Séance-Performance in Hamburg: „Die Geister, die wir rufen, kontrollieren wir auch“
Geister beschwören gegen die Monster der Gegenwart? Das versuchen Ruby Behrmann und Barbara Schmidt-Rohr mit einer Séance im Hamburger Heine-Haus.
taz: Ruby Behrmann, Barbara Schmidt-Rohr, wann ist Ihnen zuletzt ein Geist erschienen?
Barbara Schmidt-Rohr: Mir vor sechs Jahren. Ich hatte in meinem Leben zwei Geistererscheinungen, beide Male Menschen, die nicht lange davor verstorben sind. Solche Geschichten kenne ich von relativ vielen Leuten.
taz: Muss ich als Zuschauer an Geister glauben?
Ruby Behrmann: Das ist keine Voraussetzung. Wir versuchen das Publikum vorzubereiten: Es gibt unterschiedliche Stationen, bis man dann in den Séance-Raum darf. Und im besten Fall lässt das Publikum sich dann ein auf Irrationalität.
ist freie Regisseurin in Hamburg sowie Teil der Performance- und Filmkollektive BKM Performance (Dortmund) und Studio Studio (Frankfurt/Main). Sie interessiert sich besonders für ortsbezogene, partizipative Formate.
taz: Welche Rolle spielt der besondere Ort, das ehemalige Gartenhaus der Bankiersfamilie Heine?
Behrmann: Wir hatten Lust auf eine bestimmte Art von Aufführungsort, einen Salon aus dem 19. oder frühen 20. Jahrhundert. Wir sind beim Heine-Haus gelandet und ich habe mit Beate Borowka-Clausberg gesprochen, die das Haus betreut, das zum Altonaer Museum gehört. Sie sagte: Das gibt es ja nicht – ihr Mann, Professor für Kunstgeschichte, beschäftigt sich mit dem Thema Geister. Sie hat auch gleich noch erzählt, dass Kaiserin Elisabeth – „Sissi“ – an Séancen teilgenommen hat; ihr sei sogar Heines Geist erschienen. Es gab also Berührungspunkte, fast ein bisschen spooky.
Schmidt-Rohr: Eine interessante Geschichte haben wir relativ spät erfahren: Sofort nachdem er gestorben war, wurde Heine in der internationalen Séance-Szene als zukünftiger Wiedergänger und Geist gehandelt. Und er erschien dann auch in allen möglichen bürgerlichen Séancen, die seinerzeit sehr populär waren.
Behrmann: Er selbst hätte das wohl für absoluten Spuk gehalten.
Schmidt-Rohr: Er war ja eine sehr umstrittene Figur, auch damals schon. Seine romantischen Gedichte haben sie geliebt, aber ihn als politischen Kritiker abgelehnt. Er war der Teufel!
taz: In den Augen von Konservativen und Nationalisten.
Schmidt-Rohr: Und der Teufel kann natürlich sehr gerne bei einer Séance erscheinen. Also, wir haben recherchiert und waren erstaunt darüber, wie gut das Haus passt. Wir haben eigentlich mit einem feministischen Thema angefangen, weil wir auf die „Fox sisters“ gestoßen waren: drei US-amerikanische Schwestern, die Mitbegründerinnen der öffentlichen Séancen …
taz: … manchen zufolge die Erfinderinnen gleich des ganzen Spiritismus, Mitte des 19. Jahrhunderts.
Performance „Haunted“: Fr. 19. 6., 19 + 21 Uhr; Sa. 20. 6., 19 + 21 Uhr, So. 21. 6., 18 Uhr; Hamburg, Heine-Haus, Elbchaussee 31. Tickets unter www.lichthof-theater.de
Schmidt-Rohr: Séancen waren in den USA nicht unbedingt eine bürgerliche Angelegenheit. Erst als das Phänomen nach Europa geschwappt ist, wurde es zu einem Unterhaltungsding in den Salons. Aber es entstammt einem Volksglauben. Das waren Versammlungen, nicht nur ein kleiner Zirkel um einen Tisch herum. Frauen haben da öffentlich gesprochen und teilweise sehr interessante Dinge erzählen dürfen, progressive Positionen vertreten – die Geister gingen dann durch sie hindurch.
taz: Ist „Haunted“ nun der Versuch, eine richtige Séance durchzuführen – mit den Mitteln des Theaters? Oder eine Art Beforschung?
Behrmann: Wir gehen da schon richtig rein. Das Publikum wird in eine Séance hineingezogen. Wobei es nicht darum geht, eigene Verstorbene zu rufen. Das könnten wir, glaube ich, emotional nicht auffangen.
Schmidt-Rohr: Ich habe einem Freund davon erzählt, der hat gesagt: Da komme ich – und rufe Jimi Hendrix. Den wollte ich immer schon mal fragen, was er damals für ein Riff gespielt hat. Da haben wir gesagt: nein!
Behrmann: Wir betrachten das Ganze schon auch aus einer politischen Perspektive. Uns geht es darum, Geister zu rufen, um dem Verrückten auf dieser Welt zu begegnen, dem Monströsen. Im besten Fall geht man raus mit einem Gefühl von: Da sind Geister, die für mich herumwüten!
Schmidt-Rohr: Wir wollen eine Séance inszenieren. Das Publikum ist Teil dieser Inszenierung. Wir rufen aber nicht irgendwelche Geister. Die Geister, die wir rufen, kontrollieren wir auch.
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