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Schwarze Autorin über die Nachkriegszeit„Ich wurde regelmäßig auf der Straße beschimpft“

Marion Kraft wuchs als Schwarzes Kind im rassistischen Nachkriegsdeutschland auf. Jetzt liegt ihr biografisch inspiriertes Romandebüt vor.

Interview von

Petra Schellen

taz: Frau Kraft, wie haben Sie als Schwarzes Kind die deutsche Nachkriegszeit erlebt?

Marion Kraft: Diese Zeit war noch stark von rassistischer NS-Ideologie geprägt. Es gab sogar seitens der Bundesregierung Überlegungen, die Kinder Schwarzer US-amerikanischer GIs und weißer deutscher Frauen in die USA zu schicken. Es gab auch Programme, mit denen Mütter überredet wurden, diese Kinder in Heime zu bringen oder zur Adoption freizugeben.

taz: Aber Sie blieben bei Ihrer Mutter.

Kraft: Ja, aber ich bin recht isoliert aufgewachsen, fast ohne nähere Kontakte zu Gleichaltrigen. Ich wurde regelmäßig auf der Straße beschimpft und von Lehrern diskriminiert. Ich bin allerdings sehr liebevoll bis zu ihrem Tod bei meiner Mutter, danach bei meiner Großmutter aufgewachsen, die das Schlimmste von mir fernhielt. Im Nachhinein wundere ich mich, wie relativ gut ich diese Zeit der Anfeindungen überstanden habe.

Im Interview: 

Marion Kraft, Jg. 1946, feministische afrodeutsche Autorin, Herausgeberin und Übersetzerin, wuchs in Gelsenkirchen und Mannheim auf. Von 1982 bis zur Pensionierung lehrte sie Literatur, Englisch und Frauenstudien an der Universität Bielefeld. 2015 gab sie den Band „Kinder der Befreiung. Transatlantische Erfahrungen und Perspektiven Schwarzer Deutscher der Nachkriegsgeneration“ heraus.

taz: Wie haben Sie das geschafft?

Kraft: Ich war schon früh ein rebellisches Kind und konnte mich auch körperlich gut wehren. Andererseits habe ich mich in Fantasien, in Geschichten und Bücher gerettet.

taz: Haben Sie Ihren Vater kennengelernt?

Kraft: Ich kannte ihn nur kurz, dann wurde er in den Krieg nach Korea versetzt und meine Mutter verlor den Kontakt zu ihm. Ich habe auch später nicht nach ihm gesucht, weil es angesichts der wenigen Informationen, die ich hatte, aussichtslos schien.

Die Lesung

Hamburger Lesefrühstück mit Marion Kraft aus „Weltenwechsel“ (Orlanda Verlag 2026, 416 S., 26 Euro, E-Book 20,99 Euro): 23.5., Hotel Wedina, Gurlittstr. 23. Frühstücksbuffet ab 11 Uhr, Lesung ab 12 Uhr. Eintritt incl. Buffet 25 Euro. Anmeldung erbeten: lesung@lit-hamburg.de

taz: Wie begann Ihre Spurensuche nach der afrikanischen Herkunft?

Kraft: Als junge Erwachsene habe ich mich zunächst langsam an meine afroamerikanischen Wurzeln herangearbeitet. Dazu musste ich mir erst mal die Geschichte von Kolonialismus und Versklavung, die nicht in der Schule gelehrt wurde, aneignen. Das interessierte mich aber eher aus gesellschaftspolitischen Gründen. Im Übrigen hätte ich meine Wurzeln wohl so wenig gefunden wie die meisten afroamerikanischen Menschen. Denn die Namen ihrer versklavten Vorfahren waren nicht dokumentiert.

taz: Sie sind auch in der Frauenbewegung aktiv. Wie gut fühlen Sie sich integriert?

Kraft: Als ich mich mit der Geschichte afroamerikanischer Frauen befasste – als Studentin verkehrte ich hier und in den USA in feministischen Kreisen –, merkte ich, dass Rassismus in der Frauenbewegung kein Thema war. Deshalb habe ich versucht, Schwarze feministische Autorinnen wie Audre Lorde in die Bewegung hineinzutragen. Vielleicht hat das den Blick weißer Frauen ein bisschen geweitet.

All diese Praktiken der Unterdrückung von Frauen sind letztlich die Folge des weltweit herrschenden Patriarchats

taz: Wobei Frauen weltweit unterschiedliche Probleme haben.

Kraft: Ja, aber all diese Praktiken der Unterdrückung sind letztlich die Folge des weltweit herrschenden Patriarchats. Das wiederum begründet die Herrschaft der Profitökonomie, in der wir alle leben.

taz: All dies haben Sie in vielen Publikationen behandelt. Warum jetzt noch ein Roman über ein Schwarzes Mädchen im Nachkriegsdeutschland?

Kraft: Diese Geschichte, die autobiografische Züge trägt, wollte ich schon lange erzählen. Und anders als es in meiner politischen Publikation „Kinder der Befreiung“ möglich war, wollte ich jetzt Menschen aus Fleisch und Blut zeigen, die am Rande der Gesellschaft stehen und sich dennoch behaupten – wie die Protagonistin und ihre Familie. Wobei ich mein Buch nicht nur als antirassistisch, sondern auch als Antikriegsroman verstehe. Er beginnt mit dem Ende es Faschismus und des Zweiten Weltkriegs. Der Vater der Protagonistin stirbt im Koreakrieg, und ein Freund desertiert, damit er nicht in den Vietnamkrieg muss. Angesichts der aktuellen Wehrtüchtigkeitsdebatte sind das hochaktuelle Themen.

Hinweis: In der erstesn Version haatten wir den Buchtitel versehentlich falsch angegeben. Wir haben es korrigiert.

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4 Kommentare

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  • Das ist alles immer noch präsent. Eine wirkliche Veränderung hat es nur in Teilen der Gesellschaft gegeben und solange "kleine Paschas" und das "Stadtbild" bemüht werden, ist Rassismus hoffähig...

  • Die deutsche Gesellschaft war vor und nach 1945 inhaltlich verrottet.



    Arrogant, versteckt brutal und abhängig von Ausbeutung der von ihr verachteten.

    • @aujau:

      Meine Buchempfehlung zu diesem Thema: "Unter Mördern und Irren" (aus dem Band "Das dreißigste Jahr" von Ingeborg Bachmann.



      Die Geschichte kritisiert die Verdrängung der Vergangenheit und die ungebrochene Macht faschistischer Ideologien in der Nachkriegsgesellschaft.

  • Ich bin 1949 geboren. Die Mutter meines damaligen besten Freundes hatte sich nach Ende des Zweiten Weltkrieges trotz Fraternisierungsverbot in einen amerikanische Soldaten verliebt und wurde als "Ami-Flittchen" beschimpft.



    Wohlgemerkt: Der Mann war "weiß". Sie können sich also vorstellen, wie die Frauen genannt wurden, die sich in einen "schwarzen" Soldaten verliebt hatten.