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Rot-Grün-Rot in Berlin Aufbruch oder Absturz?

Uwe Rada

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Uwe Rada

Berlin könnte zeigen, dass der Rechtsruck nicht unausweichlich ist. Doch dafür muss das mögliche Linksbündnis erst die eigenen Konflikte überwinden.

M an darf das Gezeter und Gezerre bei den Sondierungsgesprächen in Berlin auch mal positiv sehen: keine Politik hinter verschlossenen Türen, sondern eine Operation am offenen Herzen. Selten kann man politischen Aushandlungsprozessen derart in Echtzeit zuschauen. Unklar ist nur, ob die Operation erfolgreich sein wird, ob tatsächlich eine Koalition aus Linkspartei, Grünen und SPD zustande kommt und mit Elif Eralp erstmals eine Linke und Frau mit Migrationsgeschichte ins Rote Rathaus einzieht oder ob der Patient, das von den Wählerinnen und Wählern gewünschte Linksbündnis, am Ende tot sein wird.

Denn man kann das, was derzeit in Berlin verhandelt wird, auch mit Fassungslosigkeit verfolgen. Statt Vertrauen aufzubauen, ist den handelnden Akteuren, allen voran dem SPD-Wahlverlierer Steffen Krach, das Misstrauen gegenüber der Linken buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Und der grüne Spitzenmann Werner Graf konnte seinem Anspruch, als ruhende Mitte Zuversicht auszustrahlen und die Streithähne bei Laune zu halten, bislang nicht gerecht werden. Das Spitzenpersonal der Linkspartei wiederum, dessen Euphorie nach dem Wahlsieg angesichts der unappetitlichen Bilder von Clanmitgliedern und Terrorsympathisanten auf der Neuköllner Wahlparty schnell verpuffte, hat Mühe, die Fliehkräfte in den eigenen Reihen einzufangen.

Das migrantische Berlin und das Nichtwählermilieu mit dem Versprechen auf Bezahlbarkeit des Alltags an die Wahlurnen gebracht zu haben, ist ihr Erfolg. Der aber verpflichtet die Partei auch, klare Kante gegenüber jenen zu zeigen, die auf dieser Erfolgswelle mitreiten und Hass und Hetze verbreiten wollen.

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Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Vieles an den Schockwellen, die die Sondierungen aus Berlin derzeit in die Republik senden, hat das Land schon einmal erlebt. Es ist die Gewaltdebatte bei den Grünen, die regelmäßig aufkam, sobald eine Regierungsbeteiligung möglich wurde. Inzwischen sind die Grünen erwachsen. Vielen sind sie zu erwachsen, wie die jungen Wählerinnen und Wähler zeigen, die in Berlin mit fast 50 Prozent für die Linkspartei gestimmt haben. Aber auch sie müssen sich die Frage stellen, was am Ende zählt. Ein Stinkefinger Richtung Netanjahu und es den Etablierten mal so richtig zeigen? Oder eine radikale Reformpolitik, die allerdings auch Kompromisse erfordert? Recht behalten oder das Mietrecht ändern, das ist hier die Frage.

Aufbruchssignal aus Berlin

Vieles spricht dafür, dass die Linke die Wahl mit dem Thema Bezahlbarkeit und nicht wegen ihrer palästinasolidarischen Haltung gewonnen hat. Umso wichtiger ist es nun, dass es bei den Sondierungen einen überzeugenden Einstieg in diese Bezahlbarkeit gibt. Wer, wenn nicht ein Linksbündnis, kann beim Thema Mieten den Schalter umlegen? Dass die SPD nun ihr Mietenkataster preist und für Law and Order auch auf dem Mietmarkt eintritt, zeigt, wie sich der Diskurs nach links verschoben hat. Das ist ein Erfolg der Linken.

Diesen Einstieg in die Bezahlbarkeit braucht die Linke auch, um ihre Mitglieder mitzunehmen auf die lange Reise zu einem Linksbündnis. Mehr als verdoppelt hat sich die Mitgliederzahl der Partei im vergangenen Jahr. Verdoppelt hat sich damit auch das Risiko der Unberechenbarkeit – und am Ende sogar der Unregierbarkeit. „Berliner Verhältnisse“, werden dann jene sagen, die es schon immer gewusst haben.

Tritt man einen Schritt zurück, sind aus Berlin gerade zwei Signale zu vernehmen: Angesichts einer rasant wachsenden Polarisierung, der Stärkung des rechten Rands und einer Erosion der politischen Mitte könnte ein Berliner Linksbündnis ein Aufbruchssignal sein. Berlin bezahlbar machen als Überschrift für eine Politik, die konkretes politisches Handeln wieder an die Lebenswirklichkeit der Mehrheit der Menschen koppelt. Genauso gut könnten ein scheiterndes Linksbündnis und anschließende Neuwahlen die Erosion befördern.

All das lastet auf den Schultern derer, die gerade in Berlin sondieren. Dass sich so viele Bundespolitiker einmischen, zeigt: Selten stand die Bildung einer Landesregierung unter solcher Beobachtung wie in diesen Tagen. Vielleicht auch, weil hier etwas entstehen kann, das die These widerlegt, ein Rechtsruck in diesem Land sei unvermeidlich. Geben die Parteitage von Grünen und Linken grünes Licht, sollen im November die Koalitionsverhandlungen beginnen. Berlin ist in diesen Wochen ein aufregender politischer Ort. Ausgang des Experiments: offen.

Uwe Rada

Uwe Rada Redakteur taz.Berlin

Jahrgang 1963, ist Redakteur für Stadtentwicklung der taz. Weitere Schwerpunkte sind Osteuropa und Brandenburg. Zuletzt erschien bei Bebra sein Buch "Morgenland Brandenburg. Zukunft zwischen Spree und Oder". Er koordiniert auch das Onlinedossier "Geschichte im Fluss" der Bundeszentrale für politische Bildung. Uwe Rada lebt in Berlin-Pankow und in Grunow im Schlaubetal.
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9 Kommentare

  • Sole Mio

    Es wird spannend werden, ob es p. Gesetz möglich sein wird den großen Immobilienkonzernen wirklich 160.000 Wohnungen für eine durchschnittliche Entschädigung von 100.000€ je Wohnung zu nehmen. Das dürfte nur ein Bruchteil des realen Wertes sein und wahrscheinlich nicht haltbar. Die Gefahr ist durchaus gegeben, das es dann hinterher Nachzahlungen an die ehemaligen Besitzer geben würde und es zu einer weiteren Verschuldung kommt.

    Oder ist diese niedrige Summe reines Kalkül um das Vergesellschaften durch die Hintertür zu verhindern, bzw. sich in die nächste Wahlperiode zu retten?

    Die aktuellen Eigentümer würden bei einer Vergesellschaftung in die Insolvenz gehen. Wenn sie nicht noch schnell neue Gesellschaften gründen und den Bestand damit unter die Grenze verschieben.

    Der Drops ist noch lange nicht gelutscht. Das wird, auch durch Klagen, viele viele Jahre dauern.

    • Janix

      @Sole Mio:

      Das ist ein offensichtlicher Kompromiss mit Gesichtswahrung aller, und so ist es in der Politik.



      Je nach Miethöhe, Lage, Größe und Zustand der Objekte kann das sogar hinhauen bzw. werden dann die günstigsten Objekte zuerst gezogen. Verkauft von Sarrazin damals wurden die Dinger - nicht an die Mieter, Genossenschaften, sondern an Haischwärme - zu einem Spottpreis deutlich darunter.



      "2004 ist es dann im dritten Anlauf soweit. Die GSW mit ihren 65.700 Wohnungen geht für gerade mal 405 Millionen Euro an ein Konsortium der amerikanischen Immobilienfonds Whitehall und Cerberus. Dabei übernehmen die Käufer auch die Unternehmensschulden von über 1,5 Milliarden Euro." taz.de/Ausverkauf-der-Stadt/!6010700/

    • TheBox

      @Sole Mio:

      Wenn da nicht hunderte von Präzedenzfällen aus Straßen- und Bergbau ignoriert werden, ist die seit Jahrzehnten etablierte Entschädigung für Wohngebäude 150% Marktwert plus ein Baugrundstück in der weiteren Umgebung. Alle von hoch bezahlten Gutachtern im Auftrag kunstvoll gedrechselten Argumentationen warum das gerade hier nicht gelten soll halte ich für Selbstbetrug. Meine Vorhersage: Die Immokonzerne werden klagen, um als erste und sofort enteignet zu werden.

      • behr Behr

        @TheBox:

        Und die Entschädigungen „steuerfrei“ zu kassieren.

      • Ajuga

        @TheBox:

        Sie vergessen dabei wie so viele eine kleine Tatsache:

        Die letzten, die in Berlin sehr erfolgreich Immobilien enteigneten, war die Linkspartei.

        Und zwar geschah das 2018.

        Betroffen war der Remmo-Clan.

  • Wilfried Wang

    Herr Radas Reflektionen zum Abschluss der Sondierung der drei Parteien übernimmt einen Großteil der oppositionellen Skepsis. Richtig ist, dass das Thema Antisemitismus bei den Linken noch längst nicht für alle sichtbar und befriedigend "abgearbeitet" worden ist. Wie denn auch in dieser recht kurzen Zeit? Sollen die Linken tatsächlich dem Rat von Herrn Liminski von der NRW CDU befolgen eine "politische Säuberung" in der Partei vorzunehmen?

    Während die CDU in Sachsen-Anhalt erwägt für gewisse Gesetzesvorhaben der AfD zu stimmen?

    Am Ende von Herrn Radas Beitrag scheint dann doch die Utopie durch, die die progressive Koalition selbst gerne verströmen möchte.

    Sind wir denn schon alle dermaßen vom Alltagsrechtsextremismus zermürbt, dass wir uns gar nicht mehr freuen können, dass diese unsägliche, von der CDU geführten scheidenden Koalition endlich der Geschichte angehört, dass es wieder vernünftige, progressive und befriedende Politik in Berlin geben könnte, ja, einschließlich der unter der SPD vorgeschlagenen Prinzipien zur Vergesellschaftung von Wohnungen?

    Darf man noch hoffen?

    • So,so

      @Wilfried Wang:

      Man MUSS hoffen.



      Wenn diese Chance vergeigt wird, sieht es dunkel aus hier..

    • Janix

      @Wilfried Wang:

      Liminski ist wohl ein kluger, fleißiger Mensch, dem Wüst viel zu verdanken hat. Doch leider kein guter Katholik (mehr?), der seine Apostelgeschichte Kap. 4 präsent hätte. Pfui.

      Berlin darf nach den schwarzen Jahren wohl aufatmen. Etwas leisten muss die neue Koalition davon unbeschadet noch.

  • Michael Breitkopf

    Werter Kollege Uwe Rada, ich möchte mich gerne für Ihre treffliche Lage-Betrachtung bedanken. MfG, Michael Breitkopf (Sozialberatung im Stadtteilbüro Friedrichshain)