piwik no script img

Resilienz gegen BestechungWo es anfängt mit der Moral

Eine neue Studie untersucht, ab wann Kinder ein Gefühl für moralische Entscheidungen bekommen. Kulturelle Unterschiede gibt es dabei kaum.

Bestechung? Mit zunehmendem Alter können es Kinder erkennen Foto: Claudia Nass/CHROMORANGE/imago

Hintergehe ich meinen Mitbewohner? Ein Gedankenexperiment: Auf dem Wochenmarkt schenkt man mir zwei Mangos. Ich mag Mangos, mein Mitbewohner liebt sie. Ich komme nach Hause, er ist nicht da – ich habe Hunger. Beide essen oder eine Mango für den Mitbewohner aufbewahren? Er würde es nie erfahren, wenn ich ihm die geliebte Mango vorenthielte. Ich bin allein mit der Moral und den Mangos. Was ist richtig, was falsch? Moral macht uns aus: Keine künstliche Intelligenz fragt sich bislang, ob sie das Richtige tut. Sie folgt gleichgültig unseren Regeln. Wir Menschen dagegen streiten seit ewig, was genau wir für richtig oder falsch erachten. Oft lässt sich Moral nur schwierig festnageln. Andere Menschen, andere Sitten: In manchen Ländern gilt die Todesstrafe als probates Mittel, um Gerechtigkeit herzustellen, andere lehnen das Prinzip Auge um Auge ab. Wie kommt die Moral in die Welt? Welchen Einfluss haben unser Alter und unsere Kultur auf die Moral?

Die Studie

Diese Fragen stellten sich die AutorInnen einer neuen Studie im Fachmagazin Proceedings B der Royal Society aus Großbritannien. Konkret untersuchten sie, wie sich Kinder im Alter von drei bis elf Jahren aus Norwegen, Japan, den USA und Italien angesichts von Korruption verhalten. Dabei stellte das Team fest, dass sich von der grundsätzlichen Ablehnung der Kinder gegenüber Ungleichheit nicht auf ihre Ablehnung von Bestechung schließen ließ.

Team Zukunft – der Newsletter zu Klima, Wissen, Utopien

Du liest einen Text aus unserem Zukunfts-Ressort. Wenn Du Lust auf mehr positive Perspektiven hast, abonniere TEAM ZUKUNFT, den konstruktiven Newsletter zu Klima, Wissen, Utopien. Jeden Donnerstag bekommst du von uns eine Mail mit starken Gedanken für dich und den Planeten.

Um die 700 Kinder unterschiedlicher Alters- und Ländergruppen auf ihre Bestechlichkeit zu testen, versetzte sie das Forschungsteam in die Rolle von JurorInnen eines Mal-Wettbewerbs. Dem erkennbar schlechteren Bild war dabei ein Geschenk beigelegt. Kulturübergreifend erkannten die Kinder mit zunehmenden Alter, dass es sich um Bestechung handelte. Sie lehnten ab. Dieses Handeln führen die AutorInnen auf die kognitive Entwicklung der Kinder zurück.

Bei einem zweiten Experiment verteilte das Team Süßigkeiten so, dass die Kinder sie nicht gleich unter sich aufteilen konnten. Während die jüngeren Kinder die Ungleichheit hinnahmen, löste sich der kulturelle Einfluss auch hier bei den Älteren auf: Sie tolerierten die ungleiche Verteilung der Süßigkeiten unabhängig vom Heimatland weniger.

Was bringt’s?

Die Forschenden schließen, dass wir Moral nicht von Geburt an verstehen, sondern sie erst in unserer kognitiven Entwicklung erlernen. Moralische Entscheidungen setzen erstens die Fähigkeit voraus, die Auswirkungen des eignen Tuns zu verstehen. Die jüngeren Kinder waren teils nicht in der Lage, die Bestechung als solche zu erkennen – was wiederum die Voraussetzung für moralische Verantwortlichkeit bei Entscheidungen wäre.

Das bedeutet zweitens, dass Moral universell ist. Kultur beeinflusst sie zwar, aber sie reicht darüber hinaus. Menschen können sich also nicht hinter ihrer kulturellen Vielfalt vor ihrer Verantwortung verstecken. Und vor der Moral sind alle gleich.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

9 Kommentare

 / 
  • Wer hätte beide Mangos gegessen?



    Und warum?



    Bewirkt ein wiederholtes überschreiten, ignorieren einer inneren Grenze, eine angepassten Wahrheit ?



    Wahrscheinlich gibt es genau so viele Wahrheiten wie Moral.



    Jeder hat die Möglichkeit zu wählen, was für ein Mensch will ich sein.



    Ist doch nicht so schlimm, beide Früchte zu essen, weil der andere wird es niemals erfahren. Vorausgesetzt sämtliche entlarvenden Spuren wurden vernichtet. Also verlangt ein solches Verhalten einen gewissen Mehraufwand.



    Ist es das wert?

  • "Das bedeutet, dass Moral universell ist. Kultur beeinflusst sie zwar, aber sie reicht darüber hinaus".







    Genau so ist das. Moral ist universell und Teil des Menschseins.







    Wobei sich in den aktuellen Diskursen zeigt, daß Viele ein teilweise gestörtes Verhältnis zu Moral haben. Sei es durch erlebten Mißbrauch von Moral (z.B. seitens der katholischen Kirche), dem gehobenen Zeigefinger der Eltern, oder was auch immer. Oft steht dahinter eine Form von Anmaßung.



    Und das ist schade, denn recht betrachtet, beruht Moral vor allem auf dem *Prinzip der Gegenseitigkeit*: wie man in die Welt hinaus tönt..so schallt es zurück:



    - tue Gutes und dir wird Gutes widerfahren.



    - respektiere Andere und du wirst dafür respektiert werden.



    - hilf Anderen und man wird dir helfen wollen.



    - usw.







    Recht verstande (unbelastete) Moral ist also vor allem eines, nämlich ein besonders wichtiger Tragpfeiler der Lebenskunst und für alle die das beherzigen, eine zuverlässige Quelle von Vertrauen und Glück (übrigens auch dann, wenn das Gegenüber mal (ausnahmsweise) nicht dem Gegenseitigkeitsprinzip folgt).







    Es lohnt sich also über das Thema zu reflektieren, denn so Manche/s sind/ist da nicht (mit sich) im reinen.

  • „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

    – Immanuel Kant

  • Was hilft es wenn Kinder Moral entwickeln und diese als Erwachsene oft unterdrücken. Die Aussagekraft solcher Laborspielchen ist zudem sehr zweifelhaft.

    • @FraMa:

      Zu wissen was richtig/falsch ist hat auch was mit Schuldfähigkeit und somit Straffähigkeit zu tun.

      Erwachsene entscheiden selbst, immer wieder.



      Wenn sie es unterdrücken, dann haben sie ihre Gründe. Dann wiegt was anderes schwerer.

    • @FraMa:

      Die Erwachsenen erneut adressieren:



      Zu Rutger Bregman



      "Er spricht von Wirtschaftsanwälten, Börsenmaklerinnen, Werbetreibenden, Influencerinnen - Menschen, die streiken können, ohne dass sich der Lauf der Dinge ändert. Auf ihr Talent hat es der 36-Jährige abgesehen. Sie sollen ihr persönliches Glück hinten anstellen und sich von der "moralischen Ambition" anstecken lassen: "Moralische Ambition ist der Wille, die Welt drastisch zu verbessern. Die eigene Karriere den großen Problemen unserer Zeit zu widmen, seien es der Klimawandel oder Kindersterblichkeit, Steuerhinterziehung oder die nächste Pandemie. Es ist das Bedürfnis, etwas zu bewirken und etwas zu hinterlassen, das..."



      Kontext bei ndr.de z. moralischen Ambition:



      "Rutger Bregmans Buch "Moralische Ambition" ist ein Aufruf zu mehr Miteinander, mehr Mut, mehr Risiko - von einem idealistischen, ungeduldig-getriebenen Historiker, vor allem aber von einem Menschen, der an das Positive und Gute glauben will."



      Da sehe ich mit der Mango im Text ein Symbol, mehr aber nicht.



      Am Jahrestag eines historischen Tiefpunktes für menschliche Moral fällt es mir schwer, dem niederländischen Historiker zu folgen.



      "Gedanke setzt sich fest: Rutger..."

  • "Norwegen, Japan, die USA und Italien". 3 davon zeichnen sich durch einen ähnlichen klar westlich/säkular/individualistisch orientierten Kulturbereich aus, der vierte ist zwar etwas abweichend aber ebenfalls eher westlich/säkular. Das Kinder aus mehr oder weniger demselben Kulturkreis die selben Moralvorstellungen entwickeln ist logisch. Es fehlen in der Studie stark religiös, tribalistisch, kollektivistisch, autoritär, patriarchal, etc. geprägte Kulturkreise. So ist diese Studie schlicht nicht aussagekräftig!

  • Moral ist mit Macht verbunden siehe das krümelmonsterexperiment von Dacher Keltner von 1998, siehe Donald Trump, siehe Carl Schmitt.

  • "Das bedeutet zweitens, dass Moral universell ist."

    Sehr, sehr steile These. Es mag bestimmte universelle, als Moal verstehbare Grundeinstellungen geben, aber "...Kultur beeinflusst sie..." ...und zwar zum Teil sehr stark.

    Es gibt z.B. Kulturen, da ist es nahezu IMMER, unter fast allen Umständen, unmoralisch, die eigenen Eltern offen zu kritisieren und ihnen gar Widerworte zu geben. Das wird als Angriff auf fundamentale Regeln der Gemeinschaft gewertet. Es wird als moralisch besser betrachtet, das offensichtlich Falsche zu tun, wenn die Eltern es verlangen, als das Richtige zu tun und sich in offenem Widerspruch zu den Eltern zu verhalten. Abgesehen davon, dass es dabei in der Regel auch auf die Offenheit ankommt (Widerspruch, den keiner mitkriegt und der damit auch nicht die Gemeinschaft gefährdet, ist okay), stehen diese moralischen Vorstellungen den westlichen teils diametral entgegen: in der in westlichen Kulturen vorherrschenden Moral ist es moralisch richtig, das Richtige zu tun, auch wenn - und gerade dann! - man es sich damit mit der Familie verdirbt.

    Ganz so kulturlos ist Moral definitiv nicht.