Selfies mit Prominenten: Mein alter Kumpel Orhan Pamuk
Wenn du einem Star begegnest, kannst du mit einem simplen Trick bei deiner Frau Eindruck schinden. Mit einem Literaturnobelpreisträger klappt das nicht.
Foto: Matthias Balk/dpa
M eine Frau Eminanim wollte dieses Jahr unbedingt mit zur Frankfurter Buchmesse. Aber nicht wegen der Bücher, sondern wegen eines Selfies mit irgendeiner Berühmtheit für ihre Facebook-Seite. Am letzten Abend sitzen wir im Restaurant, sie hat immer noch kein Foto und ist völlig enttäuscht.
„Eminanim, eine berühmtere Berühmtheit als mich findest du nicht mehr. Ich erlaube dir also, ein Selfie mit mir zu machen“, sage ich großzügig.
„Warum sollte ich? Außer mir kennt dich doch kein Mensch“, zischt sie.
„Das stimmt nicht. Meine Schwiegermutter kennt mich. Mein Meister aus Halle 4 kennt mich, unser Hausmeister …“
Da reißt sie die Augen auf und stammelt:
„Osman, ist das da drüben nicht der weltberühmte Autor Orhan Pamuk?“
„So weltberühmt kann er ja nicht sein, wenn er im selben Restaurant isst wie wir“, knurre ich.
„Ich sitze mit dem Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk im selben Restaurant! Wahnsinn!“, kreischt sie.
Da erinnere ich mich an einen genialen Trick, den mir mein alter Kumpel Nedim mal verraten hatte:
„Deutschland ist ja voller Stars und Sternchen, Osman“, hatte er gesagt. „Leute, die singen, blödeln und vor laufender Kamera Ungeziefer essen. Und wenn du irgendwo so einem peinlichen Möchtegern-Promi begegnest, kannst du mit einem simplen Trick bei deiner Frau mächtig Eindruck schinden“, erklärte er.
„Ich pudere schnell meine Nase. Ohne ein Dutzend Selfies kommt mir Orhan Pamuk hier nicht weg“, verkündet Eminanim begeistert und springt auf.
„Wenn ich ihn darum bitte, macht er das gern. Wir waren schließlich in derselben Schulklasse“, sage ich betont lässig.
„Wie bitte? Du warst mit Orhan Pamuk in einer Klasse? Mit dem Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk? Spinn nicht rum“, sagt sie, zeigt mir einen Vogel und verschwindet Richtung Toilette.
Ehe retten mit einer kleinen Gefälligkeit
Ich nutze die Gelegenheit, eile zu Orhan Pamuk und bitte ihn, an unseren Tisch zu kommen und so zu tun, als wären wir alte Freunde. Als er mich daraufhin sehr skeptisch mustert, erzähle ich ihm mit tieftrauriger Stimme, meine Ehe hänge an einem seidenen Faden und nur er könne sie mit einer kleinen Gefälligkeit retten.
Noch bevor Eminanim mit frisch gepuderter Nase zurückkommt, flitze ich an unseren Tisch.
Kurz darauf steht Orhan Pamuk tatsächlich auf und kommt herüber.
„Osman, alter Kumpel! Lange nicht gesehen. Du auch hier?“, ruft er herzlich und umarmt mich.
Ich setze mein bestes beleidigtes Gesicht auf: „Ach, Orhan, hör doch auf! Seit zwei Stunden sitze ich hier, und du hast mich die ganze Zeit ignoriert, nur weil sie dir diesen komischen Nobelpreis gegeben haben. Lass mich bloß in Ruhe.“
Er schaut mich entsetzt an und kehrt zurück zu seinem Tisch.
Eminanim stürmt mit hochrotem Kopf und Tränen in den Augen aus dem Restaurant.
Sofort rufe ich meinen Kumpel Nedim an und beschwere mich über seine blöde Idee.
„Osman, du Idiot!“, schimpft er. „Diesen Trick macht man doch nicht mit einem Literaturnobelpreisträger! Sondern mit einem würmerfressenden Analphabeten aus dem Dschungelcamp.“
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