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Social Media abschalten„Verantwortungsvolle Nutzung ist eine Illusion“

Diego Hidalgo Demeusois ruft mit dem „Off February“ zur temporären App- und Social-Media-Diät auf. Was kann seine Aktion wirklich bewirken?

Diego Hidalgo Demeusois sieht uns als Versuchskaninchen hochqualifizierter Ent­wick­le­r*in­nen Foto: Robin Utrecht/HH/laif

Interview von

Elisa Kautzky

taz: Herr Hidalgo Demeusois, Sie sind Gründer der Off-Bewegung und haben dieses Jahr den Off February ins Leben gerufen. Die Idee ist, für 28 Tage die Social-Media-Apps vom Smartphone zu deinstallieren. War es sehr schlimm?

Diego Hidalgo Demeusois: Für mich nicht, ich habe gar kein Smartphone. Schon Anfang der nuller Jahre habe ich mich soziologisch mit den Auswirkungen digitaler Technologien beschäftigt. Später, als Unternehmer, erhielt ich täglich rund 130 E-Mails, eine permanente Stressquelle. Die wollte ich nicht dabeihaben, wenn ich mit Familie und Freunden unterwegs war. Schon die bloße Anwesenheit eines Smartphones im Raum trägt dazu bei, den Cortisolspiegel zu erhöhen. Also habe ich mich dagegen entschieden.

taz: Mit dem Off February sollten nun auch andere ein so ruhiges Leben wie Sie führen. Wie lief die Aktion denn?

Hidalgo Demeusois: Sie war ein großer Erfolg, es haben Menschen aus 46 Ländern auf fünf Kontinenten offiziell teilgenommen. Außerdem haben wir Hunderte von Nachrichten erhalten von Leuten, die uns beschreiben, wie sich ihr Alltag dank der gewonnenen Zeit verbessert hat – und zwar nicht nur quantitativ, auch die Qualität ihrer Zeit hat sich verbessert. Nun warten wir auf die Auswertung des Off-February-Barometers, das wir mit Unterstützung von Gesundheitsfachleuten und einem Forschungsteam der Universität Angers entwickelt haben. Es soll die Auswirkungen der Initiative auf das Wohlbefinden messen.

Bild: Foto: privat
Im Interview: Diego Hidalgo Demeusois

42, ist ein französisch-spanischer Autor, Unternehmer, Magier und Diplomat. Er hat die Off-Bewegung gegründet, die auf die Auswirkungen der Technologie auf die menschliche Wahrnehmung und die Demokratie aufmerksam machen will. Ein Teil dieses Projekts ist der „Off February“.

taz: In vielen Religionen wird gefastet, um Körper und Geist zu reinigen. Warum tut uns gemeinsamer Verzicht gut?

Hidalgo Demeusois: Individuell scheitern viele an ihren Vorsätzen, als Kollektiv haben wir stärkere Hebel zur Veränderung. Studien zum Dry January zeigen, dass schon ein Monat Alkoholverzicht positive Effekte hat – und viele Menschen danach weniger davon konsumieren. Genau darauf setzt der Off February. Durch die ganzen Apps auf dem Smartphone lagern wir immer mehr Aufgaben an Maschinen aus und verlernen kognitive Fähigkeiten. Unserem Gehirn tut es gut, diese neuronalen Verbindungen mal wieder stärker selbst zu benutzen.

taz: Sie sind nicht nur Unternehmer und Autor, sondern auch Diplomat des Souveränen Malteserordens. Wie geht das ohne Smartphone?

Hidalgo Demeusois: Es irritiert meinen Botschafter manchmal ein wenig, aber abgesehen davon sehr gut (lacht). Ein Smartphone hat natürlich Vorteile, doch in meiner Kosten-Nutzen-Abwägung überwiegt das Leben ohne. Dabei bin ich gar kein Technikfeind. Tatsächlich bin ich einen Großteil des Tages online und sitze am Computer. Die meisten Vorteile des Digitalen lassen sich nutzen, ohne dass die Technologie in alle Winkel und jeden Moment unseres Lebens eindringt. Ein Laptop setzt sich in der Regel nicht mit an den Familientisch, in die U-Bahn oder in eine Warteschlange.

taz: Die französische Nationalversammlung hat im Januar einen Gesetzentwurf für ein Verbot sozialer Medien für unter 15-Jährige verabschiedet, der Senat muss noch zustimmen. Auch in Deutschland wird ein ähnliches Verbot diskutiert. Wie stehen Sie dazu?

Hidalgo Demeusois: Die Off-Bewegung setzt sich für ein Verbot sozialer Netzwerke für unter 18-Jährige ein und begrüßt jeden Schritt in diese Richtung. Zugleich wird es immer schwieriger zu definieren, was überhaupt ein soziales Medium ist, da diese zunehmend von KI durchdrungen werden, während KI-Plattformen selbst „soziale“ Funktionen übernehmen. Aus unserer Sicht bräuchte es deshalb ein gesetzliches Mindestalter für den Besitz eines Smartphones, anstatt die Beschränkung nur auf bestimmte Plattformen zu begrenzen.

wochentaz

Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

taz: Ist die Abhängigkeit von sozialen Netzwerken keine rein individuelle Verantwortung?

Hidalgo Demeusois: Natürlich kann jeder selbst bewusste Entscheidungen treffen. Doch auch die Industrie hat eine Verantwortung, die sie häufig auf Nut­ze­r:in­nen schiebt. Wenn man einem 13-Jährigen, dessen präfrontaler Cortex sich neurobiologisch noch nicht vollständig entwickelt hat, sagt: „Du darfst Tiktok nutzen, aber bitte nur ein paar Minuten am Tag und schau dir etwas Sinnvolles an“, dann ignoriert man die Realität. Die Plattform hat selbst berechnet, ab wie vielen Videos man sehr wahrscheinlich abhängig wird: 260 Videos. Das entspricht etwa 35 Minuten. Eine „verantwortungsvolle Nutzung“ ist daher eine Illusion.

taz: Apropos Illusion – Sie sind auch Zauberer. Was haben soziale Medien mit Magie zu tun?

Hidalgo Demeusois: Wie wir Zauberer sind auch die sozialen Medien Meister der Ablenkung. Wenn wir einen Trick vorführen, lenken wir die Aufmerksamkeit der Zuschauer in eine bestimmte Richtung, während das eigentliche Geschehen woanders stattfindet. Wenn jemand aus dem Publikum etwa eine Karte auswählen soll, hat die Person das Gefühl, sie trifft eine freie Entscheidung. Dabei sind wir ihr meist einen Schritt voraus und haben sie beeinflusst, ohne dass sie es gemerkt hat. Im Gegensatz zu den sozialen Medien hat die Zaubershow allerdings einen klaren Anfang und ein klares Ende. Außerdem steht dir dort ein einzelner Magier gegenüber – und nicht Tausende unsichtbare, hochqualifizierte Entwickler, die neueste neurowissenschaftliche Erkenntnisse an dir erproben, um dein Verhalten zu steuern.

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2 Kommentare

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  • z. Thema Selbsttest bereits 2019



    "Medienambulanz in LWL-Klinik bietet Hilfe bei Onlinesucht



    Bochum. . Immer mehr Nutzer erliegen der Suchtgefahr im Netz. Jugendliche gelten als besonders gefährdet. Klinik bietet einen Selbsttest zur Orientierung."



    Bei waz.de



    Das klingt zunächst wie ein Satz aus d. Homöopathie:



    "Apps auf dem Smartphone gegen Smartphone-Abhängigkeit?



    Auf den ersten Blick wirkt es tatsächlich paradox, eine App auf dem Smartphone zu nutzen, um die eigene Smartphone-Abhängigkeit zu bekämpfen. Doch manchmal muss man, bildlich gesprochen, Feuer mit Feuer bekämpfen – so wie bei Waldbränden gezielt Gegenfeuer gelegt wird, um die Ausbreitung der Flammen zu stoppen. Ähnlich verhält es sich bei der Mediennutzung..."



    Quelle chip.de



    Ein Prinzip in Homöopathie und Isotherapie lautet:



    "Krankheit ist nach den Vorstellungen der Homöopathen auf eine Störung oder Minderung der sogenannten Lebenskraft zurückzuführen. Um eine Krankheit tatsächlich zu heilen, muss ihre Ursache und nicht nur das Symptom behandelt werden. Mit Hilfe der Homöopathie sollen die Selbstheilungskräfte des Körpers angeregt und die Lebenskraft gestärkt werden."



    srf.ch



    Homöopathische Dosen werden wohl kaum reichen.

  • " Schon die bloße Anwesenheit eines Smartphones im Raum trägt dazu bei, den Cortisolspiegel zu erhöhen."



    Kleine Info: "Ein erhöhter Cortisolspiegel über einen längeren Zeitraum kann physische, mentale oder emotionale Auswirkungen haben. In der Folge kann es zu einer verringerten Immunfunktion, Bluthochdruck, Schlaflosigkeit, Adipositas oder Herzerkrankungen kommen. " (Besser gesund leben)