Studie zu Einstellungen von Jugendlichen: Was gegen die Brutalisierung von Jungen hilft
Die Einstellungen der Jugend? Ambivalent, zeigt das Kieler Landesdemokratiezentrum. Vor allem junge Männer liebäugeln mit Menschenverachtung.
Foto: privat/Kunkel
M it Messern und Schusswaffe wurden Jugendliche in Bargteheide angegriffen. In Flensburg flogen Molotowcocktails gegen Büros von Grünen, SPD und Die Linke. Rechtsextreme Sticker fanden sich an den Fassaden. In Elmshorn wird die Gartenlaube einer Lokalpolitikerin verwüstet, direkt nachdem die Linkspartei dort ihr Sommerfest gefeiert hat. Die Gewalt nimmt offenkundig zu.
Diese Entwicklung sei „wenig überraschend“ merkt Jan Kürschner an. Eine neue Regionalstudie zu Einstellungen von Jugendlichen in Schleswig-Holstein untermauert die Einschätzung des innenpolitischen Sprechers der Grünen Landtagsfraktion in Kiel.
Am 29. April hat das Landesdemokratiezentrum zusammen mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen e. V. die Ergebnisse der Regionalstudie vorgestellt. Ein ambivalentes Bild ergab die Befragung von mehr als 4.600 Schüler:innen der Jahrgangsstufen sieben bis neun an Gemeinschaftsschulen und Gymnasien. Ein „geschlossenes rechtsextremes Weltbild“ pflegten rund 3,5 Prozent der Befragten, schreibt Carl Philipp Schröder, der den Bericht verfasste.
Das entspreche dem Wert der Erhebung von 2018 und korrespondiere auch mit den Ergebnissen bundesweiter Studien zu rechtsextremen Einstellungen. Spürbar zugenommen habe jedoch der Kontakt zu der Szene und ihren Positionen – sowohl freiwillig als auch unfreiwillig. Ein weiteres Ergebnis korrespondiert ebenso mit den Resultaten anderer länderübergreifender Forschungsarbeiten.
Magdalena Finke (CDU), Innenministerin
Vor allem Jungen würden signifikant häufiger als Mädchen rechtsextreme Einstellungen zeigen, so Schröder. Bei der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF) fällt die Geschlechterdifferenz noch stärker ins Gewicht. Die militanten Aktionen auch im Land zwischen Nord- und Ostsee gehen vor allem aufs Konto männlicher Jugendlicher, die deutlich häufiger in einschlägigem Outfit auftreten und auf Social-Media szenetypische Emojis posten.
Die Studie zeigt weiter auf, dass die Zustimmung bei rechtsextremen Einstellungen für Ausländer:innenfeindlichkeit bei 10,7 Prozent liegt und die für Sozialdarwinismus bei 12,8 Prozent. Bei den Einstellungen zur GMF scheint der Sozialdarwinismus – Recht des Stärkeren – auszustrahlen. Befürworten doch 49,6 Prozent die Abwertung von Arbeitslosen, 24,4 Prozent die Abwertung von Geflüchteten, 18,9 Prozent von Wohnungslosen und 7,2 Prozent von Menschen mit Behinderung.
Diese Dimension untermauert ein weiteres Ergebnis der Studie: „72,2 Prozent stimmen bei mindestens einer Dimension zu“, hebt Schröder hervor. Im Vergleich zum Jahr 2018 sei das Ausmaß „der Abwertung von arbeitslosen Personen deutlich gestiegen“. Auch Menschen ohne Wohnung erfuhren mehr Abwertung.
Bei der Forschung nach Ursachen für diesen Trend wird man schnell auf die neoliberale Wirtschaftsideologie stoßen, die längst zum individuellen Selbstprofil wurde. Das, was Oskar Negt einst einen Kältestrom genannt hat, fördert auch die Anfeindung von vermeintlich normativen Liebes- und Lebensformen. So finden 34,9 Prozent die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren nicht gut, und 10,1 Prozent stimmen der Aussage, „Frauen sollten sich wieder mehr auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter konzentrieren“ zu.
Es sind solche Einstellungen, denen Taten folgen: 23,1 Prozent der Jugendlichen gaben an, selbst schon einmal eine Person entweder bepöbelt, ihre Dinge kaputt gemacht, sie geschlagen oder getreten zu haben; zu diesem knappen Viertel zählen auch diejenigen, die ihre Mitmenschen mit Worten oder mit einer Waffe bedroht haben, weil diese eine Behinderung haben, homosexuell, obdachlos oder ausländischer Herkunft sind, sich politisch links verorten oder einer bestimmten Glaubensgemeinschaft angehören.
Land will auf Prävention setzen
„Die aktuellen Ergebnisse sind alarmierend. Sie zeigen deutlich, dass sich etwas in unserer Gesellschaft verschiebt“, sagt Innenministerin Magdalena Finke (CDU). „Wir müssen frühzeitig hinschauen, zuhören und gezielt gegensteuern.“
Die Prävention sollte vielleicht nicht bloß zu einer Sensibilisierung der Schüler:innen führen. „Die Jungen piepen, wie die Alten pfeifen“, schrieb Heinrich Heine schon 1824 in der „Harzreise“. Eine politische Kultur der Empathie ist geboten, eine Sozialpolitik, die aus echter Zuwendung und nicht aus Herablassung ihren Antrieb bezieht.
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