Sascha Lobo über den Paragrafen 219a

„Ich glaube an My body, my choice“

Der Autor und Blogger Sascha Lobo engagiert sich im Kampf gegen den Paragrafen 219a. Ein Gespräch über feministische Kämpfe und männliche Solidarität.

Der Bildausschnitt zeigt die rot gefärbten Haare von Sascha Lobo.

„Niemand hat das Recht, Frauen Vorschriften über ihre eigenen Körper zu machen“ sagt Sascha Lobo Foto: Werner Amann/laif

taz: Herr Lobo, Sie haben die Website des neuen Vereins „Pro Choice“ gebaut, der sich für die Abschaffung des Paragrafen 219a starkmacht. Warum?

Sascha Lobo: Ich möchte keine Gelegenheit auslassen, das Patriarchat zu bekämpfen. Die Geschlechterfrage gehört zu den drängendsten und auch komplexesten Themen unserer Zeit. Was sich hinter scheinbaren Detailfragen wie diesem Paragrafen verbirgt, ist ein großer, umfassender Kampf von Feministinnen.

Sind Sie Feminist?

Ja, und zwar intersektional, sexpositiv, sexarbeits- und transinklusiv, wenn ich auch – etwa in diesem Interview – nicht immer alle sprachlichen Inklusionen abbilde. Feminismus heißt für mich, eine radikale Form von Gleichberechtigung für alle Geschlechter und Sexualitäten zu schaffen. Und sich andererseits bewusst zu machen, wie wirkmächtig und gewalttätig das Patriarchat in der Gesellschaft wütet.

Sie beschäftigen sich vor allem mit Digitalisierung und dem Internet. Wie kamen Sie auf den Paragrafen?

Ich habe das Privileg, mit Privilegien überhäuft zu sein. Als wirtschaftlich unabhängiger, mittelalter, weißer, weitgehend heterosexueller Cis-Mann mit großer medialer Reichweite kann ich mir aussuchen, wofür ich kämpfe. Ich habe keinen eigenen Kampf, denn die heutige Gesellschaft ist bereits um meine Bedürfnisse herum gebaut. Das kann man zum Beispiel an meiner Frisur erkennen. Sie ist einigermaßen lächerlich – und trotzdem werde ich überall gebeten zu sagen, was ich denke. Eine schwarze Frau mit einer solchen Frisur würde in der deutschen Öffentlichkeit wahrscheinlich viel weniger ernst genommen werden. In meiner Freiheit, auszuwählen, was ich gesellschaftlich verändern will, liegt aber auch eine Verantwortung. Und die Bewegung gegen den 219a braucht Geld. Also habe ich gefragt, ob ich helfen kann.

Wen haben Sie gefragt?

Im Sommer gab es einen Spendenaufruf von Aktivistinnen, die sich in der Solidaritätsbewegung für die Ärztin Kristina Hänel engagieren. Durch die Anzeigenserie gegen Ärzte und Ärztinnen und die bizarre Reform des Paragrafen, für die die SPD auch noch Applaus haben wollte, haben die Betroffenen jede Menge Kosten. Ich dachte, ich kann mehr bewirken, wenn ich nicht nur einmalig spende, sondern helfe, die nächste Ebene zu erreichen. Ich kenne mich ein wenig mit Fundraising und Crowdfunding im Netz aus. Beides findet in der Bewegung bisher nur in Ansätzen statt – obwohl gleichzeitig die Gegenseite aufrüstet. Also zum Beispiel antifeministische Männer, oft aus der radikalen Rechten, die Ärztinnen für komplett harmlose Sätze auf ihrer Webseite anzeigen.

Was haben Sie konkret gemacht?

Ich habe Kontakt aufgenommen und angeboten, eine Infrastruktur einzurichten, mit der es einfacher möglich ist, Spenden zu sammeln. Dann habe ich die Domain Pro-Choice.de gekauft und eine Seite für den Verein gebaut, den die Aktivistinnen gründen wollten.

Wie stehen Sie zu Schwangerschaftsabbrüchen?

Ich glaube an das Prinzip „My body, my choice“. In jeder Dimension. Schwangerschaftsabbrüche sollten ganz grundsätzlich nicht strafbewehrt sein.

Paragraf 218 des Strafgesetzbuchs besagt: „Wer eine Schwangerschaft abbricht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“ Ausnahmen sind in Paragraf 218a geregelt.

Paragraf 219a verbietet es Ärzt*innen, „Werbung“ für den Abbruch einer Schwangerschaft zu machen. Dazu gehört auch sachliche Information über die Methoden, mit denen der Abbruch vorgenommen wird.

Gar nicht?

Man sollte ethisch, moralisch und juristisch diskutieren, ab welchem Zeitpunkt genau sie nicht mehr sinnvoll sind. Aber allein, dass sie verboten sind, dass es sich bei Abbrüchen um eine Straftat gegen das Leben handelt und sie im Strafgesetzbuch neben Mord und Totschlag stehen, halte ich für einen absurden Atavismus einer patriarchalen und rassistischen Gesellschaft. Niemand hat das Recht, Frauen Vorschriften über ihre eigenen Körper zu machen.

Auf Ihrer Website, auf der Sie auch Ihre politischen Positionen beschreiben, findet sich kein Hinweis auf die Relevanz von reproduktiven Rechten. Warum haben Sie das bisher nicht öffentlich gemacht?

Ich benenne auf meiner Seite unter anderem mein Eintreten gegen Misogynie, worunter ich die Paragrafen zum Schwangerschaftsabbruch subsumieren würde.

Müssten Sie nicht konkreter werden, um Themen wie die Paragrafen 218 oder 219a sichtbar zu machen?

„Pro Choice“ wurde Anfang Dezember 2019 gegründet und ist aus der Solidaritätsbewegung für die Ärztin Kristina Hänel hervor­gegangen. Diese wurde wegen Paragraf 219a verurteilt. Der Verein setzt sich für körperliche Selbstbestimmung und konkret für die Abschaffung des Paragrafen 219a ein. Er finanziert sich vor allem über Spenden. www.pro-choice.de

Reproduktive Rechte hervorzuheben oder nicht, war für mich bisher nicht der zentrale Aspekt. Das Thema ist öffentlich präsenter geworden, deshalb helfe ich mit. Auf die Gefahr hin, dass dann Leute denken, man würde zugunsten der eigenen Prominenz auf fahrende Züge aufspringen. Aber das ist mir völlig egal, allein schon, weil es eindeutig angenehmere Züge gäbe. Ich versuche, Feminismus in meine tägliche Arbeit mindestens einfließen zu lassen. Die Frage ist immer auch, wie lautstark ich mich als Mann äußern sollte, der in der Öffentlichkeit steht.

Wie meinen Sie das?

Wenn eine bestimmte Gruppe von Menschen öffentlich für etwas kämpft und dann ein weißer Mann kommt und sagt, übrigens mache ich das jetzt auch nochmal für euch mit, dann kriegt das schnell eine paternalistische Grundierung. Das möchte ich vermeiden. Ich will mich nicht in diesem Kampf in den Vordergrund drängen. Auch wenn dieser Eindruck zugegebenermaßen vielleicht ein winziges bisschen leidet, wenn wir ein Interview machen.

Warum geben Sie es dann?

Weil ich auch den anderen Teil der Debatte sehe: Die öffentliche Unterstützung in Sachen Abtreibungsrechte durch bekanntere Männer ist beschämend gering. Aber nur weil man ein Mann ist, darf man Frauen in solchen Kämpfen nicht allein lassen. Meine Perspektive ist in vielen Bereichen die eines Außenstehenden – aber eines Außenstehenden, der ein Interesse daran hat, sich und anderen bestimmte Strukturen und Mechanismen bewusst zu machen.

44, ist Buchautor, Blogger und Strategie­berater und beschäftigt sich vor allem mit Digi­talisierung und dem Internet.

Welche?

Das Verbot von Abtreibung zum Beispiel ist noch von einer uralten, rassistisch-patriarchalen Erzählung beeinflusst: Dein Körper gehört nicht dir, sondern uns, er dient der Reproduktion weißer Kinder, die Soldaten werden, wenn sie Männer sind, und Gebärmaschinen, wenn sie Frauen sind. Man kann die Geschlechterfrage insofern nicht vom weltweiten reaktionären Backlash trennen.

Die Manifeste von rechtsextremen Massenmördern sind meist rassistischer Antifeminismus mit faschistischem und antisemitischem Fundament. In den ersten drei Sätzen des Manifests des Christchurch-Attentäters geht es zum Beispiel nur um die Geburtenrate. Feministinnen weisen auf diese Verknüpfung schon lange hin – aber dass ich die Intensität dieser Verbindung selbst verstanden habe, ist noch nicht allzu lange her. Schwangerschaft und Reproduktion gehen Männer auch deshalb genauso an, weil der Kampf um das unangreifbare, unveräußerliche Recht auf den eigenen Körper ein Kampf aller Geschlechter werden sollte.

Warum engagieren sich so wenige Männer in feministischen Kämpfen?

Hier bin ich gezwungen zu vermuten: Erstens ist es manchmal wohl angenehm, Debatten von außen betrachten zu können. Dann kann man so tun, als hätte das nichts mit einem zu tun. Natürlich ist ein Mann zum Beispiel im Prozess einer Schwangerschaft eher nicht die Hauptfigur. Insofern ist es für viele Männer vermutlich naheliegend, zu sagen: Macht mal, ihr kriegt das schon hin.

Und zweitens?

Es gibt patriarchal vergiftete, vermeintliche Tabuthemen. Wenn man sich als Mann zum Feminismus äußert, passiert es leicht, dass man merkwürdig angeschaut wird. Davor haben offenbar viele Männer Angst. In feministischen Kontexten geschieht es außerdem manchmal, dass Männer sagen, super, ich bin auf eurer Seite, Ausrufezeichen! Dann wollen sie sich für ihren Großmut feiern lassen und erwarten Kopulationsangebote. Und stattdessen kriegen sie in die Fresse, etwa, weil sie Geschichte und Komplexität der Thematik offenkundig nicht berücksichtigt haben.

Mir ging es 2011 ähnlich, als ich eine 50-prozentige Frauenquote für Blogempfehlungen vorschlug und von einigen Personen angegangen wurde für meine Unterstützung der geschlechtlichen Binarität. Heute verstehe ich das, damals war ich beleidigt. Davon abgesehen gibt es in Zeiten von Social Media buchstäblich nichts, wofür man keinen Gegenwind bekommt. Wenn man sich davon gleich entmutigen lässt, ist man Opfer seines eigenen, veralteten Debattenverständnisses.

Andererseits gibt es genügend Männer, die Frauen Vorschriften machen wollen.

Wenn es um Vorschriften über den eigenen Körper von Frauen geht, sind diese Männer für mich mutlose Lappen. Ein lustiger Witz über Jens Spahn ist, dass er sich vorbildlich für Minderheiten engagiert – wenn er ihnen angehört.

Was ist daran witzig?

It’s funny because it’s true. Die Ehe für alle oder das Verbot von Konver­sionstherapien finde ich absolut richtig. Aber ich würde mir wünschen, dass Spahn mit ähnlichem Furor für ein Recht kämpft, das nicht unmittelbar seinen Körper betrifft. Es ist doch so: Vielleicht müssen Männer im feministischen Kampf die Fahne nicht brüllend ganz nach vorn tragen, sich auf die Bühne stellen und alle anderen Kämpfenden verdrängen. Aber Solidarität zu zeigen wäre das Mindeste. Ich kann nur daran appellieren, die eigene Verantwortung zu realisieren.

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