Schulstart in Hamburg: Gymnasien als Sparschweine der Stadt
Zu Beginn des Schuljahrs wird klar: Hamburgs Schulbegleitung wurde um 700 Fälle reduziert. Auch die Lehrerversorgung an Gymnasien wird gekürzt.
Foto: Christian Charisius/dpa
Es gibt wieder einen Rekord an Schülerzahlen in Hamburg. Mit solchen Superlativen lud Hamburgs Schulsenatorin Ksenija Bekeris (SPD) zwei Tage vor Schulbeginn die Presse ins Rathaus. Doch es brodelt an den Schulen, weil der rot-grüne Senat für den nächsten Haushalt an vielen Stellen die Spar-Axt anlegt. Der Ärger um die restriktive Bewilligung der Schulbegleitung ist noch nicht verraucht, nun werden Kürzungen der Lehrerstunden pro Schüler an Gymnasien bekannt.
Vor den Ferien waren viele Eltern behinderter Kinder verzweifelt, weil plötzlich weniger Schulbegleiter bewilligt wurden. Bekeris’ Behörde hatte die Bremse gezogen, weil es von den Schulen in diesem Jahr deutlich mehr Anfragen gegeben habe. Die Senatorin bestritt stets, dass gekürzt wird, nannte aber keine konkreten Zahlen. Nur das Hamburger Abendblatt zitierte Bekeris mit der Aussage, es habe diesmal rund 5.200 Anfragen gegeben.
Jetzt nannte sie eine Zahl. Sie rechne im neuen Schuljahr mit rund 4.500 Bewilligungen von Schulbegleitung. Das sind rund 700 weniger, als ursprünglich angefragt wurden.
Laut Bekeris kamen während der Sommerferien 540 Fälle in einen „Überprüfungsprozess“. Nur bei 20 Fällen blieb es bei der bisherigen Entscheidung, 68 Anträge seien ganz neu gewesen und bei 256 Fällen sei eine Bewilligung im Sinne der Eltern erfolgt. Elternvertreter äußerten die Vermutung, dass die Kürzung der Schulbegleitung nur da rückgängig gemacht wurde, wo Eltern sich beschwert hatten. Doch 196 Fälle waren an diesem Montag noch nicht entschieden. Nachteile ergäben sich daraus nicht, beteuerte Bekeris. „Diese Kinder gehen zur Schule, ob mit oder ohne Schulbegleiter.“
Mehr Schüler in einer Klasse am Gymnasium
Die Schulen hätten für die Inklusion eigene Ressourcen, hier stehe Hamburg gut da. Der Anstieg des Bedarfs an Schulbegleitung sei auch eine Nachwirkung von Corona und erlebe gerade einen Peak, für den auch in 2027 der Etat auf 44 Millionen Euro erhöht werde, so Bekeris. Nach künftigen Haushaltsplanungen gefragt, sagte sie, die Behörde gehe davon aus, dass nach ihren Kriterien nur 3.300 bis 3.400 Kinder eine Schulbegleitung brauchen. Sprich: Der Streit wird weitergehen.
Noch gar nicht bekannt in der Stadt ist, was anderen Schulbereichen blüht. So kündigte die Schulaufsicht drastische Einschnitte an Gymnasien an. Die Gymnasien würden gar zum „Sparschwein“ der aktuellen Haushaltsplanung und damit die Möglichkeit verlieren, ihrem Leitbild gerecht zu werden, kritisieren Christian Gefert und Arne Wolter von der Vereinigung der Leitungen Hamburger Gymnasien und Studienseminare (VLHGS).
So wird die Lehrer-Schüler-Relation an den Gymnasien verschlechtert. Dafür wird die sogenannte „Basisfrequenz“ für die Jahrgänge sieben bis zehn von 24 auf 25 erhöht. Das bedeutet, dass es 25 Kinder bedarf, damit eine Klasse Grundunterricht erhält. Auch wenn es mit einem Schüler Unterschied nicht nach viel klingt, ist dies de facto eine Kürzung um gut vier Prozent.
Die Anhebung dieser Basisfrequenz wurde erst 2020 im Hamburger „Schulfrieden“ von SPD, Grünen, CDU und FDP beschlossen. Ziel war, dass auch Hamburgs Gymnasien Kinder besser fördern können, etwa durch Teilungsstunden. Das wird nun einkassiert. Etwas irreführend ist, dass der Senat darauf insistiert, die bisherigen „Klassenhöchstgrenzen“ von 28 Schüler blieben ja bestehen. Denn das ist nur eine organisatorische Größe, die auch überschritten werden darf und wenig aussagt.
Kritik von der Opposition
Noch deutlicher erhöht wird die Basisfrequenz für die Oberstufenkurse, und zwar sowohl an Hamburgs Stadtteilschulen als auch an den Gymnasien. Hier soll die Basisfrequenz künftig 24 statt bisher 22 Schüler betragen. Da ist eine Ressourcenkürzung von neun Prozent.
Dies wird laut Gefert und Wolter dazu führen, dass die Schüler nur noch in großen Kursen lernen und das Angebot verringert wird. Die ginge vor allem zu Lasten der Kurse in den Naturwissenschaften wie Physik und Chemie, die bisher auch eingerichtet werden, wenn sich wenige Schüler finden. „Es ist zu erwarten, dass an den Gymnasien die Vielfalt der Angebote in den Naturwissenschaften einbricht“, warnen die beiden Schulleiter. Dies sei ein „veritables Risiko“ für den Wissenschaftsstandort Hamburg.
Doch auch die Kürzung in den Klassen sieben bis zehn werde spürbar sein, etwa durch Wegfall von Lernförderkursen. Bei kleineren Gymnasien sei zudem mit einer Zusammenlegung von Klassen zu Größen mit weit über 28 Schülern zu rechnen. Zusätzlich erschwert werde die Lage durch eine Absenkung der Vertretungsreserve um 25 Prozent.
Die CDU-Schulpolitikerin Birgit Stöver sagte, größere Klassen seien in der heutigen Zeit „der vollkommen falsche Weg“. Es sei der Intervention der CDU zu verdanken, dass nicht auch noch die gesetzlichen Klassenhöchstgrenzen angehoben wurden, doch hier passiere eine „Sparmaßnahme durch die Hintertür“.
Ksenija Bekeris sagte, auf die Basisfrequenzen angesprochen, sie seien eine Herausforderung, „aber wir glauben, dass das die Gymnasien schaffen“.
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