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Rechte Jugendliche in HamburgWieso Rechtsextremismus sich in bestimmten Stadtvierteln hält

Hamburg-Bergedorf galt jahrelang als Nazi-Kiez. Dann wurde es ruhiger – bis jetzt. Warum Rechtsextremismus sich lokal hält, erklärt eine Studie.

D er Look der neuen rechten Jugendcliquen erinnert an alte Styles. Die männlichen Mitglieder tragen kurze Haare oder Glatze, Bomberjacke, Sneaker oder Springerstiefel. Wie eine Erinnerung an die 1980er- und 1990er-Jahre sind junge extrem Rechte seit einigen Jahren sichtbar – und das nicht nur in Kleinstädten im Osten, sondern auch in städtische Milieus im Westen, zum Beispiel in Hamburg.

Hier lässt sich beobachten, dass es nicht nur der Style ist, der schon einmal da war, sondern es ist auch die räumliche Verortung, die sich wiederholt. In Hamburg agieren aktuell vermehrt rechte Jugendliche im Bezirk Bergedorf im Osten der Stadt. Aktuell nennt das Mobile Beratungsteam gegen Rechtsextremismus den Bezirk einen „Aktionsschwerpunkt junger Neonazis“. Dort agierten Rechtsextreme auch schon vor über 45 Jahren. Bergedorf galt lange als Nazi-Kiez.

Nun hat eine Kleine Anfrage der Linken in der Hamburger Bürgerschaft gezeigt, dass alleine seit Januar vergangenen Jahres 129 rechtsextreme Vorfälle in dem Bezirk registriert wurden – von NS-Graffiti über Hitler-Grüße bis hin zu Bedrohungen. Dabei geht es auch um sogenanntes „Pedo-Hunting“, bei dem unter dem Vorwand etwas gegen Pädophilie zu unternehmen, meist homosexuellen Menschen aufgelauert wird. In Bergedorf habe es laut Verfassungsschutz einzelne solcher Vorfälle gegeben.

Bei 44 der als rechtsextrem registrierten Vorfälle konnte die Polizei Tatverdächtige ermitteln. Sie machte 49 rechte mutmaßliche Täter aus.

Entpolitisierung wie in den 1980ern?

Allerdings seien die Jugendlichen in Bergedorf „in der traditionellen organisierten rechtsextremistischen Szene kaum bis gar nicht verhaftet,“ sagt Hamburgs Verfassungsschutzleiter Torsten Voß der Deutschen Presse Agentur (dpa). Sie wären „alle noch sehr jung, teilweise nicht einmal 18 Jahre alt“, so Voß. Ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild sei kaum erkennbar, aber rechtsextreme Ideologiefragmente.

Diese Einschätzung erinnert an die Bewertung der rechten Skinhead-Szene der 1980er-Jahre. In Bergedorf, ein auch multikulturell geprägter Stadtteil, fanden in den Achtzigern rechtsextrem Orientierte in der sich entwickelnden rechten Hooligan- und Musikszene zusammen. Zuvor agierte in Bergedorf-Lohbrügge die „Aktionsfront Nationaler Sozialisten“ um Christian Worch. Die Mitglieder dieser Szene überfielen lokale Jugendclubs, sprengten Stadtfeste und Partys und schlugen Personen zusammen, die sie als „links“ oder „migrantisch“ identifizierten.

Um die Kontinuität extrem rechter Organisierung zu verstehen, dass Rechte sich trotz Brüchen und Jahren der Inaktivität, lokal halten, hilft der Blick in eine Studie.

Daneben bildeten sich die extrem rechte Skinhead- und Schlägergruppe „Lohbrügger Army“ wie auch die HSV-Hooligan-Gruppe „Die Löwen“ zu festen Gruppen. Aus der „Army“ kamen die Skinheads, die 1985 Ramazan Avcı an der S-Bahnstation Hamburg-Landwehr ermordeten. Obwohl die Täter verurteilt wurden, erkannte der Polizeipräsident damals keine politischen Motive. Auch in Politik und Medien dominierte die entpolitisierende Wahrnehmung einer Jugendszene ohne geschlossenes Weltbild.

Im Stadtteil fand dann 1995 die „Nationale Liste“ (NL) um Christian Worch und Thomas Wulf ihre Zentrale. Nach dem Verbot der NL bauten sie das Netzwerk der Freien Kameradschaften auf, zu dem später der „Hamburger Sturm“ gehörte. Sie diskutierten, was sich später in einer Kameradschaft in Jena herausbilden sollte: die Gründung der terroristischen Gruppe NSU (Nationalsozialistischer Untergrund), die 2001 in Hamburg Süleyman Taşköprü ermordete.

Zusammenhang von NSDAP- und AfD-Wahlergebnissen

Wieso tauchen nun mehr als 20 Jahre später wieder rechte Jugendgruppen in Bergedorf auf? Um die Kontinuität extrem rechter Organisierung zu verstehen, dass Rechte sich trotz Brüchen und Jahren der Inaktivität, lokal halten, hilft der Blick in eine Studie. 2019 legten Davide Cantoni, Felix Hagemeister und Mark Westcott „Persistence and Activation of Right-Wing Political Ideology“ vor, in der sie eine „starke Korrelation“ der Wahlergebnisse der NSDAP zur AfD feststellten.

Die Studie möchte die AfD-Wahlerfolge nicht auf einen Aspekt verengen, sie hebt aber hervor, dass „kulturelle Traditionen“ von rechtsextremem Denken „über viele Generationen“ getragen werden kann. In Bergedorf erreichte die AfD bei der Bundestagswahl 2025 17,3 Prozent, in einzelnen Wahlbüros waren es zwischen 20 und 40 Prozent.

Schlagen die Jungen nun da wieder zu, wo die Alten schon sehr lange reden? Hass und Hetze weiter geben. Seit Jahren, so Cantoni, sei wissenschaftlich dargelegt, dass eine Beziehung zwischen den Einstellungen der Eltern und Kindern besteht. Sie scheint auch räumlich verankert zu sein.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Andreas Speit

Andreas Speit Autor

Rechtsextremismusexperte, Jahrgang 1966. In der taz-Nord schreibt er seit 2005 die Kolumne „Der Rechte Rand“. Regelmäßig hält er Vorträge bei NGOs und staatlichen Trägern. Für die Veröffentlichungen wurde er 2007 Lokaljournalist des Jahres und erhielt den Preis des Medium Magazin, 2008 Mitpreisträger des "Grimme Online Award 2008" für das Zeit-Online-Portal "Störungsmelder" und 2012 Journalisten-Sonderpreis "TON ANGEBEN. Rechtsextremismus im Spiegel der Medien" des Deutschen Journalistenverbandes und des Ministeriums für Justiz und Gleichstellung des Landes Sachsen-Anhalt. Letzte Bücher: herausgegeben: Das Netzwerk der Identitären - Ideologie und Aktionen der Neuen Rechten (2018), Die Entkultivierung des Bürgertum (2019), mit Andrea Röpke: Völkische Landnahme -Alte Sippen, junge Siedler, rechte Ökos (2019) mit Jena-Philipp Baeck herausgegeben: Rechte EgoShooter - Von der virtuellen Hetzte zum Livestream-Attentat (2020), Verqueres Denken - Gefährliche Weltbilder in alternativen Milieus (2021).
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