Scam-Fabriken in Südostasien: Pekings Kampf gegen die Drahtzieher
Mit drohenden Todesurteilen geht China gegen die Clans der Betrugsfabriken vor. Doch der Kampf gegen das Netzwerk ist auch Teil eines Machtkampfs.
Foto: Yin Gang/XINHUA/epa
Wei Huairen ist Oberhaupt eines mächtigen Clans aus Myanmars autonomer Region Kokang. Das einstige Opiumgebiet liegt im nordöstlichen Shan-Staat an der Grenze zu China und verdankt seinen Namen der chinesischstämmigen Ethnie der Kokang. Der Wei-Clan soll dort seinen Einfluss zum Aufbau eines Betrugsnetzwerks genutzt haben. Mit Erpressung, dem Kassieren von Schutzgeldern, Online- und Telefonbetrug, Menschenhandel bis hin zu Mord sollen die Weis umgerechnet 3,5 Milliarden Dollar eingenommen haben, behauptete Chinas Zentralfernsehen CCTV im Mai. Anlass war der Prozess gegen den Wei-Clan in der chinesischen Provinz Fujian.
Wei Huairen war offiziell Kommandeur einer myanmarischen Militäreinheit, mit der er sogenannte Betrugsfabriken im Grenzgebiet schützte, berichtete Hongkongs South China Morning Post unter Berufung auf CCTV. Wann das Urteil gegen die Weis verkündet wird, ist noch unklar. Als wahrscheinlich gelten Todesstrafen. So zumindest war es im Fall des Ming-Clans, der auch in Kokang im Onlinebetrug aktiv war. Im Januar exekutierte China elf Mitglieder des Clans.
Ursprünglich war die Küstenstadt Sihanoukville in Kambodscha das globale Zentrum des Cyberbetrugs. Dann verteilten sich die Betrugsfabriken nicht nur auf andere Orte des Königreichs, sondern breiteten sich auch in Myanmar und Laos aus. Für das Jahr 2024 schätzte das United States Institute of Peace den Umfang der Betrugsgeschäfte in den drei Ländern auf 43,8 Milliarden Dollar und damit 40 Prozent ihres kombinierten Bruttosozialprodukts. Hinzu kamen Vietnam und die Philippinen, zuletzt auch Sri Lanka und Indonesien. Die Betrugszentren florieren, wo Behörden schwach sind, sei es wegen eines politischen Machtvakuums oder weil lokale Machthaber und ihr Umfeld am Betrug partizipieren, wie mutmaßlich in Kambodscha und Myanmar.
2023 verlor Chinas Regierung die Geduld mit Myanmars Militärjunta. Die Generäle hatten sich 2021 an die Macht geputscht und übten diese auch durch Kooperation mit kriminellen Milizen aus. Weil viele Opfer wie Täter in den Scam-Fabriken Chinesen sind und die Junta nicht wie gewünscht reagierte, gab Peking 2023 der aus drei Milizen gebildeten „Drei-Brüder-Allianz“ grünes Licht für eine Offensive.
Innerhalb kurzer Zeit eroberten die Rebellen große Gebiete in Kokang und anderen Regionen, befreiten in den Scam-Fabriken eingesperrtes Personal und lieferten mutmaßliche Verantwortliche an China aus. Doch bald drängte Peking, das keinen Machtwechsel in Myanmar will, die Rebellen zur Rückgabe eroberter Gebiete.
Auch an Myanmars Südostgrenze zu Thailand entstand um die Stadt Myawaddy ein Zentrum des Onlinebetrugs. Thailand sperrte bald grenzüberschreitende Internetdienste und drängte die Junta, gegen die Betrugszentren vorzugehen. Diese inszenierte einige Razzien, bei denen aber mutmaßliche Drahtzieher unbehelligt blieben. Symbolisch wurden in den Betrugsfabriken auch einige Satellitenempfänger von Elon Musks Starlink beschlagnahmt. Kürzlich schlug die Militärregierung sogar selbst die Einführung der Todesstrafe für Verantwortliche der Betrugsfabriken vor.
Geopolitische Rivalität verhindert gemeinsames Handeln
Auch die USA gehen inzwischen verstärkt gegen Onlinebetrug vor, weil auch ihre Bürger betroffen sind. Washington und Peking könnten es sich nicht leisten, als untätig wahrgenommen zu werden, doch dominiere ihre geostrategische Rivalität, schreibt der US-Handelsanalyst Peter Olson. Deshalb kooperierten sie kaum miteinander. Schließlich betrifft die Bekämpfung der Scamfabriken sehr sensible und hoheitliche Bereiche: Datenschutz und -zugänge, Überwachung und grenzüberschreitende Polizeiarbeit, IT-Standards und IT-Entwicklungen bis hin zu KI.
Die USA drängen auf internationale Regelungen und verhängen Sanktionen gegen Verdächtige. China, das die Cyberkriminalität auch als potenzielle Gefahr für die eigene soziale und politische Stabilität sieht, konzentriert sich stärker auf seine eigenen Staatsbürger und möchte zugleich den Einfluss der USA in der Region begrenzen. Die Nachbarstaaten drängt Peking zur Installation chinesischer Überwachungssoftware wie auch zur Auslieferung mutmaßlicher Drahtzieher in die Volksrepublik.
So im Fall Chen Zhi: Der gebürtige Chinese präsentierte sich in Kambodscha mit seiner Prince-Gruppe, die in 30 Staaten aktiv gewesen sein soll, als einfluss- wie erfolgreicher Immobilienentwickler und Philanthrop. Er erwarb die Staatsbürgerschaft Kambodschas und anderer Staaten und wurde sogar Berater des langjährigen Ministerpräsidenten Hun Sen. Chen galt als unantastbar, obwohl China schon seit 2020 gegen ihn ermittelte. Die USA sanktionierten ihn als mutmaßlichen Drahtzieher eines Cyberbetrugsnetzwerks und beschlagnahmten im Oktober 2025 von Chen 14 Milliarden Dollar in Kryptowährung. Im Januar 2026 wurde er in Kambodscha festgenommen – und nach China ausgeliefert. Auch er muss mit der Todesstrafe rechnen.
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