Russischer Energie-Terror: Eiskalt den Tod mit einkalkuliert
Den strengen Winter in der Ukraine nutzt Russland für gezielte Angriffe auf die Energieinfrastruktur. In Kyjiw erfrieren Menschen in ihren Wohnungen.
An einem frostigen Januarabend kommt die 40-jährige Alla Kostenko von der Arbeit nach Hause. Eisregen hatte in Kyjiw Straßen und Bürgersteige in Rutschbahnen verwandelt. In ihrem Stadtteil gab es an diesem Abend keinen Strom. Die Häuser lagen im Dunkeln, auch Straßenbeleuchtung gab es nicht. Nur vom Schaufenster eines Lebensmittelgeschäftes kam ein Lichtschimmer, dort lief ein Generator.
Und genau in diesem Moment hört Alla in der Dunkelheit die Stimme einer jungen Frau: „Großmutter, haben Sie sich verlaufen?“ Eigentlich will Alla schnell nach Hause. Aber sie begreift, dass sie jetzt nicht einfach weitergehen kann. Also geht sie näher in die Richtung, aus der die Stimme kommt. Eine junge Frau mit Hund bemüht sich um eine alte Frau. Diese trägt keine Jacke, dafür Hausschuhe, und wirkt stark desorientiert.
Alla ruft die Polizei. Der Mann in der Funkleitstelle bittet sie, vor Ort zu bleiben, bis der Streifenwagen eintrifft. Währenddessen stellen Alla und das Mädchen der alten Dame einfache Fragen. Wie sie heiße, wo sie wohne, wohin sie unterwegs sei. Nur mühsam erinnerte sich die Frau an ihren Namen und ihr Geburtsjahr, aber schon ihre Adresse weiß sie nicht mehr. Als sie merkt, dass sie selbst auf die einfachsten Fragen keine Antwort mehr weiß, bekommt sie Angst.
Die Mädchen hat kein Telefon dabei, sie hatte nur kurz ihren Jack-Russel-Terrier Gassi führen wollen und ist selbst nicht warm genug angezogen. Trotzdem massiert sie nun der alten Dame Hände und Schultern gegen die Kälte. Dann kommt die Polizei und nimmt die alte Frau mit auf die Wache, um ihre Angehörigen ausfindig zu machen.
Mit dem Einmarsch im 24. Februar 2022 begann der groß angelegte russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Bereits im März 2014 erfolgte die Annexion der Krim, kurz darauf entbrannte der Konflikt in den ostukrainischen Gebieten.
Wie diese Geschichte ausging, weiß man nicht. Aber war die Frau unterkühlt? Und hat der Stress durch Krieg, Blackouts und Angst auf der dunklen Straße ihre Demenz unbemerkt verschlimmert? Sehr wahrscheinlich lautet die Antwort auf diese beiden Fragen: „Ja.“ Wie auch auf die Frage, ob Russland daran schuld sei. Wenn auch indirekt, aber eindeutig: „Ja.“
Eisiger Völkermord
Im Januar 2026 erreichte ein kräftiges sibirisches Hochdruckgebiet aus nordöstlicher Richtung die Ukraine. Trockene, arktische Luft und hoher Luftdruck blockierten die warmen, atlantischen Luftmassen. Die Temperatur fiel auf minus 20 Grad, an einigen Orten sogar auf minus 25 Grad. In einer anderen Realität hätte dies ein fast märchenhafter Winter sein können mit strahlendem Sonnenschein, knirschendem Schnee und einem Frost, der im Winter bis vor Kurzem in diesen Breiten normal war.
Aber fast vier Jahre des vollumfänglichen Krieges haben die Wahrnehmung von Kälte verändert. Russland hat den Frost zu einem Druckmittel gemacht. Wenn die Temperaturen niedrig sind, sind die Angriffe auf die Energieinfrastruktur besonders zerstörerisch. Infolgedessen sieht sich die Ukraine mit einer noch nie dagewesenen humanitären Krise konfrontiert. Mitten im Winter bleiben die Menschen ohne Strom, Heizung und Wasser. Besonders schlimm ist dies in den frontnahen Gebieten und der Hauptstadt Kyjiw.
Der Preis für Wärme
Trockene Nachrichtenberichte darüber, dass „Kyjiw in Dunkelheit versinkt“, können nicht wiedergeben, was in der Stadt wirklich passiert. Im Alltag wird es schnell ein Kampf um grundlegende Dinge wie Wärme, Wasser, Kommunikation und den gewohnten Alltag.
Mitte Januar starben drei Menschen an Kohlenmonoxidvergiftung, weil in ihrer Wohnung ein Generator lief. Vor dem Hintergrund der anhaltenden Stromabschaltungen und der Kälte suchen die Kyjiwer ständig nach Möglichkeiten sich aufzuwärmen und wenigstens ein Minimum an Strom zu bekommen. Unter diesen Bedingungen kann jeder Fehler, sei er aus Müdigkeit, Panik oder Unkenntnis heraus, das Leben kosten. Und leider sind solche Tragödien nicht nur einmal und nicht nur an einem Ort passiert.
Aber würde es geschehen, wenn die Menschen nicht im Überlebensmodus wären, in den Millionen Ukrainer durch russische Angriffe auf die Energieinfrastruktur getrieben wurden?
Geld ist gekommen, Fenster nicht
Anfang Oktober zog das Rentnerehepaar Sinaida und Oleksandr Loskutow in die Wohnung ihres Enkel. Sie hatten gerade ihre Umzugskartons ausgepackt, als am 22. Oktober direkt neben dem Haus eine russische Rakete explodierte. Von der Druckwelle waren Hochhäuser in vier benachbarten Stadtvierteln betroffen.
Die Loskutows hatten Glück. Am Tag vor dem Beschuss hatte Sinaida, als hätte sie das Unglück vorausgeahnt, die Fenster mit Klebeband abgeklebt. Das Band hielt einen Teil der Glasscheiben zusammen, sodass keine Splitter in die Wohnung flogen. Aber die Fenster selbst mitsamt der Rahmen und sogar die Küchentür wurden buchstäblich aus der Wand gerissen.
Noch am selben Tag kamen Mitarbeiter einer Hilfsorganisation, um die Fenster provisorisch mit Sperrholzplatten zu verschließen. Sinaida beantragte eine staatliche Entschädigung für die zerstörte Wohnung. Zwar kam das Geld schnell auf ihr Konto. Aber wie sollte man nun Fenster und Türen in den 11. Stock bringen, wenn es im Haus fast keinen Strom gab und der Aufzug nicht funktionierte?
Die Januarfröste machten die Reparatur fast unmöglich. Selbst für Handwerker ist es unter diesen Umständen schwierig, Fenster einzubauen und abzudichten. Die Loskutows isolierten die Sperrholzplatten mit Folie, Brettern und Schaumstoff, aber das half nur wenig. Seit drei Wochen liegt die Temperatur in der Wohnung bei 7 Grad plus. „Warm angezogen, unter drei Decken und mit mehreren Wärmflaschen einzuschlafen, ist noch machbar“, sagt Sinaida Loskutowa. „Aber den ganzen Tag in der Wohnung zu bleiben, ist unerträglich.“
Sie studiert an der Universität des 3. Lebensalters – einer internationalen Bildungsbewegung für ältere Menschen, in der Rentner kostenlos Vorlesungen besuchen, sich austauschen, digitale Kompetenzen und Sprachen lernen und Kultur- und Gesundheitskurse besuchen könen. Für Sinaida ist das auch eine Möglichkeit, sich zu beschäftigen und nicht mit ihren Ängsten allein zu bleiben.
Sich nicht beschweren
Maya Nagornyak nimmt derzeit an einem Onlinekurs in Psychologie teil. Sie ist über 50 und Dozentin am Institut für Journalismus der Nationalen Taras-Schewtschenko-Universität in Kyjiw. Für ihr Zweitstudium hat sie sich von ihrer Lehrtätigkeit eine Auszeit genommen.
Als in ihrer Wohnung der Strom ausfiel, musste sie für die Zoom-Konferenz in ein kleines Café laufen, das dank eines Generators Strom und WLAN hat. In ihrem Haus, noch dazu im 14. Stock, hängt alles vom Strom ab. Wenn der ausfällt, gibt es auch kein Wasser mehr – die Pumpen schaffen es nicht, Wasser nach oben zu befördern.
„In meiner Wohnung sind es gerade mal 8 Grad plus. Da fällt es schwer, sich zu konzentrieren“, sagt Maya Nagornyak. Sie versucht, sich nicht zu beklagen – vor allem, weil sie ständig an die Umstände denkt, unter denen ihr Mann, ein Deutschlehrer, seit vier Jahren an der Front lebt. Maya erzählt, dass er überrascht sei, wie sehr sich die Menschen im Haus-Chat beklagten. Im Vergleich zu der Eiseskälte im Schützengraben seien die Unannehmlichkeiten in der Stadt doch ganz andere.
Die Stadt ist am Limit und die Technik ebenfalls
Auch die Mitarbeiter der Versorgungsbetriebe sind ratlos: Die Menschen vergessen zunehmend, dass der Mangel an Strom, Heizung und Wasser nicht auf „mangelhafte Serviceleistungen“ zurückgeht, sondern auf die russischen Angriffe. Die Mechaniker, viele von ihnen bereits im Rentenalter – arbeiten sieben Tage die Woche, rund um die Uhr. Sie sind erschöpft und nervös.
Sie beginnen um fünf Uhr morgens und laufen täglich Tausende Treppenstufen hinauf und hinunter. Die Aufzüge sind außer Betrieb, die Anrufe reißen nicht ab. Die Kälte verschlimmert die Lage nur noch – häufig kommt es zu Unfällen. Ständig müsse man in Kellern oder unter Dächern herumkriechen, die Rohre mit Heizmatten erwärmen und geplatzte Rohre schweißen oder ersetzen, erklärt Andryj Hruschetskyj, ein Mitarbeiter des Wasserbetriebes.
Sein Partner, Wolodymyr Lasorenko, erzählt von einer Tragödie der vergangenen Woche: Zwei Klempner eines Notfall-Teams starben an Überarbeitung. „Früher war ein Team für zwei Wohnhäuser zuständig, jetzt für zwanzig“, sagt er. „Es ist schlicht unmöglich, auf jeden der vielen Notrufe zu reagieren.“
Punkte der Unbeugsamkeit
Seit drei Tagen arbeitet Ihor Serhyenko als medizinischer Psychologe in einem der „Punkte der Unbeugsamkeit“ in Kyjiw. Das sind große Zelte, in denen die Menschen die Zeit überbrücken, bis der Strom wieder kommt. Serhyenko arbeitet bereits seit 17 Jahren für den psychologischen Dienst des Staatlichen Katastrophenschutzdienstes der Ukraine (SES).
Seinen Beobachtungen offenbare gerade die Einfachheit der Bedürfnisser der Kyjiwer Bevölkerung die Erschöpfung der Stadt. Meistens wollten die Menschen ihr Handy aufladen, Tee trinken, sich aufwärmen und miteinander reden. „Ältere Menschen möchten lesen oder Kreuzworträtsel lösen“, erzählt er. „Für die Kinder habe ich Zeitschriften, Bücher, Kreuzworträtsel, Knetmasse, Farbstifte und Malbücher bestellt“, sagt Serhyenko.
Unterdessen sind die Schulen geschlossen – die Innentemperatur liegt nur bei etwa 6 Grad. Daher, so Serhyenko, verbrächten manche Kinder ganze Tage in den Zelten, während ihre Eltern arbeiteten.
Nach und nach entwickeln sich diese Treffpunkte zu kleinen Gemeinschaften: Die Menschen lernen schnell die Regeln, helfen einander und sorgen für Ordnung. Und in Kriegszeiten – besonders, wenn es kalt und dunkel ist – wird dies genauso wichtig wie Generatoren und Steckdosen. Die Stadt wird irgendwie zusammengehalten – durch einfache, alltägliche Gesten gegenseitiger Hilfe.
Aus dem Russischen Gaby Coldewey und Barbara Oertel
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