SciFi-Oper „Orlando“ von Olga Neuwirth: Nur der Boxsack ist analog
„Orlando“ zwischen Glitch und Videografie: An der Komischen Oper Berlin wird ein Werk von Olga Neuwirth mit hybridem technischem Klimbim inszeniert.
Genitalien-behangene Tanzende verschmelzen rhythmisch pulsierend auf der Bühne des Schillertheaters. Auf hybridem Klangteppich aus Synthesizer und barockem Choral erwacht der Titelheld aus dem Todesschlaf. Ein beherzter Blick unter den Rock, ein Stimmbruch anderer Art: Mezzosopran hellt auf, Orlando ist Frau geworden. Komponistin Olga Neuwirth setzt in ihrer Orlando einen schrill schillernden, bewusst irritierenden Ton: fluide Identität. Tonalität changiert, Epochen kollidieren, Kategorien lösen sich auf.
Am vergangenen Samstag feierte die für die Komische Oper Berlin von der Regisseurin Ewelina Marciniak inszenierte Produktion ihre deutsche Premiere. Sich selbst mit einer guten Prise Extravaganz als „queere Sci-Fi hybrid Grand opéra“ bezeichnend, ist das Groteske hier Programm.
Psychedelischer Märchenschlaf, viktorianisches Cross-Dressing, liebesglühende Weltkriegs-Videografie – und all das in einem einzigen Bühnenwerk? Wer erstem Irritationsimpuls widersteht, wird in der Neuinszenierung von Orlando mit einer ästhetisch wie intellektuell komplexen Hommage an Virginia Woolf belohnt.
Sinnesrausch mit WiFi
Als Olga Neuwirths 2019 an der Wiener Staatsoper uraufgeführte Oper Orlando für Berlin angekündigt wurde, langen die Erwartungen hoch. Vor ausverkauftem Haus zeigte die Komische Oper, die seit 2023 wegen Sanierung interimsweise im Schillertheater Berlin spielt, einen knapp dreistündigen Sinnesrausch.
Und es wirkt, als sei das auf dem gleichnamigen Roman von Virginia Woolf basierende Stück eigens für diese Bühne geschaffen: Treppenartig wachsende, saftgrüne Wiese. Beweglicher „Room of One’s Own“, der das Spielareal durchmisst. Historische Video- sowie Backstage-Projektionen erzeugen Tiefenraum und führen durch die Zeitsprünge. So wird die äußerlich nüchterne Nachkriegsarchitektur im Inneren zur bild- und klangstarken Zeitmaschine – Raum der Verschmelzung von Woolfs und Orlandos Biografien.
Als wäre Woolfs Orlando nicht ohnehin von multiplen gesellschaftlichen Umbrüchen und Kriegen vom 16. Jahrhundert bis in ihre eigene Gegenwart 1928 durchzogen, führt Regisseurin Marciniak das Werk in der zweiten Hälfte konsequent weiter bis in die Gegenwart.
Purcell küsst Pink Floyd
So reisen Erzählerin (Alma Sadé) und Orlando (Ema Nikolovska) im ersten Teil der Oper durch vier Jahrhunderte – vom elisabethanischen Zeitalter bis ins England des 20. Jahrhunderts. Kompositorisch spiegelt sich ihre Zeitreise in einer experimentellen Mischung aus Elektronik, Orchester und Sprechtheater wider, durchzogen von barocken und Renaissancemotiven. Purcell küsst Pink Floyd.
Kulmination findet dieser androgyne Stimmteppich im Moment von Orlandos Geschlechtswechsel. Dabei „zerfällt“ die Figur in mehrere gleichzeitig agierende Spielende, vervielfachen sie das innere Erleben wie ein Echo aus Gefühlen und Erinnerungen. Zugleich verdichten sich biografische Spuren Virginia Woolfs selbst: ihre Erfahrung geschlechtlicher Unterdrückung, ihre künstlerische Existenz als Schriftstellerin und ihre unkonventionelle Liebe zu Frauen – im Zentrum die Beziehung zu Vita Sackville-West, die den biografischen Ursprung des Werks markiert.
Bleibt die erotische Spannung durchgehend spürbar, bewegt sie sich stets am Rand des Umschlags in Gewalt und Missbrauch – besonders im Gegeneinanderausspielen von Geschlecht und Klasse. Orlando ist als Mann wie als Frau sexueller Gefährdung ausgesetzt. So wird etwa der ausladende Reifrock von Elizabeth I. zum beklemmenden Vergewaltigungskäfig. Dagegen setzen sich im ersten Teil Momente der Emanzipation.
Mutanten im Anzug
Weibliche Wut findet im trommelnden Schlagen auf einen Boxsack ein physisches Ventil – als Geste des Widerstands. Im zweiten Teil kippt das Geschehen endgültig in eine dystopische Zukunft: Zwei Mobs aus grau beanzugten Faschisten und Mutanten aus Orlandos vielen vergangenen Leben prallen aufeinander. Einzig das Kind Orlandos bleibt als fragile Hoffnung bestehen, getragen von der emotionalen Tiefe eines herausragenden Kinderchors der Komische Oper Berlin (Leitung: Dagmar Fiebach).
Fluide Identität entfaltet sich in dieser Oper zeitlos entlang von Motiven wie Krieg, Gewalt, Hass und Desinformation ebenso wie Formen kreativen Widerstands. Nebeinbei begibt sich die komplexe Neuinszenierung – im Rückbezug auf die vielfältigen Aneignungen des „Orlando-Mythos“ – selbst auf Zeitreise, etwa als Gegenentwurf zur Händelschen Barockoper von 1733 und deren Vorlage, dem Orlando furioso (1516/1532).
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