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Reichtum und VerbrechenDiebe machen Gelegenheiten

Kolumne
von Leila van Rinsum

Beim kleinen Diebstahl folgen Polizei, Urteil, Strafe. Der große Diebstahl dagegen wird meist nicht mal so genannt. Manchmal ist er sogar legal.

D as Teuerste an meinem Fahrrad ist das Schloss. Es ist auch das schwerste, deswegen lasse ich es meistens zu Hause. Gelegenheit macht Diebe, heißt es ja, aber mein Fahrrad wollte in 10 Jahren noch niemand haben. Dabei könnte ich sogar verstehen, wenn jemand es stiehlt, weil sie gerade wirklich dringend ein Fahrrad braucht, er schnell irgendwohin muss – die U-Bahn ist blockiert, das Geld knapp wegen Mietwucher.

Andersherum kann ich weniger Sympathie aufbringen, etwa wenn Großinvestoren für noch größere Gewinnmagen bezahlbaren Wohnraum stehlen. Während kleine Diebstähle oft aus der Not heraus geschehen, folgt der große Diebstahl anderen Regeln. Meistens wird er dann nicht mal so genannt. Manchmal ist er sogar legal.

kolumne vermögen und verbrechen

Leila van Rinsum schreibt in dieser Kolumne regelmäßig über hohe Vermögen – und das Vermögen ihrer Besitzer*innen, sich damit auf Kosten der Allgemeinheit weiter zu bereichern. Verbrecherisch, aber nicht immer gesetzeswidrig. Denn wer reich ist, hat oft auch die Macht, Regeln zu gestalten – oder zu umgehen. Wie funktionieren die Systeme der extremen Ungleichheiten und wo gibt es Auswege?

Als ich im April 2016 ein Praktikum bei der taz machte, gingen weltweit die Panama Papers durch die Schlagzeilen. Mehr als Hundert Medienhäuser berichteten zeitgleich über die Methode der Anwaltskanzlei Mossack Fonseca in Panama. Sie hatte zahlreichen Überreichen dabei geholfen, Geld vorbei am Staatsfiskus in Offshore-Firmen zu verstecken.

Der Nachklang war für ein journalistisches Projekt einzigartig, überall wurden Ermittlungen eingeleitet, die Empörung war groß. Der Whistleblower „Don Joe“, der 2,6 Terabyte interne Daten der Kanzlei Mossack an Jour­na­lis­t*in­nen leakte, erklärte in einem Manifest, er tat es aus Protest gegen die wachsende Ungleichheit, gegen die immer tiefere Kluft zwischen Arm und Reich.

Die Panama Papers brachten zwar einige Politiker zu Fall – aber die landeten meistens weich. Der damalige isländische Ministerpräsident Sigmundur Davíð Gunnlaugsson trat nach Protesten zu den Enthüllungen zurück und kehrte ein Jahr später als Abgeordneter seiner neu gegründeten Partei wieder im Parlament ein.

Der pakistanische Premier Nawaz Sharif wurde 2017 wegen Korruption zu 10 Jahren Haft und einer Millionenstrafe verurteilt. Im Gefängnis saß er allerdings weniger als 1 Jahr, dann schaffte er es nach London ins Exil. Seit 2 Jahren ist er wieder Premier von Pakistan.

Und die beiden Geschäftsführer von Mossack Fonseca? Nach 8 Jahren Prozess wurden sie in Panama City freigesprochen. Jetzt zum 10-jährigen Jubiläum der Panama Papers wirkt das Ergebnis ernüchternd.

Bezeichnend dafür ist auch der Prozess von Christoph Z. am Landgericht Köln, der vor Kurzem zu Ende ging. Christoph Z. war Miteigentümer der Anwaltskanzlei Mossack und hatte geholfen, den deutschen Staat um 13 Millionen Euro zu betrügen. 10 Jahre später wurde er nun zu 3 Jahren Bewährung und 100.000 Euro Strafe verurteilt.

Von den Deutschen, die ihr Geld am Staat vorbei in Panama versteckt hatten, ist wenig bekannt. Viele zahlten die Differenz und gut war. Etwa 160 Millionen Euro trieben Behörden über Nachforderungen und Strafgelder ein. Und auch Banken haben an dem Betrug verdient. Während in Deutschland Menschen im Gefängnis sitzen, weil sie die Strafe fürs Fahren ohne Ticket nicht bezahlt haben, ist Steuerbetrug in Millionenhöhe ein Kavaliersdelikt.

Was hat die Aufregung über die Enthüllungen gebracht? Sie hat gezeigt, wie das System funktioniert, für die, die es sich leisten können. Mag sein, dass Gelegenheit Diebe macht – die großen Diebe aber machen sich ihre Gelegenheiten selbst.

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Leila van Rinsum Redakteurin

ist Redakteurin im Ressort Wirtschaft & Umwelt. Dort schreibt sie über Internationalen Handel und Entwicklungspolitik. Sie war zuvor freie Journalistin in Nairobi und Berlin und schrieb über Nord-Süd Beziehungen, Kapitalismus und Queeres.
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4 Kommentare

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  • Es wäre schön gewesen hätte ich im Artikel nicht nur Beispiele gefunden sondern auch Hintergründe über die Strukturen, die so eine Umverteilung ermöglichen. Über unsere Form von Kapitalismus und wie wir beeinflußt werden um im Sinne der Mächtigen zu handeln (durch sinnlosen Konsum, wenig Solidarität usw).



    So wie es hier dasteht könnte es auch ein Gespräch am Stammtisch sein, jaja.

  • Die Frage ist doch immer, wo die Diebe sitzen.

    Und die richtig großen Diebe sitzen nicht im Verborgenen.

    Die sitzen ganz offen in den VIP-Logen der Stadien, in den Logen der Theater und ja, sie sitzen auch in den Plenarsälen der Parlamente.

    Und da sitzen sie bequem und geschützt.

  • Auf LinkedIn sind gerade etliche Kommentare zu Klingbeils Ankündigung, Steuerhinterziehung stärker zu bekämpfen, zu lesen. Wie selbsternannte „Leistungsträger“ dort Steuerhinterziehung verteidigen, ist schon sehr erhellend. Aber wen wundert es, wenn der Bundeskanzler Steuern als Bestrafung eben dieser definiert:



    „Wie lange wollen wir es da noch treiben, gerade die Leistungsträger in unserem Lande zu bestrafen?“



    Dass eine höhere Belastung von finanziell besser gestellten Menschen vom GG gedeckt, wenn nicht sogar gefordert wird, sollte er als Jurist wohl wissen.

  • Wenn die Revolution kommt, geht es den großen Dieben, wie der Marketingabteilung der Sirius-Kybernetik-Corporation!