters. Uns wurde aber schnell klar, dass „hope!“ das kuratorische Konzept wirklich gut zusammenfasst und einen interessanten philosophischen Raum öffnet.

taz: An welche Philosophie dockt „hope!“ konkret an?

Siebold: Zum Beispiel an Jonathan Lears „Radical Hope“-Gedanken. Dieser US-amerikanische Philosoph plädiert dafür, sich dem Horror der Gegenwart mit Hoffnung zu stellen. Radikales Hoffen ist das Gegenteil von Optimismus oder Pessimismus. Statt sich zurückzulehnen und entweder zu glauben, dass eh alles gut wird, oder eben nichts mehr zu retten ist, geht es darum, in der Gegenwart aktiv zu werden, um die Zukunft zu gestalten.

Im Interview:  András Siebold

Jahrgang 1976, hat Kulturwissenschaft und Philosophie in Berlin studiert, ist seit 2013 künstlerischer Leiter des Internationalen Sommerfestivals. Vorher war der Deutsch-Schweizer unter anderem persönlicher Assistent des Regisseurs Robert Wilson und Studioleiter der Fotografin Nan Goldin.

taz: Welche Produktion spiegelt das radikale Hoffen am besten wider?

Siebold: Die polnische Choreografin und Künstlerin Ania Nowak setzt sich in „Future TongueXXX“ damit auseinander, wie sich menschliche Beziehungen im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz, Algorithmen und digitalen Plattformen entwickeln werden. Manchmal weiß man gar nicht mehr: Wer ist Mensch? Wer ist Maschine? Dennoch findet Ania Nowak sehr starke Bilder für ihre Zuversicht, dass wir in dieser Phase des radikalen Umbruchs unsere Körper, unsere Liebe, unsere Intimität nicht aufgeben werden.

taz: Die französischen Cho­reo­gra­f:in­nen (La)Horde dagegen haben ihre Arbeit „Après moi, le déluge“, „Nach mir die Sintflut“, genannt. Das klingt wenig hoffnungsvoll.

Siebold: Sicher steckt im Satz „Nach mir die Sintflut“ auch Hoffnungslosigkeit. Wer die Zeitung aufschlägt, wird sofort mit der Realität konfrontiert: mit der Zerstörung dieser Welt. Kunst kann helfen, den Horror der Realität überhaupt zu fassen, also einen Umgang damit zu finden. (La)Horde gehen in ihrer Inszenierung aber noch darüber hinaus. Bei ihnen ist die Apokalypse nicht unbedingt das Ende. Es gibt ein Danach, einen erfolgreichen Überlebenskampf von tanzenden Körpern.

Zu uns kommen Menschen, weil sie etwas Unkonventionelles sehen wollen

taz: Ayelen Parolins Choreografie „Irresistible Revolution“ ist von der Energie des argentinischen Karnevals inspiriert. Wo bleibt dabei der revolutionäre Gedanke?

Siebold: Das Eröffnungsstück setzt sich explizit mit adrienne maree browns „Pleasure Activism“ auseinander. Die US-amerikanische Autorin hat sich als Person of Color gefragt: Was wollen unsere Un­ter­drü­ck­e­r:in­nen eigentlich? Sie wollen uns in die Hoffnungslosigkeit treiben, das lassen wir aber nicht zu. Wir reagieren auf Gewalt mit Freude und Liebe.

taz: Könnte „Irresistible Revolution“ nicht trotzdem als eskapistisch missverstanden werden?

Internationales Sommerfestival

Das Internationale Sommerfestival findet vom 5. bis 23. August in der Hamburger Kampnagelfabrik statt.

Siebold: Dieses Stück imitiert nicht einfach bloß den Karneval. Es greift Erinnerungen an Karnevalstänze, Lebensfreude und Ekstase auf – vermischt mit Bewegungen, die an Protestmärsche und Revolutionen anknüpfen, etwa in die Luft gereckte Fäuste. Es geht also immer um einen politischen Kampf und nie allein um jene ausgelassene Freude, die die Realität wegdrücken soll.

taz: Muss Theater heutzutage mehr bieten als reinen Eskapismus?

Siebold: Zu uns kommen Menschen, weil sie etwas Unkonventionelles sehen wollen. Wir zeigen viele Produktionen, in denen Grenzen überschritten werden. Die Theater-Anarchistin Cuqui Jerez setzt in Sugar Island Theaterregeln außer Kraft. Ob Bühnenbild oder Musik: Alles hat eigene Gesetze, und die sollte man immer mal wieder infrage stellen, damit Neues entsteht.

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